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26. März 2012

Lueg emol, Mami

Wenn Kinder basteln, steigt der Materialverbrauch. Echte Kunstwerke entstehen dabei eher selten. Eltern sind gut beraten, das zu akzeptieren, denn darauf kommt es gar nicht an.

Noch nicht der grosse Wurf, 
aber viel gelernt: 
Für Kinder geht es 
vor allem ums Ausprobieren. (Bild: Getty Images)

Was das Basteln bei Kleinen fördert: Der Nutzen und worauf es beim Start zu achten gilt

«Fertig», ruft Ida und hält ihrer Mutter ein undefinierbares Etwas unter die Nase. Die Dreijährige hat eine Skulptur gebastelt. Nüchtern betrachtet ist das Kunstwerk nur ein Papierknäuel, das von einem ungefähr fünf Meter langen Klebestreifen zusammengehalten wird. Während die Mutter sich fragt, was sie damit anfangen soll, ist das Mädchen bereits weggelaufen.

«Für Kinder geht es beim Basteln vor allem ums Ausprobieren», sagt die Solothurner Kunstpädagogin Christina Studer (55). «Sie erforschen Gesetzmässigkeiten und erschliessen sich so die Welt.» Kann man die Glitzersteine auf den Stoff kleben? Schneidet die Schere durch Karton? Wie viel Leim ist in der Tube? Am Schluss ist das Papier aufgebraucht und der rote Filzstift eingedrückt. Was fehlt, ist ein Ergebnis, das man dem Grosi schenken könnte. «Oft erwarten Erwachsene ein brauchbares Resultat, da sonst offensichtlich Material verschwendet wurde», so die Kunstpädagogin. Ergebnisse sind den Kindern aber viel weniger wichtig als der Erschaffungsprozess.

Kinderkunst ist dennoch kein Wegwerfartikel. Die Kleinen erwarten zwar nicht, dass jeder Schnipsel aufgehoben und die Wohnung mit ihren Gemälden tapeziert wird, aber es tut ihnen gut, wenn ihre Arbeit eine Wertschätzung erfährt. Wichtige Werke können, mit Namen und Datum versehen, archiviert werden. Es macht Freude, die Bilder und Basteleien Jahre später wieder in die Hand zu nehmen und die Entwicklung des Kindes zu verfolgen. Die ersten Gemälde sind meist wilde Kritzelknäuel. Danach kommt die Zeit der Kopffüssler, in der alle Lebewesen irgendwie wie Sonnen aussehen. In der nächsten Phase erhalten die Männchen Gliedmassen und das Dach auf dem Haus einen Schornstein.

Geht es darum, den ästhetischen oder entwicklungspädagogischen Wert der Bilder und Basteleien zu beurteilen, ist wohlwollende und differenzierte Anteilnahme gefragt. Christina Studer rät, ehrlich zu bleiben. Statt jedes Gekritzel in den Himmel zu loben, könnte man nachfragen: Erzähl mal, wie du das gemacht hast. Was hast du dir dabei vorgestellt? Wie könnte die Geschichte weitergehen?

Grosseltern, Götti oder Gotte, die oft mit Basteleien und Papierchen eingedeckt werden, tun ebenfalls gut daran, sich interessiert am Schaffensprozess zu zeigen. So würdigen sie die schaurig-schönen Geschenke viel eher als durch jahrelanges Aufbewahren. Nach einer gewissen Zeit dürfen die Beschenkten die Kunstwerke mit gutem Gewissen wegräumen. Nachschub ist mit Sicherheit schon unterwegs.

Autor: Bettina Leinenbach