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24. Oktober 2011

«Ich bin allgemein nicht mehr so giftig»

Lorenz Keiser geht mit seinem neuen Programm «Big Bang» auf Schweizer Tournee. Der Kabarettist, Kolumnist und Vater über sein Leben auf der Bühne, staatliche Unterstützung, Existenzängste und das Partyleben seiner Kinder.

Lorenz Keiser
Der erfolgreiche Kabarettist Lorenz Keiser hat wegen seines letzten Films Schulden gemacht. Die Laune hat ihm das jedoch nicht verdorben.

Lorenz Keiser, nach Gastspielen in den grossen Städten gehen Sie nun mit mit ihrem Programm «Big Bang» aufs Land. Städter sind es gewohnt, dass einer auf der Bühne säuft, kifft und im Rausch geringelte Säbelzahnwespen sieht. Wie reagiert das Publikum in Glarus darauf?

Das werden wir sehen! Wenn es um Alkohol und Drogen geht, gibt es überall Besucher, die leicht betreten reagieren und sich überlegen, wie ich das wohl meine. Es bereitet mir durchaus auch Vergnügen, wenn das Publikum ein wenig erschrickt — und es muss nicht immer einverstanden sein mit mir. Satire sollte die Leute dazu bringen, über etwas nachzudenken.

Verharmlosen Sie Gefahren?

In der Schweiz gibt es mehr Tote und Schwerverletzte wegen Ski- und Bergunfällen als wegen Alkohol. Offenbar findet die Gesellschaft, körperliche Ertüchtigung sei jährlich 135 Tote beim Sportausüben wert. Darüber lesen wir keine Skandalartikel. Wenn ich das in Relation stelle, erschrecken manche.

Wie ist es, wenn das Publikum unerwartet reagiert? So wie kürzlich jene Zuschauerin in Basel, die auf Ihre Frage, was sie von Beruf sei, antwortete: Ich schaffe.

Es ist immer ein spannender Moment, wenn ich anfange, mit dem Publikum zu sprechen. Und natürlich ein schwieriger, weil ich nicht weiss, wie die Reaktion sein wird. Am Abend davor hatte eine Dame auf die gleiche Frage stolz geantwortet: I schaffe nyt. Das war ein Novum, und in meinem Kopf passierte im Bruchteil einer Sekunde ganz viel. Als Erstes dachte ich, das sei jetzt noch blöd, weil ich die Person im Verlauf des Programms ja immer wieder brauche. Aber ich nehme, was kommt. Lustigerweise ergaben sich aus der Situation zusätzliche Scherze, an die ich vorher gar nicht gedacht hatte.

Waren Sie zu schnell bei der Wahl?

Die Dame sah nicht aus, als wäre sie pensioniert. Fürs Scannen und Aussuchen habe ich etwa 45 Sekunden Zeit. Ich weiss nur etwas sicher: Leute die wegschauen, muss man nicht nehmen. Die wollen nicht.

Sie müssen mit Ihren Vorstellungen Geld verdienen. Verzichten Sie darum in SVP-Hochburgen auf gewisse Pointen?

Im Gegenteil, gerade dort kommen die anderen. Nirgends ernten Ueli-Maurer- Sprüche mehr Lacher als in seiner Heimatgemeinde Hinwil. Beim Schreiben eines Programms lege ich meinen Ehrgeiz darauf, so gut es geht etwas Neues zu machen. Ob es Erfolg hat oder nicht, kann man trotz jahrelanger Erfahrung schlicht nicht vorhersagen.

Wie kommt «Big Bang» an?

Man sagte mir, das Programm sei intellektueller als alle früheren. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Es gibt garantiert viele, die das bestreiten. Jedenfalls hat es das Schweizer Fernsehen abgelehnt, «Big Bang» aufzuzeichnen. Es sei zu anspruchsvoll für die Zuschauer.

Sie sind nicht mehr ganz so giftig wie auch schon.

Ich bin allgemein nicht mehr so giftig. Mich interessiert der direkte, namentliche Frontalangriff, den ich jahrelang praktizierte, einfach nicht mehr so. Unterdessen finde ich das Zwielicht der Satire interessanter, in dem man nie genau weiss, wie eine Aussage gemeint ist.

