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08. Juni 2015

«Sobald wir uns zurücklehnen und nur noch Awards anstarren, müssen wir aufhören»

Mit dem Album «Zucker fürs Volk» landeten Lo & Leduc gleich auf Platz 1 der Hitparade. Im Interview erzählen die Berner Rapper, warum Swiss Music Awards nicht glücklich machen und wie sich ihre Freundschaft verändert hat.

Lo & Leduc
Lorenz «Lo» Häberli (mit hochgebundenem Haar) und Luc «Leduc» Oggier alias Lo & Leduc.

Lo & Leduc, diesen Sommer tretet ihr innerhalb von zwei Monaten an 16 Open-Airs auf. Wie bringt ihr Abwechslung in eure Konzerte?

Leduc: Viele Festivalbesucher haben uns auf unserer Herbsttour 2014 gesehen. Ihnen wollen wir nicht das alte Menü auftischen. Darum arbeiten wir momentan an einem neuen Programm.

Müsst ihr eure Berner Mundarttexte den anderen Dialekten anpassen?

Lo: Wir pochen nicht auf Lokalkolorit, sondern reden so, wie wir es gelernt haben. In Zürich sagen wir dann vielleicht mal «Chrömle» statt «Gänggele». Musik hat etwas sehr Universelles. Aber wir sind textlastig. Drum kennt uns in der Romandie kein Mensch. Umso mehr freuen wir uns, dass wir ans «Moon and Stars» in Locarno eingeladen sind. Dort ist es so schön, dass wir ein paar Ansprachen auf Italienisch lernen.

Leduc: Wir wurden schon angefragt, Lieder auf Hochdeutsch zu bringen. So gehen aber die Finessen verloren. Wir gaben mal ein Konzert in Berlin – da waren mehr Leute auf der Bühne als im Publikum. Aber auch das hat Spass gemacht.

Wie gross ist das Unternehmen Lo & Leduc mittlerweile?

Lo: Musik machen bedeutet auch organisieren. Wir sind neun Leute auf der Bühne. Die waren alle von Anfang an dabei. Hinter den Kulissen arbeiten Fahrer, Booker, Manager, Lichttechniker und Mischer. Dazu kommt eine Grauzone von vielen Leuten, die uns unterstützen. Uns war es zudem wichtig, bei einem kleinen Label unterzukommen. Die Menschen bei Bakara Music sind wirklich mit Herzblut dabei. Und wenn das Team klein bleibt, kann man mehr selber steuern.

Eure ersten drei Alben gab es als Gratisdownload. Warum wolltet ihr eure Musik nicht viel früher kommerzialisieren?

Lo: Primär ging es darum, unsere Musik unter die Leute zu bringen. Du wirst kaum für Konzerte gebucht, wenn dich niemand kennt. Wir wollten also mit wenig Aufwand viele Leute erreichen. Die Gratisalben waren so gesehen eine logische Entscheidung.

Du wirst kaum für Konzerte gebucht, wenn dich niemand kennt.

Wie steht ihr zu illegalen Downloads und Plattformen wie Spotify und Youtube?

Leduc: Der Wert der Musik kommt mit solchen Plattformen meiner Meinung nach nicht per se abhanden. Natürlich würde ich sie nicht hochjubeln, aber sie haben auch ein enormes Potenzial.

Lo: Die goldenen Zeiten des Plattenverkaufs haben wir gar nie erlebt. Uns ist auch bewusst, dass niemand mehr CDs kauft. Wir sind immer davon ausgegangen, dass wir nicht reich werden.

Ihr habt zwei Jahre an «Zucker fürs Volk» gearbeitet. Wie bleibt man da fokussiert?

Leduc: Man ist total wie in einem Film. Das Schöne an einer solchen Passion ist, dass man sie nicht ständig in Frage stellt. Es ist einfach so, voilà. Und wenn man alles reinsteckt, hat man auch die Gewissheit, dass alles gut kommt.

Lo: Uns gehts ja gut. Wir hatten ständig Nebenjobs und brauchen jetzt auch nicht so viel Geld. Wir müssen keine fünfköpfige Familie ernähren.

Warum konzentriert ihr euch nicht voll auf die Musik?

Lo: Ein Patchworkleben kann sehr produktive Kräfte auslösen. Wenn du neben der Musik noch was anderes machst, liefert das Inputs.

