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23. März 2015

«Es ist lustig, wenn man als Komiker ernst genommen wird»

Der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen amüsiert das Publikum nicht nur mit seinem medizinischen Kabarett, er will ihm damit auch zu mehr Gesundheit verhelfen.

Eckart von Hirschhausen
Eckart von Hirschhausen hat ein eigenes Comedygenre erfunden: das «medizinische Kabarett».

Eckart von Hirschhausen, können Sie uns kurz was zu Ihrer Doktorarbeit über die «Wirksamkeit einer intravenösen Immunglobulintherapie in der hyperdynamen Phase der Endotoxinämie beim Schwein» sagen?

(lacht) Es war ein grosser Irrtum, damit vier Jahre meines Lebens zu verbringen. Ich habe mir ein anspruchsvolles Thema gesucht, bei dem leider nichts Weltbewegendes herauskam. Im Nachhinein sehe ich das aber als prima Vorbereitung, um Kabarett zu machen. Der Blick hinter die Kulissen der Wissenschaft machte mich zu einem guten Vermittler zwischen Theorie und Praxis.

Damals hatten Sie noch keine Vorstellung, dass Sie einmal als Komiker arbeiten werden?

Überhaupt nicht. Ich hatte zwar parallel zum Studium immer Auftritte, in den Semesterferien etwa Strassenzauberei. Aber ich sah das nur als Hobby.

Eckart von Hirschhausen im Gespräch.
Eckart von Hirschhausen im Gespräch.

Ärzte sind ja nicht notwendigerweise bühnentauglich. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie da gewisse Talente haben?

Schon als Kind hab ich gezaubert, war fasziniert davon, wie leicht wir uns täuschen lassen. Auch für Witze habe ich mich schon damals interessiert und selbst kleine Witzebücher herausgegeben. Humor und Unterhaltungskunst beschäftigen mich also schon sehr lange.

Letztlich haben Sie nur anderthalb Jahre lang als Arzt praktiziert. Wieso?

Als Arzt an der Berliner Charité kam mir mit dem Fall der Mauer ein historischer Zufall zugute: Mein Krankenhaus wurde fusioniert, ich konnte nicht übernommen werden. Also studierte ich Wissenschaftsjournalismus und schrieb meine Doktorarbeit. Dann bekam ich ein Angebot für ein Varieté als Moderator und dachte mir, das probierst du mal einen Monat. Es war nie geplant, aus der Medizin auszusteigen.

Die Kunst der Medizin ist nicht, wahnsinnig viel zu operieren, sondern möglichst wenig zu tun.

Sie könnten auch heute noch als Arzt arbeiten?

Wenn man approbiert ist, ist man ein Leben lang Arzt – eine Privatpraxis dürfte ich aufmachen. Ich bin aber überzeugt davon, dass ich viel mehr für die Gesundheit der Menschen tun kann, wenn ich nicht im Krankenhaus bin. Es gibt einen schönen satirischen Arztroman aus den USA, «The House of God» von Samuel Shem. Er vertritt eine mir sehr einleuchtende Position: Die Kunst der Medizin ist nicht, wahnsinnig viel zu operieren, sondern möglichst wenig zu tun. Menschen gesund zu halten ist eine in Vergessenheit geratene ärztliche Kunst.

Wird bei uns zu viel operiert?

Momentan haben wir in Deutschland und der Schweiz in einigen Bereichen eine enorme Überversorgung. Wir operieren viel zu viele Hüften, Rücken und Knie, statt den Menschen zu helfen, sich mit Freude zu bewegen und so zu verhindern, dass solche Operationen überhaupt nötig werden. Als Arzt bekommt man halt viel Geld, wenn man operiert. Fürs Abwarten nicht.

In Deutschland kommt es offenbar vor, dass Ärzte von ihrer Klinikleitung zu Veranstaltung aufgeboten werden, an denen sie lernen, möglichst viel Geld aus den Patienten rauszupressen. Was halten Sie davon?

