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18. November 2013

Lohngerecht

Die 1:12-Initiative will die höchsten Löhne einer Firma in diesem Verhältnis zu den tiefsten zementieren. Neu ist die Idee allerdings nicht, wie der Blick ins Ausland zeigt.

Was ist ein gerechter Lohn? Wer soll wieviel verdienen?
Was ist ein gerechter Lohn? Wer soll wieviel verdienen? (Bild: Fotolia)

Ist es ungerecht, wenn der Chef einer Firma das Hundertfache seiner Angestellten auf tiefster Lohnebene verdient? Oder schadet es, wenn der Staat bei Löhnen in der freien Wirtschaft korrigierend eingreift? Diese Fragen müssen die Stimmbürger am 24. November 2013 an der Urne beantworten. Verlässliche Erfahrungswerte, was eine Annahme der Initiative konkret bewirkt, gibt es keine. Die Pro- und Kontra-Komitees führen gegensätzliche Argumente ins Feld:

Pro Kontra
Die Initiative...Bei einer Annahme...
… stoppt Abzocker… steigen Steuern und AHV-Beiträge
… sorgt für gerechtere Löhne… diktiert der Staat die Löhne
… stärkt den Konsum… lagern Unternehmen Stellen aus
… kurbelt die Wirtschaft an… erhöht sich die Arbeitslosigkeit

Ähnliches aus dem Ausland

Der Blick über die Grenze zeigt, dass die Idee einer Gehaltsbegrenzung für die Teppichetagen in Grosskonzernen keine rein schweizerische Angelegenheit ist. Im Gegenteil: Eine Forderung der deutschen Linkspartei geht sogar noch viel weiter, da die Begrenzung nicht innerhalb einzelner Unternehmen, sondern für den ganzen Staat gelten soll: «Niemand sollte mehr als 40 Mal so viel verdienen wie das gesellschaftliche Minimum». Der Vorschlag geht den Bürgerlichen im Nachbarland zu weit. Aber im Unterschied zur Schweiz erkennen sie an, dass Managergehälter mehr Mass brauchen. Laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» können Aktionäre bei der Vergütung der Geschäftsführung künftig mitreden. Als Ergebnis der aktuellen Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und SPD sollen darüber hinaus börsenkotierte Aktiengesellschaften angeben müssen, wie viel Vorstände im Vergleich zum Durchschnitt der Belegschaft verdienen.

Die EU will eine ähnliche Regelung europaweit einführen. Wenn es nach Binnenmarktkommissar Michel Barnier geht, sollen die Aktionäre bei jedem Unternehmen in der EU über die Gehälter der Manager entscheiden. Laut der Nachrichtenagentur Reuters haben sich die Mitgliedstaaten ausserdem darauf geeinigt, dass Bonuszahlungen höchstens die Höhe des Fixsalärs betragen dürfen. Bereits geregelt ist, dass höchstens ein Viertel einer Bonuszahlung in bar überwiesen werden darf und der Rest beispielsweise in Aktien erfolgen muss, um die Belohnung stärker an den künftigen Unternehmenserfolg zu binden. In Amerika machen Aktionäre schon länger von diesem Recht Gebrauch: So stimmten die Eigentümer der US-Bank Citigroup gegen den Jahreslohn von CEO Vikram Pandit in Höhe von 15 Millionen Dollar.

In Frankreich hat Ministerpräsident François Hollande schon länger eine Gehaltsobergrenze für Chefs staatlicher Unternehmen durchgesetzt: Sie erhalten maximal 450'000 Euro im Jahr. Bei Firmen mit Staatsbeteiligung wird der Hebel anders angesetzt: Dort darf der Jahreslohn des Chefs nicht mehr als 20 Mal höher sein als der niedrigste der Mitarbeiter. Wie die Zeitschrift «Saldo» berechnet, ergibt sich bei einem Angestellten mit gesetzlichem Mindestlohn von umgerechnet 1678 Franken im Monat ein zulässiges Jahresgehalt von 402'730 Franken für den Chef. François Hollande geht mit gutem Beispiel voran und kürzte den Lohn zuerst bei sich selbst: Er bezieht jährlich 191'520 Franken.

Autor: Reto Vogt