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08. April 2013

Logopädenfutter

Die Zahnlücke
Sie führt zum «Thupermarkt»: Die Zahnlücke.

Meine Grosse hat blaue Augen, blonde Haare, eine Stupsnase mit Sommersprossen – und einen gewaltigen Sprachfehler. Ida sagt zum Beispiel «Thupermarkt» statt «Supermarkt». Oder «Theitung» statt «Zeitung». Das ist megaherzig. Ehrlich. Meine Tochter ist mit dieser kleinen Normabweichung übrigens in bester Gesellschaft. Eine ihrer Kolleginnen stolpert regelmässig über das «Sch». Immer, wenn dieser Laut vorgesehen wäre, kürzt Miriam ab und sagt «S». Heraus kommt dann beispielsweise «Seisse». Und Samuel, der ebenfalls in unserer Überbauung lebt, lässt ganze Buchstaben aus. Wenn jemand in seiner Umgebung niest, dann wünscht er freundlich «Sundheit».
Um auf den Punkt zu kommen: Alle diese Kinder sind ab dem Chindsgi-Eintritt Logopädenfutter.

Zumindest konnte man diesen Eindruck am Elterninformationsabend gewinnen. Dort wurde nämlich intensiv auf dem sonderpädagogischen Angebot unseres Gemeindekindergartens herumgeritten. Sobald die Kleinen das elterliche Nest verlassen und in den Chindsgi eintreten, gucken offenbar alle genau hin. Die Logopäden suchen nach Sprachakrobaten, die Psychomotorikspezialisten haben all die Stiftfalschhalter im Blick. Ganz zu schweigen vom Heer der Erzieher und Pädagogen, die nach ADHS (Zappelphilipp) oder ADS (Träumer) fahnden.

Wie schon gesagt: Ich schätze, wir haben schon jetzt ein Freibillett für die Logopädiestunde gewonnen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Kinder gar nicht für die Sprache gemacht sind, die sie erlernen. Andererseits kenne ich kaum einen Erwachsenen, der «Latte» statt «Ratte» oder «Nö» statt «Pneu» sagt. Logopädie? Das war doch zu unserer Zeit höchstens etwas für die Extremstotterer. Es muss irgendetwas passiert sein, während aus den Kindern von damals Erwachsene geworden sind. Ist es möglich, dass der Mensch in seine Sprache hineinwächst? Dass sich all das Lispeln, Stammeln, Stottern auswächst? Keine Ahnung. Ida scheint diese Zeit jedenfalls nicht zu haben. Sie muss wohl schon sehr bald alle Laute korrekt bilden. Deswegen üben wir gemeinsam vor unserem Garderobenspiegel. Wir versuchen, S- und Z-Wörter entsprechend der deutschen Standardaussprache zu bilden. Doch Idas Zünglein hat meist keine Lust, sich bei Wörtern wie «Suppe» oder «Zoo» hinten im Mund zu verstecken. Es ist vorwitzig und spitzt immer zwischen den Schneidezähnen hindurch: «Thuppe», «Thoo». Nun gut, es bleibt ja noch Zeit. Ausserdem hat das Ganze auch etwas Tröstliches: Ida wird beim Früh-Englisch glänzen. Sätze wie «Ei liff in se Haus» wird es bei ihr nicht geben. Sie wird vollkommen korrekt «I live in the house» sagen. Ob die Logopädin das auch kann?

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach