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19. Mai 2014

Der Schweizer Swayze

Mit «Dirty Dancing» tanzte sich Patrick Swayze in die Frauenherzen. Luciano Mercoli will es ihm gleichtun. Er ist der einzige Schweizer im Ensemble des gleichnamigen Musicals, das ab dieser Woche in Zürich haltmacht. Das Migros-Magazin hat ihn beim Showstart in Berlin besucht.

Der Schweizer Swayze
Luciano Mercoli hinter den Kulissen des Berliner Admiralpalasts.

Entzücktes Kreischen hallt durch die Mauern des altehrwürdigen Admiralspalasts an der Friedrich­stras­se in Berlin. Auf der Bühne beginnt das grosse Finale von «Dirty Dancing» – das Orchester hat eben den legendä­ren Schlusssong «Time of My Life» angestimmt, was die zahlreich anwesenden weiblichen Fans der erfolgreichen 80er-­Jahre-Filmromanze in Begeisterung versetzt. Johnny und Baby tanzen sich frei von gesellschaftlichen Zwängen und Moralvorstellungen, und am Ende steht das ganze 28-köpfige Ensemble auf der Bühne, vom Berliner Publikum mit Standing Ovations bejubelt.

Glücklich und schweissgebadet verbeugen sich Tänzerinnen und Sänger, mittendrin der 26-jährige Zürcher Lu­ciano Mercoli, der den ganzen Abend fast ohne Unterlass auf der Bühne getanzt hat. «Das schlaucht ganz schön», erzählt er am nächsten Tag. «Nach jeder Szene rennt man raus in die Kulissen, zieht sich rasch um und tanzt weiter. Es war mir am Anfang immer etwas un­angenehm, wenn ich so stark geschwitzt habe, aber bei meiner Tanzpartnerin war es ja genauso – und inzwischen hat es sich gebessert», sagt er und lacht.

Fällt der Hauptdarsteller aus, übernimmt Mercoli

Mercoli erhielt die Zusage für das Musical zwei Tage, bevor Anfang April die Proben begannen. Er ist Tänzer im Ensemble und eine der beiden Zweitbesetzungen für die Hauptrolle des Johnny. «Wir kommen zum Einsatz, wenn der Hauptdarsteller wegen Ferien oder Krankheit ausfällt, im Schnitt ein- bis zweimal pro Monat.» In Berlin stand Mercoli bisher noch nicht als Johnny auf der Bühne, aber es macht ihn schon jetzt nervös, dass es früher oder später so weit sein wird. «Die Rolle ist sehr anspruchsvoll und Haupt­darsteller Maté Gyenei ein unheimlich guter Tänzer – es ist ­eine Herausforderung, da mitzuhalten.»

Luciano Mercoli (Mitte) in Aktion. Als Ensemblemitglied steht er fast ununterbrochen im Einsatz.
Luciano Mercoli (Mitte) in Aktion. Als Ensemblemitglied steht er fast ununterbrochen im Einsatz.

Dass er quasi «nur» Zweitbesetzung ist, stört ihn nicht. «Hauptsache, ich darf auf der Bühne stehen und tanzen.» Und das tut er nun praktisch jeden Tag.Lampenfieber hat er dabei nie. «Ich habe mich schnell eingelebt und fühle mich extrem wohl in dieser Show.» Nervös ist er nur, wenn er weiss, dass sein Bruder Giuliano im Publikum sitzt. Der ist ­­ 13 Jahre älter und ebenfalls Musicaldarsteller – hat also ein besonders geschultes Auge. «Wir standen sogar schon in einer Show gemeinsam auf der Bühne.»

Mercoli ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Den italienischen Namen verdankt er dem ersten Mann seiner Mutter, einem Tessiner, der zwar nicht sein Vater ist, dessen Nachnamen sie jedoch behalten hat. «Und dazu brauchte es halt einen passenden Vornamen.» Mercoli war vier Jahre alt, als er in Zürich zum ersten Mal ein Musical sah: «Cats». «Danach habe ich gesagt: Mami, ich will tanzen!» Seine Eltern nahmen die Nachricht relativ gelassen auf, da sich ihr ­älterer Sohn ja auch schon in diese Richtung ausbildete. Sie schickten ihn ­erst mal ein paar Jahre ins Kinderballett.