Lorenz Keiser
Der erfolgreiche Kabarettist Lorenz Keiser hat wegen seines letzten Films Schulden gemacht. Die Laune hat ihm das jedoch nicht verdorben.

Was sagen Ihre Teenagerkinder dazu, dass sie im Programm vorkommen?

Sie kommen eben nicht vor. Ich stehe ja auch nicht als Privatmann auf der Bühne, sondern als eine Kunstfigur und interpretiere Charaktere. Würde ich Episoden meiner Kinder zum Besten geben, wäre das schlechter Geschmack. Natürlich haben sie trotzdem etwas zu leiden, weil alle denken, bei Keisers zu Hause gehe es so zu, wie ich es auf der Bühne darstelle. Gerade darum lachen die Leute auch, weil es eben bei allen zu Hause mehr oder weniger so abläuft.

Letzten Winter lief Ihr erster Spielfilm «Länger Leben» in den Kinos. Um finanziell zu rentieren, hätten ihn 80 000 Zuschauer schauen müssen. Haben Sie dieses Ziel erreicht?

Nein. Wir hatten etwas über 36 000. Das ist für einen Schweizer Film zwar grossartig, aber finanziell unerfreulich. Ich habe nicht nur zwei Jahre gratis gearbeitet, sondern jetzt auch noch Schulden.

Die Sie noch lange abzahlen müssen?

Nein, wir müssen gemäss Vertrag mit den Geldgebern nur das Geld zurückzahlen, das wir einnehmen konnten. Aber Schulden sind das natürlich trotzdem.

Ist die Einladung ans Comedy Film Festival in New York eine moralische Genugtuung?

Es ist jedenfalls nicht nichts! In der Schweiz war das Projekt von allen öffentlichen Stellen abgelehnt worden. Dass sich New York nun für «Länger Leben » interessiert, freut mich sehr. Einfach lässig! Es ist schön, wenn auf der anderen Seite der Welt mein Film von Leuten ausgelesen wird, die ein Comedy Festival machen, in dem es nur um etwas geht: Ist der Film lustig oder nicht. Gezeigt wird er auf Schweizerdeutsch mit englischen Untertiteln. Im Titel schlich sich in den USA übrigens ein Tippfehler ein. Er wird als «Langen Leber» angekündigt, was grad passt, schliesslich geht es um Organtransplantation.

Welche Erwartungen knüpfen Sie an das Filmfestival?

Keine. Die Chance, dass irgendetwas passiert, ist minimal. Ich habe einfach Freude, dass ich dorthin gehen kann.

Wer zahlt die Reisespesen?

Natürlich ich. Die Amerikaner zahlen weder die extra anzufertigende 35-mm- Kopie noch deren Transport oder etwas an Flug und Hotel. Die sind sich bewusst, dass es genug Ehre ist, wenn man eingeladen ist.

Vermögen Sie diese Zusatzkosten noch?

Ja, ja. Zumal das Eidgenössische Departement des Äussern den Transport der Kopie und etwas an meine Reisespesen zahlt, was ich sehr nett und grosszügig finde. Was auch schön ist, dass sich alle riesig freuen. Das Konsulat in New York schrieb mir Mails und stellte die Info auf ihre Homepage.

Ein Nachfolgefilm steht momentan wohl nicht zur Diskussion?

Unter Bedingungen, wie ich diesen Film machte, würde ich nicht nochmals einen machen. Es ist zwar an der Tagesordnung, dass Künstler zu ihrem eigenen Schaden Werke kreieren. Aber es gibt eine Grenze der Selbstausbeutung. Das macht man einmal, weil man es unbedingt will, aber dann reicht es auch.

Sie arbeiten zeitlebens selbständig. Haben Sie manchmal Existenzängste?

Nein, nie. Sonst könnte ich gar nicht so arbeiten, wie ich es seit Jahren tue. Man weiss ja nie, wie es in sechs Monaten weitergeht. Aber irgendwie geht es immer.

Lorenz Keiser
Lorenz Keiser träumt von einer grossen Jacht und einem Ferienhaus in New York.

Obwohl Sie nicht nur sich, sondern eine ganze Familie ernähren müssen?