Je nach Diagnose bekommt der Arzt mehr oder weniger Geld von der Krankenkasse, das ist so. Aber früher war es nicht besser. Da lief es in Deutschland so, dass es pro Aufenthaltstag im Krankenhaus eine Pauschale gab – das führte dazu, dass die Leute erst dienstags entlassen wurden, obwohl sie freitags schon gesund waren. Heute werden sie dafür rausgeschmissen, bevor sie richtig gesund sind – eine ebenso unerfreuliche Tendenz. Zudem schätzt man, dass ein Drittel der Krankenhäuser gar nicht wirklich benötigt wird. Aber ich muss mir immer wieder sagen, dass es Dinge gibt, die ich ändern kann, und solche, die ich nicht ändern kann. Als Hofnarr dieses Gesundheitswesens kann ich immerhin wunde Punkte ansprechen und öffentliche Aufmerksamkeit auf Themen lenken.

Die Zigarette entspannt, weil sie den Entzug lindert. Dank ihr kann sich der Raucher kurzfristig wieder so fühlen wie ein Nichtraucher den ganzen Tag.

Man müsste also mehr präventiv arbeiten?

Ja, der grösste Hebel, den man hat, ist die Lebensführung. Seltsamerweise lernt man in der Ausbildung wenig über Motivationspsychologie. Etwa: Wie kann ich mich akzeptieren, ohne mich unter Druck zu setzen? Ich versuche, solche Ansätze zu streuen. In der Kürze hören sie sich recht banal an, aber sie hätten einen grossen Effekt, wenn man ein bisschen was umsetzt.

Zum Beispiel?

Raucher sagen ja gern, dass Rauchen entspannt. Aber wenn sie ihre Zigarette nicht bekommen, sind sie oft unerträglich. Die Zigarette entspannt, weil sie den Entzug lindert. Dank ihr kann sich der Raucher kurzfristig wieder so fühlen wie ein Nichtraucher den ganzen Tag. Ich weiss, dass dieser Satz vielen Leuten geholfen hat aufzuhören.

Hirschhausen mag Pinguine.
Hirschhausen mag Pinguine.

Helfen Sie mit Ihrem Programm öfters bei konkreten medizinischen Problemen?

Immer wieder mal. Das dramatischste war ein Mann, der in der Show gehört hat, dass eine Herzmassage im Rhythmus des Songs «Staying alive» gemacht werden muss. Die Leute haben beim Reanimieren immer Angst, was falsch zu machen. Ich sage: Denkt an John Travolta, das Lied hat 100 Beats pro Minute. Dieser Mann hat das also später bei einem Notfall angewendet und einem Menschen so das Leben gerettet.

Wow! Sie sorgen also für mehr als nur den Spass des Publikums?

Ja. Das Wichtigste ist: Wir müssen aufhören, Gesundheit mit Moral zu koppeln. «Du musst, du solltest» erzeugen keine Verhaltensänderung. Auch durch Beratung oder Psychotherapie ändert sich oft wenig. Viel wirksamer ist eine Veränderung des Umfelds. Wenn man sich mit anderen zum Joggen verabredet, hat man mehr Mühe, eine Ausrede zu finden, nicht zu gehen.

Machen diese konkreten Tipps auch Ihren Bühnenerfolg aus?

Die Menschen lachen, wenn sie sich wiedererkennen. Viele dachten vorher, dass nur sie so komisch ticken. Das Lachen ist die kollektive Erleichterung, dass dem nicht so ist. Deshalb ist mir das Liveprogramm so wichtig – es hat einen realen medizinischen Effekt.

Man unterschätzt oft, wie wichtig positive Gefühle, Lachen und Gemeinschaft für die Genesung sind.

Das Lied «Wunder gibt es immer wieder» kommt in Ihrem Programm regelmässig vor. Welches ist Ihr persönliches Wunder?

