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11. Mai 2015

Lieber Marco!

Marco Streller
Der Marco Streller aus jüngeren Nationalmannschaftszeiten – beim Kolumnisten im Panini-Sammelalbum verewigt.

Beinahe hätte ich du gesagt, denn es besteht eine gewisse Vertrautheit – schaue ich Ihnen doch seit Jahren mehrmals wöchentlich zu. Aber das ist ja nur einseitig, ausserdem wäre es respektlos, einfach so zu duzen. Dennoch werde ich Marco sagen, denn würde ich Sie beim Nachnamen nennen, klänge es womöglich verächtlich, und ich schliesse nicht aus, dass ich früher – primitiv, wie wir Fussballfans nun mal sind – auch mal «Streller, du Arschloch!» aufs Spielfeld geschrien habe. Deshalb scheint Marco mir angemessener, respektvoller. Und just den möchte ich zum Ausdruck bringen, heute, gleichsam zum Abschied: meinen Respekt.

Bänz Friedli (50) würdigt FCB-Stürmer Marco Streller
Bänz Friedli (50) würdigt FCB-Stürmer Marco Streller.

Auch ich, zugegeben, fand «diesen Streller» früher einen Lulatsch, Löli, Luftikus. Nicht nur, weil Sie beim übermächtigen Gegner spielten und meine Young Boys immer wieder alt aussehen liessen. Auch, weil Sie meist lässig ohne Schienbeinschoner trainierten – hätte ich meinen E-Juniorinnen nie erlaubt! – und die Unart selbst dann nicht ablegten, als Sie sich deswegen vor der EM 2004 Schien- und Wadenbein gebrochen und die Endrunde in Portugal verpasst hatten. Zwei Jahre später machten ein irritierendes Zungenspiel und der verschossene Elfmeter im WM-Achtelfinal gegen die Ukraine Sie zum Buhmann der Nation. Vermutlich Ihr bitterster Moment, ich brauche Sie nicht daran zu erinnern.

Doch irgendwann begann ich Sie zu mögen. Der Schlüsselmoment war vielleicht, als «unser» YB-Verteidiger Emiliano Dudar im Herbst 2010 auf dem Feld zusammensackte, sich an der eigenen Zunge verschluckte und regungslos liegenblieb. Wie liebevoll Sie, sein Gegenspieler, sich sofort um ihn kümmerten, wie Sie gar auf Spielabbruch plädierten – es ist unvergessen. Monate später traten Sie mit der Begründung aus dem Nationalteam zurück, Sie würden auf den Auslandreisen Ihre Kinder vermissen, und es rührte mein Vaterherz. Fortan freute ich mich heimlich über Ihre Tore in der Champions League, zum Beispiel über dasjenige gegen Liverpool, letzten Oktober (Habe ich meinen YB-Spezis nie verraten, sie hätten es nicht goutiert).

Der FC Basel war zu beneiden um seinen Captain; Sie hielten Ihre schützende Hand über jüngere Mitspieler, bewiesen in Interviews, dass Ihr Horizont über den Fussballplatz hinausreicht. Sie waren vom Bengel zum Besonnenen gereift, vom Spund zur Persönlichkeit. Chapeau! Plötzlich war «dieser Streller» der Elder Statesman unseres Fussballs. Also, von mir aus hätten Sie noch ein, zwei Jahre zu den Young Boys kommen können. Schon einige alte Dieselmotoren, die vielleicht nicht mehr flink genug fürs Basler Spiel waren, liefen in Bern noch und liefen und liefen: Karli Odermatt, Erni Maissen, Martin Jeitziner. Gar den Hakan Yakin haben wir zuletzt adoptiert! Da hätten wir auch den «Strelli» genommen. Echt, jetzt! Stattdessen haben Sie sich für den Rücktritt entschieden.

Ich werde Sie vermissen und wünsche alles Gute. Geniessen Sie die letzten Spiele und erzielen Sie noch einige unvergessliche Tore! Wenn Sie freilich kommenden Sonntag gegen YB nicht treffen, bin ich Ihnen wirklich nicht böse. 


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli