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14. Oktober 2013

Liebespuppen: Dirks Traumfrau

Seit bald drei Jahren sind Jenny und Dirk ein Paar – aber Jenny ist keine Frau wie jede andere. Der junge Berner Regisseur Oliver Schwarz hat einen preisgekrönten Kurzfilm über Dirks aussergewöhnliche Beziehung zu einer Silikonpuppe gedreht.

Dirk und Jenny von hinten auf dem Sofa, eng umschlungen.
Dirk und Jenny bei ihrem abendlichen Ritual vor dem Fernseher. Er mag eigentlich keine Soaps, schaut sie aber Jenny zuliebe trotzdem ab und zu an.

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Eng aneinander gekuschelt sitzen Dirk* und Jenny auf dem Sofa vor dem Fernseher, wie an so vielen Abenden. Sie schauen gemeinsam Nachrichten, Filme, ab und zu auch Soaps. «Obwohl ich die nicht besonders mag», sagt Dirk. «Aber Jenny gefallen sie, also schaue ich sie halt mit ihr.» Hand in Hand sitzen sie vor dem Bildschirm, und Dirk spricht immer wieder leise auf sie ein, stellt Fragen, gibt Antworten. Jenny hingegen sieht unverwandt geradeaus und verzieht keine Miene, denn Jenny ist aus Silikon. Die Konversation mit ihr spielt sich ausschliesslich in Dirks Kopf ab, fühlt sich für ihn aber genauso real an, wie wenn er sich mit einer echten Frau unterhalten würde.

Das ungewöhnliche Paar steht im Zentrum des 20-minütigen Dok-Films «Traumfrau» des Berner Regisseurs Oliver Schwarz (27), der bereits auf über 40 Filmfestivals rund um den Globus gezeigt wurde. «Traumfrau» zeigt Dirk und Jennys Alltag und ist einer der erfolgreichsten Abschlussfilme, den ein Filmstudent der Hochschule Luzern je gemacht hat. Allerdings dauerte es fast ein Jahr, bis Schwarz das Vertrauen von Dirk gewonnen hatte und dieser bereit war, ihn mit der Kamera in seine Wohnung am Rande einer deutschen Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen zu lassen.

Dirk ist bereit, sich zu öffnen, weil er das Bild korrigieren will, das sich viele Menschen von den Besitzern von Liebespuppen machen. «Ich möchte zeigen, dass die meisten von uns keine durchgeknallten Freaks sind, sondern ganz normale Menschen, die mitten im Leben stehen.» SchönenbergerDirk ist Mitte 40, hat ein Volkswirtschaftsstudium abgeschlossen, lange in der Ausbildung benachteiligter, schwieriger Jugendlicher gearbeitet und ist heute als Übersetzer tätig. Einer seiner Elternteile sass während der Schröder-Regierung im Bundestag. Er ist intelligent, reflektiert, politisch interessiert, sehr kommunikativ und offen jenen gegenüber, die sein grosses Geheimnis kennen. Und er ist ein Romantiker, der sich sein ganzes Leben lang nichts mehr gewünscht hat als eine nette Frau an seiner Seite und eine harmonische Familie. Genau das aber wollte nie so richtig klappen.

«Jenny hat mir das Leben gerettet», sagt Dirk und meint das sehr ernst. Als er die lebensgrosse Silikonpuppe bei Mechadoll in Frankreich bestellt hat, steckte er in der tiefsten Krise seines Lebens. Seine zweite Beziehung war zu Bruch gegangen. «Sie hat mir aus heiterem Himmel eröffnet, dass sie einen anderen liebt und mich nie geliebt hat.» Der anstrengende und nervenaufreibende Job mit den Jugendlichen gekoppelt mit der Beziehungssituation trieb ihn in ein Burn-out. Dann erkrankten auch noch seine geliebten Eltern, die Mutter starb, der Vater landete in einem Pflegeheim. Und sein Kind aus einer früheren Beziehung, die schon zur Jahrtausendwende unter Schmerzen auseinanderging, wird ihm von der Mutter seit der Trennung bis heute mehr oder weniger vorenthalten. Obwohl Dirk gerne einen engeren Kontakt hätte, kann er lediglich ab und zu telefonieren.