«Zucker fürs Volk» hat schnell eingeschlagen. Wann habt ihr gemerkt, dass die CD ein Erfolg wird?

orenz «Lo» Häberli und Luc «Leduc» Oggier
Lorenz «Lo» Häberli und Luc «Leduc» Oggier

Lo: Stell dir vor, am Freitag erscheint dein Album. Am Montag gehst du auf Hitparade.ch und siehst, dass dein Album gleich auf Platz 3 in die Charts eingestiegen ist. Natürlich haben wir dann gleich miteinander telefoniert. Aber wenn man zwei Jahre an so etwas gearbeitet hat, ist das gar nicht mehr so relevant. Listen, Einteilungen und Preise haben nur bedingt etwas mit dem zu tun, was wir machen. Wir machen primär Lieder und geben Konzerte.

Leduc: Bei unserem Label Bakara arbeiten Leute, die das abschätzen können. Es war also nicht alles unabsehbar. Erstaunlicher ist aber, nach über einem Jahr immer noch in den Top Twenty der Charts zu sein.

Wie ist es, zu zweit Texte zu schreiben?

Leduc: Wir wissen manchmal gar nicht mehr so genau, von wem welche Zeile stammt. Ich dachte zum Beispiel, dass mir eine bestimmte Strophe auf dem Skilift eingefallen war. Dabei hatte Lo den Geistesblitz irgendwann im Tram. Grundsätzlich ist man selbst der grösste Kritiker, und der andere ist der zweitgrösste. Diese Reibung ist sehr produktiv. Entweder läuft es zusammen, oder jemand zieht mit.

Hat sich eure Freundschaft in den letzten Jahren verändert?

Wir wissen manchmal gar nicht mehr so genau, von wem welche Zeile stammt.

Leduc: Wir haben uns vor acht Jahren kennengelernt. Dass sich unser Projekt so erfolgreich entwickelt hat, ist natürlich ein Segen. Verändert haben sich in erster Linie die Umstände: Wir sehen uns heute seltener in der Beiz, dafür umso häufiger in Meetings.

Lo: Die Musik hat uns schon aneinander gebunden. Wir stemmen dasselbe Grossprojekt. Das führt wohl automatisch zu einer ähnlichen Entwicklung.

Ihr habt dieses Jahr drei Swiss Music Awards gewonnen. Was bedeuten euch solche Preise?

Leduc: Diese Anerkennung war ein wirklich schöner Nebeneffekt unserer Arbeit. Nicht mehr, nicht weniger. Wir machen Musik der Musik wegen. Sobald wir uns zurücklehnen und nur noch Awards anstarren, müssen wir aufhören. Aber solange wir unsere Musik weiterentwickeln und uns für sie begeistern können, machen wir weiter.

Macht Erfolg glücklich?

Lo: Mich macht glücklich, wenn wir während der Bandprobe drei Stunden an einem Song «chnorzen», ein Bandmitglied plötzlich eine Idee hat und es einfach funktioniert. Das fägt dann unglaublich. Oder beim Schreiben, wenn wir merken: Hey, das ist genau das, was ich sagen wollte!

Leduc: Oder wenn ein Lied, das einem mittlerweile auf die Nerven geht, live zu neuem Leben erwacht.

Haben sich schon Mädchen gemeldet, die sich in einem Lied wiedererkannt haben?

Lo: Sobald wir ein Lied fertig produziert haben, entwickelt es ein Eigenleben. Wir haben keine Ahnung, wo das hingeht und was die Leute daraus machen. Wir landen zum Beispiel in einem Eishockey-Stadion oder an einer Konfirmation. Das hat dann gar nicht mehr so viel mit uns zu tun.

Ihr werdet fast jeden Tag auf einem Radiosender gespielt. Wie fühlt sich das an?

Leduc: Letzthin war ich in einer Pizzeria auf dem Pissoir und habe mich selber aus dem Lautsprecher singen gehört. Das war schon eigenartig. Über solche Dinge haben wir keine Kontrolle. Wir können auch nichts dafür, dass gewisse Lieder penetrant oft gespielt werden, andere dafür gar nicht. Das tut uns sogar fast ein bisschen leid.

Was macht ihr, wenn eure aktuelle Tour de Sucre und die Festivalsaison vorbei sind?

Lo: Während der Konzerte entwickeln wir ständig neue Liedideen. Irgendwann hocken wir hin und machen ein Album. Aber bis dann kann man Blumen pflücken, eine Ameisenfarm anlegen oder schlitteln gehen. Das Leben bietet so viele Möglichkeiten, und wir können uns auf ganz viele Sachen freuen. 

Tour de Sucre im Berner Bierhübeli
Auf der Tour de Sucre im Berner Bierhübeli. (Bild: Alex Anderfuhren)

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Michael Sieber