Hauptsache, ich darf auf der Bühne stehen und tanzen.

Schwieriger wurde es in der Schule: «Die anderen verspotteten mich, ich mache einen Mädchensport, sei bestimmt schwul und so weiter.» Das machte ihm so sehr zu schaffen, dass er für eine Weile aufhörte, Ballett zu tanzen. Aber letztlich folgte er seiner Leidenschaft doch, machte weiter und ­begann mit 16 eine Ausbildung an der Zürcher Theaterschule Comart. Jeweils im Sommer besuchte er eine Zirkusschule in Budapest und zog schliesslich weiter nach Hamburg, wo er an der Staatsoper erste kleine Auftritte hatte. Den ersten grossen Job bekam er auf ­einem Kreuzfahrtschiff im Frühling 2010, auf dem er für ein halbes Jahr in der Nord- und Ostsee unterwegs war und die Gäste mit Tanz und Akrobatik unterhielt.

Seither steht er praktisch pausenlos auf den Bühnen Europas, unter anderem mit «Hair», «Kein Pardon» und auch schon in Zürich mit dem Udo-Jürgens-Musical «Ich war noch niemals in New York». Damals hätte er bereits die Chance gehabt, in «Dirty Dancing» aufzutreten. «Es fiel mir schwer zu verzichten, aber ich hatte den Vertrag für Zürich schon unterschrieben.» Seither jedoch hatte er das Musical auf dem ­Radar, und als er davon hörte, dass es ­eine neue Tour geben sollte, bewarb er sich sofort. «Der Sound und die verschiedenen Tanzstile liegen mir sehr, es macht unheimlich Spass.»

Bei den Shows entstehen Freundschaften fürs Leben

In Berlin lebt er während der Show im Hotel, in Zürich wird es eine Wohnung sein. «Zum Glück, denn so können wir selbst kochen.» Immer auswärts essen wie in Berlin, könnte er sich in Zürich nämlich nicht leisten. Mercolis Basis ist seit einigen Jahren Hamburg, wo er ein Zimmer hat, zu Zürich hat er keine so enge Beziehung mehr. Und im Grunde ist er sowieso pausenlos unterwegs – Beziehungen und Freundschaften zu pflegen, ist deshalb nicht leicht. Aber damit kann der Single leben, das Tanzen ist ihm wichtiger. «Zudem entstehen bei diesen Shows auch einige Freundschaften fürs Leben, schliesslich arbeitet man über Monate sehr eng zusammen.»

Luciano Mercoli wird von Chefmaskenbildnerin Sarah Kleindienst auf seinen Auftritt vorbereitet.
Luciano Mercoli wird von Chefmaskenbildnerin Sarah Kleindienst auf seinen Auftritt vorbereitet.

Sein Vertrag für «Dirty Dancing» läuft vorerst bis Dezember; Mercoli hofft, dass die Show gut ankommt und verlängert wird. Falls nicht, muss er zwei, drei Monate vor Ende anfangen, sich nach einer neuen Rolle umzusehen. Aber diese Zukunftsunsicherheit gehört zum Job, und je mehr Shows er vor­weisen kann, desto grösser die Chancen auf ein weiteres Engagement und einen anständigen Lohn.

Sein Bruder ist jetzt 39 und steht noch immer auf der Bühne. «Ich werde das kaum so lange machen können, da spielt mein Körper nicht mit.» Schon heute spürt er gelegentlich seine Knie oder seine Schultern, die Beweglichkeit ist eingeschränkter als früher. Immerhin hat er bereits einen Plan B: Eine Ausbildung in Richtung Massage und Physiotherapie. Allerdings beschäftigt ihn ­seine Zukunft noch nicht gross. «Dafür geniesse ich die Gegenwart viel zu sehr.» Sagts und macht sich auf den Weg, seinen Johnny zu proben. Damit dann auch alles klappt, wenn es so weit ist.

Fotograf: Annette Hauschild