Nach einer Zaubershow in einem Krankenhaus erzählte mir ein Arzt, dass ein Junge, der über Wochen nicht gesprochen hatte, wieder anfing zu reden. Das war die Geburtsstunde meiner Stiftung «Humor hilft Heilen». Man unterschätzt oft, wie wichtig positive Gefühle, Lachen und Gemeinschaft für die Genesung sind. Die Schweiz ist da ja Vorreiterin, etwa mit dem Clown Pello oder der Stiftung Theodora. Und eigentlich ist der menschliche Körper ein Wunder. Wir neigen dazu, uns über ihn zu wundern, wenn etwas nicht funktioniert. Ich rate immer, sich abends bei jenen Organen zu bedanken, von denen man nichts mitbekommen hat – etwa bei der Bauchspeicheldrüse oder dem Magen.

Was genau macht Ihre Stiftung?

Ich versuche, das Gesundheitswesen mit Humorseminaren für Pflegekräfte zu verändern. Sie sollen dadurch motiviert werden, als Menschen in Kontakt mit Patienten zu treten. Obwohl unser Gesundheitssystem sehr teuer ist, ist es nicht besonders wirksam, weil es den Wert von Zuwendung ignoriert.

Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus uns Menschen.

In Ihrer aktuellen Show «Wunderheiler» geht es um Schul- und Alternativmedizin. Sie haben Verständnis für beide?

Wenn ich als Kind hingefallen bin, hat meine Mutter auf die schmerzende Stelle gepustet und gesagt: «Schau mal, Eckart, das Aua fliegt durchs Fenster.» Und ich hab das «Aua» fliegen sehen. Manchmal nützt eben nicht das Verfahren, sondern die Zuwendung. Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus uns Menschen.

Aber es gibt schon Scharlatane.

Natürlich gibt es Leute, die den Glauben an Alternativmedizin ausnutzen, die Plaketten verkaufen gegen Erdstrahlen oder behaupten, dass ein Bleichmittel gegen Krebs hilft. Vor so was muss man warnen. Aber im Alltag darf etwas Voodoo durchaus sein.

Wie reagiert denn die Ärztewelt auf Ihren Humor-Ansatz in der Pflege?

Sehr gut. Früher wurde ich vor allem als Komiker für Kongressabende, heute als Eröffnungsredner. Schon lustig, als Komiker ernst genommen zu werden.

Als Übersetzer der Wissenschaft haben Sie ja auch eine gewisse Verantwortung. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe ein Team um mich herum, zwei Wissenschaftsjournalisten, einen Psychologen und eine Biologin, von denen wird alles recherchiert, was ich sage und schreibe. Ich möchte keinen Quatsch erzählen. Mir ist bewusst, wie schnell das passiert.

Die Kombination von Humor und Medizin hat offenbar einen Nerv getroffen.

Das Bedürfnis der Menschen, etwas über ihren Körper und ihre Gesundheit zu erfahren, ist enorm. Lange war der Gedanke verbreitet, dass das nicht unterhaltsam sein darf. Aber Medizin ist ein Riesenthema, das interessiert jeden.

Wo ist der Beweis für den Nutzen? Was passiert, wenn ich nichts tue? Oft ist Nichtstun eine sehr gute Option.

Also haben Sie ein eigenes Genre erfunden, das medizinische Kabarett.

Es hat zwar nichts mit politischem Kabarett zu tun, aber es ist aufklärerisch im Sinne Kants, dass ich Menschen befähige, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Das wiederum wirkt durchaus politisch: Ich stelle Herrschaftswissen zur Verfügung, das normalerweise nur in Fachkreisen zirkuliert. Das motiviert die Leute, immer nachzufragen: Wo ist der Beweis für den Nutzen? Was passiert, wenn ich nichts tue? Oft ist Nichtstun eine sehr gute Option.

Haben Sie im deutschsprachigen Raum Konkurrenten in Ihrem Comedy-Genre?

Noch nicht gross, aber es werden sicher noch andere kommen, ich habe ja kein Patent darauf und möchte das auch gar nicht. Es ist notwendig, dass es andere Formen der Wissensvermittlung gibt. Der grosse Vorteil der Bühne ist, dass die Leute mal zwei Stunden an einem Thema dran sind. In unserer heutigen Zeit der Informationsüberflutung ist Aufmerksamkeit die knappste Ressource.