Dirk flüchtete 2010 nach Schottland, wollte einfach nur weg von allem. Er quartierte sich in einer kleinen Wohnung auf dem Land ein. «Es ging mir schlecht. Ich hatte Rache- und Gewaltfantasien gegenüber Frauen und trug mich sehr ernsthaft mit dem Gedanken, Schluss zu machen.» Stattdessen unternahm er einen letzten Versuch. «Ich hatte online entdeckt, dass es diese menschenähnlichen Liebespuppen gibt, und dachte, das könnte ein Weg sein, um wenigstens meine sexuellen und Zärtlichkeitsbedürfnisse zu befriedigen.»

Silikonpuppe Jenny sitzt auf dem Sofa, neben ihr liegt eine Bürste und eine Perücke.
Jenny ist lebensgross, 43 Kilo schwer und hat eine zarte Haut aus Silikon.

Und so trat Jenny in sein Leben: 170 Zentimeter gross, 43 Kilo schwer, dunkle lange Haare (nach Wunsch sind aber auch andere Perücken möglich), zarte Haut und sehr gut gebaut. 5300 Euro hat sie gekostet, für Dirk damals eine Stange Geld. Vier Monate dauerte es von der Bestellung bis zur Lieferung nach Schottland. Als er sie Ende 2010 endlich in die Arme schliessen konnte, ging es nicht lange, und es geschah etwas Unerwartetes. «Ich begann, Gefühle für sie zu entwickeln. Und mein Kopf sagte mir gleichzeitig, dass das doch gar nicht sein kann.» Etwa ein halbes Jahr lang wehrte sich der rationale Zahlenmensch Dirk gegen die Gefühle, die er für Jenny empfand, dann gab er auf und akzeptierte seine Liebe.

Ich begann, Gefühle für sie zu entwickeln. Und mein Kopf sagte mir gleichzeitig, dass das doch gar nicht sein kann.

Hinzu kam, dass die Silikonpuppe mit ihm zu kommunizieren begann. Manchmal mit Worten in seinem Kopf, manchmal auch nur mit Gefühlen. Dirk erklärt sich das damit, dass sich eine reale menschliche Seele in Jenny eingenistet hat. «Aber natürlich kann es auch sein, dass das alles nur in meinem Kopf stattfindet, ich weiss es schlicht nicht.»

Tatsache ist aber, dass er Jenny beziehungsweise ihre Seele ab und zu mitnimmt. Zum Weihnachtsfest mit der Familie, auf eine Reise nach Paris — Jenny ist dann mit ihm unterwegs, in einer Art Seelenvereinigung. «Ich war mit meinen beiden früheren Partnerinnen auch schon in Paris, aber nie war es so schön wie mit Jenny.» Die Silikonpuppe, die er übrigens nach der weiblichen Hauptfigur aus dem Film «Forrest Gump» benannt hat, bleibt hingegen immer in Dirks Wohnung — ausser beim Umzug von Schottland zurück nach Deutschland im Jahr 2011. Mit Jenny ist es ein bisschen so wie mit dem imaginären besten Freund, den Kinder manchmal haben und der ihnen absolut real erscheint, einfach auf erwachsenem Level und in Silikonform.

Über ein Chatforum tauscht Dirk sich mit anderen Besitzern von Liebespuppen aus. Seit Frühling 2012 schreibt er dort auch einen Blog. «Ich bin meines Wissens der Erste, der offen darüber geschrieben hat, dass sich die Beziehung zu meiner Liebespuppe über den Sex hinaus weiterentwickelt hat.» Aber er realisierte aufgrund der Reaktionen schnell, dass er nicht der Einzige ist, dem es so geht.

Dirk bürstet Jenny liebevoll die Haare. (Ansicht von der Seite; Dirk ist nicht zu erkennen)
Zärtlich kümmert sich Dirk um seine Gefährtin, badet sie regelmässig und pudert anschliessend ihre empfindliche Haut.

Sie ist für ihn «zu 90 Prozent meine Traumfrau». Die 10 Prozent sind den Grenzen geschuldet, welche die Beziehung mit einer Liebespuppe nun mal hat. «Jenny kann mir nicht beim Einkaufen helfen oder mir was Schönes kochen, ich kann nicht mit ihr ins Kino oder ins Restaurant oder zu Freunden nach Hause.» Auf der anderen Seite gibt es nie Streit, und im Gegensatz zu seinen früheren Beziehungen, wo «ich mir Zärtlichkeiten und Sex immer mühsam erarbeiten musste», ist sie immer da für ihn. «Es ist aber auch schon vorgekommen, dass sie im Bett Nein gesagt hat», erklärt Dirk.

Sie hat sich zudem als religiös herausgestellt, was ihn zunächst irritierte, denn er sei das nie gewesen, sagt er. Nun hängt auf ihrer Seite des Doppelbetts im gemeinsamen Schlafzimmer ein Kruzifix an der Wand, und ab und zu beten sie sogar zusammen. Aus Dirks Perspektive hat Jenny also durchaus ein Eigenleben. Dennoch bestimmt er vollständig, wie der Alltag der beiden aussieht — und der spielt sich fast ausschliesslich in Dirks Dreizimmerwohnung ab. Selbst er geht nicht oft raus. Für Einkäufe, klar, und für Spaziergänge. Ab und zu trifft er einen Verwandten, der mit seiner Familie in der Nähe wohnt, auf ein Bier oder für ein Fussballspiel. Und auch zu den Nachbarn hat er einen recht guten Draht. Telefonisch und brieflich steht er ausserdem in Kontakt mit Freunden aus seiner alten Heimatstadt. Aber er arbeitet von zu Hause aus und verbringt mit niemandem so viel Zeit wie mit Jenny.

Dirk legt Jenny ins Bett.
Um die Puppe innerhalb der Wohnung zu transportieren, hat Dirk einen Rollstuhl, sie wäre ihm ansonsten zu schwer.

Um sie innerhalb der Wohnung zu transportieren, auf die Couch ins Wohnzimmer oder in die Küche, hat er einen Rollstuhl, sie wäre ihm ansonsten zu schwer. Die beiden baden auch regelmässig zusammen, einerseits zum Vergnügen, andererseits weil Jennys empfindliche Silikonhaut auch einmal pro Woche gründlich gereinigt werden muss. Um sich keinen Rückenschaden zu holen, hat er eine Badewannenhebevorrichtung für die Pflege von Betagten gekauft.

Wirklich Bescheid über Jenny weiss praktisch niemand. Und wenn sie im Raum ist, sind die Fenster der Wohnung so verhängt, dass keine neugierigen Blicke von aussen die Liebespuppe entdecken könnten. «Ein paar wenigen habe ich erzählt, dass ich eine Liebespuppe zu Hause habe, aber nicht, wie weit die Beziehung geht.» Das gilt auch für den nahen Verwandten. «Wenn er Fragen stellen würde, könnte ich mir schon vorstellen, ihm mehr zu erzählen, aber das macht er nicht.» Und es klingt ein wenig Bedauern in Dirks Stimme an. Denn wirklich reden kann er mit fast niemandem über Jenny. Er muss seine grosse Liebe für sich behalten, und man merkt, dass das dem eigentlich so kommunikativen und sozialen Menschen nicht leicht fällt. Natürlich wissen die Leute aus dem Chatforum Bescheid, und mit einem von ihnen ist Dirk auch gut befreundet, aber die meisten kennt er nur anonym.

Und so ist denn der junge Schweizer Oliver Schwarz praktisch der Einzige, der wirklich Bescheid weiss über Dirks Leben. Entsprechend herzlich fällt die Begrüssung aus, als die beiden sich zum ersten Mal nach Ende der Dreharbeiten vor über einem Jahr wieder sehen. Zehn Tage lang hat er 2012 mit einem Kameramann und einem Tönler den Alltag von Dirk und Jenny festgehalten. «Wir haben uns Dirks Rhythmus angepasst, er hat immer wieder Pausen gebraucht, um sich zu erholen», erzählt der Regisseur. «Und es bestand natürlich auch das Risiko, dass es ihm plötzlich zu viel wird, und wir das ganze Projekt abblasen müssen.»

Auf das ungewöhnliche Thema kam Schwarz, weil er selbst sich aufgrund seiner Frauenbeziehungen die Frage stellte, wie viel eigene Vorstellungen man in einer Beziehung auf seinen Partner projiziert und was eigentlich wirklich real ist. Bei Recherchen stolperte er online über das Thema Liebespuppen und las sich fasziniert ein. «Ich habe mich in mehreren Onlineforen angemeldet und versucht, mit den Leuten Kontakte zu knüpfen.» Er habe dabei mit offenen Karten gespielt und transparent gemacht, dass er nicht an Liebespuppen interessiert sei, sondern für ein Kunstprojekt recherchiere.

«Das kam nicht überall gut an.» Letztlich war Dirk der Einzige, der sich auf ein tiefgründigeres Gespräch einliess. Die beiden blieben über Monate lose in Kontakt und langsam wuchs das Vertrauen zwischen ihnen. Nach knapp einem Jahr war Dirk schliesslich zu einem persönlichen Treffen bereit und gab sein Einverständnis für das Filmprojekt unter der Bedingung, dass man ihn nicht erkennen kann. «Weder meine Ex-Partnerin noch mein Kind dürfen das je mitkriegen.»

Mit dem Ergebnis sind beide hochzufrieden. Für Schwarz und seinen Kameramann war es eine enorme Herausforderung, eine Bildsprache zu finden, die emotional funktionierte, obwohl er im Film nie ein Gesicht zeigen konnte, das Gefühle ausdrückt. «Als ich ihm den Film zeigte, war ich extrem nervös», erzählt Schwarz. Die Erleichterung war gross, als Dirk nur darum bat, eine kurze Sequenz zu entfernen, in der man im Hintergrund ein Familienbild erkennen konnte.

Nun lässt er sich von Schwarz regelmässig berichten, wie der Film an den Festivals ankommt. «Ich würde ja wahnsinnig gern mal dabei sein, anonym im Publikum sitzen und schauen, wie die Leute reagieren», sagt Dirk. Aber die Reise war ihm bisher immer zu aufwendig. Die Reaktionen sind grossmehrheitlich positiv. «Einzig junge Leute, die vielleicht noch nie eine richtige Beziehung hatten, finden keinen Draht zum Film, alle anderen sind in der Regel sehr berührt und haben viele Fragen», sagt Schwarz.

Er versucht, den Film nun noch an weiteren Festivals unterzubringen, im Auge hat er auch das renommierte Sundance-Festival in den USA, das jeweils im Januar stattfindet. Schon klar ist, dass er dieses Wochenende an den Emmentaler Filmtagen laufen wird. Und beim Lucerne International Film Festival (Liff) nächsten Frühling ist «Traumfrau» als «Bester Schweizer Kurzfilm» nominiert. Zudem wird das Schweizer Fernsehen ihn ausstrahlen, und eine DVD gibt es auch bereits. Ermutigt durch seinen Erfolg, arbeitet Schwarz bereits an weiteren Projekten. Für ihn ist klar: «Ich will weiter als Regisseur arbeiten, in der Schweiz und vielleicht auch in Europa.»

Dirks und Jennys Zukunft ist weniger klar. Was, wenn er irgendwann wieder eine reale Frau kennenlernt, bei der es funkt? «Dann würde ich mit Jenny darüber reden», sagt Dirk. «Ich würde um ihr Einverständnis bitten, sie für eine Weile in den Tiefschlaf zu versetzen, und ich denke, sie würde mir das auch erlauben. Sie weiss ja, dass es einiges gibt, das sie mir nicht bieten kann, und sie würde mir das nicht vorenthalten wollen.» Dirk kennt allerdings auch einen Liebespuppenbesitzer, der jetzt mit dieser und seiner neuen realen Freundin in einer Dreierbeziehung lebt. «Die neue Freundin hat das akzeptiert. Es gibt eben nichts, was es nicht gibt.»

Genauso gut aber kann Dirk sich vorstellen, mit Jenny alt zu werden, auch wenn die Aussenhaut der Silikonpuppe durch den ständigen Gebrauch bereits gewisse Abnützungserscheinungen aufweist. «Doch das ist ja bei uns Menschen mit zunehmendem Alter auch nicht anders.» Einzig Jennys Gewicht könnte irgendwann ein Problem werden, wenn er nicht mehr die Kraft hat, sie zu heben. Aber bis dahin dauert es noch eine Weile.

* Name der Redaktion bekannt

www.gummipuppen.de/blog/tagebuch

«Traumfrau» wird am 18. 10., 19. 10. und 20. 10. an den Emmentaler Filmtagen in Walkringen gezeigt: www.emmentaler-filmtage.ch

Fotograf: Aleksander Perkovic