Meine Frau hat den Kinderbuchladen Mr. Pinocchio im Zürcher Oberdorf. Sie ist also ebenfalls selbständig und geht glücklicherweise mit der gleichen Einstellung wie ich durchs Leben. Klar, reden wir über Geld, aber wir haben nie Stress deswegen. Ausserdem kenne ich das von meinen Eltern: Die wurden auch nicht reich und verjubelten das Geld mit grosser Freude, wenn welches da war. Ab und zu hiess es, wir müssten sparen, was dann keiner tat. Tatsache ist, mit einer Familie kann man die Kosten nicht massiv runterfahren. Klar, kann man auf teure Ferien verzichten. Aber die Fixkosten sind da, und wenn die Kinder billigere Turnschuhe kaufen sollen, fängt der Ärger an.

Sie leben bescheiden, kamen mit dem Velo zum Interview. Haben Sie sich nie einen Ferrari gewünscht?

Nein. Ich hätte gerne ein Ferienhaus in New York, eins in London und eins in Italien — und eine teure Jacht. Aber wahrscheinlich hätte ich dann schlicht Angst, wenn um mich herum nur noch Wasser wäre. Und bei Zweimeterwellen würde mir bloss schlecht. Also träume ich lieber. Unser 14-jähriger Sohn begeistert sich neuerdings für Boote. Darum ging letztes Jahr die ganze Familie an die Bootsausstellung nach Genua. Dort liessen wir uns diese gewaltigen Luxusjachten zeigen. Man muss anständig tun, sich anmelden und die Visitenkarte abgeben, dann machen die das anstandslos. Wer Geld im Sack hat und wer nicht, sieht man den Leuten ja je länger, desto weniger an. Es war wie an der Züspa, nur auf einer anderen Stufe.

Sie leben in Zürich. Durften Ihre Kinder trotz der Krawalle im September ausgehen?

Meine 17-jährige Tochter war mittendrin, als es am Bellevue explodierte, wie 50 Prozent aller Stadtjugendlichen in dem Alter. Denn die hatten alle ein SMS erhalten, es sei eine Party am Bellevue. Es war tatsächlich eine Party, bis es von einer Sekunde auf die andere keine mehr war. In solchen Momenten gehen all jene möglichst schnell weg, die den Krieg nicht wollten. Man kann und soll seine Kinder schützen. Aber das geht nur bis zu einem gewissen Punkt.

Haben die Jugendlichen tatsächlich zu wenig Freiheiten oder einfach zu wenig Fantasie?

Ich war als 21-Jähriger am berühmten Bob-Marley-Konzert im Mai 1980 und kam mit 6000 anderen Leuten aus dem Konzert. Wir gingen zu Fuss, weil die Trams nicht fuhren. Am Bellevue demonstrierten zu gleichen Zeit 300 Leute gegen den Opernhausbeschluss. Innert Sekunden waren es 6300, und innert Sekunden gab es Krawall. Es ist der übliche Schrei nach Freiheit, der sich auf eine ähnliche Art wiederholt. Das ist meine Interpretation: Die Jugend wächst in einer Welt auf, in der alles da ist und alles schon gemacht ist. Alles ist vorhanden und bis zur Perfektion fertig. Wo sind Räume, in denen nichts reguliert ist? Wo sind die Möglichkeiten, irgendetwas auszuprobieren? In jedem anderen Land gibt es Brachland. In New York, im Meatpacking District, entsteht gerade viel Neues und Spannendes. In der Schweiz gibt es nirgends Platz für billige, improvisierte Ateliers, für Freiräume.

Und Pyros in den Fussballstadien?

Das ist etwas ganz anderes. Im Letzigrund waren unterprivilegierte Hooligans am Werk, die sich gerne prügeln und Fahnen verbrennen. Ich muss immer grinsen, wenn irgendwo so ein Stück Stoff verbrannt wird. Das ist einfach läppisch. Das machen sonst eigentlich nur Radikalislamisten. Aber diesen Hooligans bedeutet eine Fahne wirklich etwas. Ich finde es einfach masslos dumm. Nur schon aus diesem Grunde müsste man zur Strafe FCZ und GC zwangsfusionieren.

Autor: Reto Wild, Ruth Brüderlin

Fotograf: Siggi Bucher