Wie erleben Sie die deutsche Comedy-Szene generell?

Die deutsche Komik ist sehr viel besser als ihr Ruf: Wir haben viele Kabarett-Theater – das ist ein grosser Schatz der deutschen Kultur. Und an jeder Volkshochschule gibt es Kurse, an denen man Improvisationstheater und Komik lernen kann. Was in Deutschland fehlt, ist sowas wie die Migros mit ihrem Kulturprozent. Bei uns wird leider in der Kulturförderung viel gespart.

Loriot und Dieter Hildebrandt gehören zu Hirschhausens Vorbildern.
Loriot und Dieter Hildebrandt gehören zu Hirschhausens Vorbildern.

Was hat Ihren Humor geprägt?

Ich habe drei Geschwister, darunter zwei ältere Brüder. Denen war ich als Kind immer unterlegen, also wurde der Humor meine Waffe. Geprägt haben mich auch grosse Komiker wie Loriot oder Dieter Hildebrandt. In der Schweiz mag ich Ursus und Nadeschkin sehr, mit denen bin ich auch schon aufgetreten.

Wie hat sich der deutsche Humor seit Loriot und Hildebrand verändert?

Es gibt kaum mehr grössere Ensembles, und die meisten treten nicht mehr verkleidet oder mit Requisiten auf, sondern gehen als sie selbst auf die Bühne. Der englische und amerikanische Stand-up-Stil hat sich stark verbreitet.

Wie entwickeln Sie ein neues Programm?

In der Regel über drei Jahre, und dann spiele ich es zwei bis drei Jahre. Ausserdem aktualisiere ich laufend: Wenn ich was Interessantes in der Zeitung lese, integriere ich das. Als Nächstes kommt aber erst mal ein Buch, Arbeitstitel: «Medizin und Magie – wie sich das Unerklärliche erklärt». Da geht es um Heilungsprozesse in anderen Kulturen und was wir von Schamanen lernen können.

Sie waren gerade in Zürich, um an einem Kongress aufzutreten.

Ja, ein Training für Führungskräfte, wie sie Humor in Präsentationen einbauen können. Es ist erwiesen, dass so die Inhalte viel besser hängen bleiben. Ausserdem plane ich mit Willibald Ruch von der Universität Zürich eine Studie über die Wirkung von Humor in der Pflege. Er ist international einer der wenigen Psychologen, die sich wissenschaftlich mit Humor beschäftigen.

Wenn vor uns Essen steht, denken wir: Gute Idee! Wer weiss, wann es das nächste Mal was gibt?

Jeder weiss, was gut für uns ist, doch keiner machts. Haben Sie mal gesagt. Wieso fällt es uns so schwer, gesund zu leben?

Das hat viel mit unserem Belohnungssystem zu tun. Unser intuitiver Impuls ist leider ein schlechter Ratgeber. Wenn vor uns Essen steht, denken wir: Gute Idee! Wer weiss, wann es das nächste Mal was gibt? Zwei Stunden später gibt es dann aber schon wieder was. Dabei wäre es sehr gesund, zwischendurch mal zu fasten – nur kommt es heute nicht mehr automatisch dazu. Und wir sind evolutionär nicht so gebaut, dass wir längerfristig denken. Deshalb folgen wir lieber dem kurzfristigen Impuls und belohnen uns. Die längerfristige Gefährdung blenden wir aus.

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Mir gehts derzeit gesundheitlich gut, von einer Kniegeschichte abgesehen, über die ich ja auch auf der Bühne erzähle. Das Wichtigste ist, dass man etwas tut, das einem am Herzen liegt, das Spass macht und gebraucht wird. In der Hinsicht habe ich enormes Glück. Auf der Bühne bin ich in meinem Element – wie ein Pinguin im Wasser.

Autor: Silja Kornacher, Ralf Kaminski

Fotograf: René Ruis