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01. September 2014

Liebling, ich habe die Kinder geshoppt

John Wilhelm nennt sich «Photoholic». Am liebsten fotografiert er seine Kinder und schickt sie mit Photoshop in fremde Welten. Zum Beispiel neben wilde Tiere oder auf hohe Gipfel.

Die Familie Wilhelm aus Winterthur
Die «Photoholic-Family»: John Wilhelm mit seiner Partnerin Judith und den drei Töchtern Yuna, Mila und Lou (von links).

Ein Leben ohne Photoshop kann sich John Wilhelm (44) aus Winterthur ZH gar nicht mehr vorstellen. Vor drei Jahren hat er das Bildbearbeitungsprogramm für sich entdeckt, mittlerweile ist es sein grösstes Hobby – und seine Sucht. Der gelernte Elektrotechniker arbeitet tagsüber als IT-Leiter an der Pädagogischen Hochschule Zürich, abends drückt er auf den Auslöser der Kamera und bastelt dann am Computer virtuelle Welten. Seine liebsten Motive: Töchter Lou (6), Mila (3) und Yuna (1).

Die drei sind vor der Kamera echte Naturtalente. Ob sie für die Bilder ihre Kletterfähigkeit unter Beweis stellen, in der Badewanne sitzen oder im Batman-Kostüm posieren: kein Problem für John Wilhelms Töchter. «Besonders gern sind sie dabei, wenn sie sich verkleiden dürfen.» Länger als drei Minuten kann John Wilhelm seine Kinder aber in der Regel nicht fürs Shooting begeistern.

John Wilhelms älteste Tochter Lou beherrscht das Posieren vor der Kamera schon wie eine Grosse.
John Wilhelms älteste Tochter Lou beherrscht das Posieren vor der Kamera schon wie eine Grosse.


Mamiii, Papa ist da drin!

Die Krokodile hat John Wilhelm im Naturmuseum Bern fotografiert. Die Ideen zu diesem Bild kamen ihm erst während der Bearbeitung. Erst stellte er die Krokodile frei und fügte einen schönen Meereshintergrund ein. Danach fand er im Photoshop-Lightroom eine passende Pose für Lou. Der Gag mit der Kamera fiel ihm erst kurz vor Fertigstellung ein.

An Ideen mangelt es John Wilhelm nicht, nur an der Zeit. «Mit einem Vollzeitjob, drei kleinen Kindern, Frau, Haushalt und ab und zu Sport als Ausgleich ist es gar nicht so einfach, all meine Ideen zu realisieren.» Ein Bild beansprucht von der Idee bis zur fertigen Bearbeitung schon mal 20 Stunden. Trotzdem versucht John Wilhelm, jede Woche ein neues Bild auf seine Facebook-Seite zu laden. Diese hat schon über 30'000 Fans – und das überall auf der Welt: Menschen aus Dubai, China oder Algerien sind begeistert von seinen Fotos, er bekommt Anfragen für Workshops, Gastreden oder Projekte aus Österreich, Belgien oder Estland.

Grosser Auftritt für Tochter Mila.
Grosser Auftritt für Tochter Mila.

Waschtag in den Alpen

Dieses Bild war die Idee von John Wilhelms Partnerin Judith. Die Steinböcke sind ein Diorama des Naturmuseums Bern, die Wäscheleine einfach eine Linie mit Ebeneneffekten und der Photoshop-Technik «Dodge and Burn», zu Deutsch Abwedeln und Nachbelichten.

Bis jetzt hat John Wilhelm aber noch keinen Auftrag angenommen: Photoshop soll ein Hobby bleiben. «Sonst verliere ich die Freude daran.» Wilhelm hat sich seine Photoshop-Fähigkeiten durch Videoanleitungen oder Ausprobieren beigebracht. Die Inspiration für die brenzligen Situationen auf seinen Bildern holt er sich in Filmen, auf Fotos oder Computerspielen. Auch seine Partnerin Judith (36), Kostümbildnerin und Modedesignerin, hat immer wieder gute Ideen. Eine richtige Photoholic-Familie eben!

Das Modell der Universität Zürich hat John Wilhelm auf einem seiner «Photowalks» geschossen. Dann machte er sich im Photoshop ans «Aufräumen», integrierte das Modell in die Landschaft auf Bild 2, kombinierte verschiedene Fokusebenen und entfernte Reflexe und Glasscheiben. Die Idee, seine Tochter Mila in das Bild zu setzen, kam ihm, als er seine Töchter beim Spielen mit dem Puppenhaus beobachtete.

Autor: Silja Kornacher