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04. Februar 2013

Lieber Bienen als Bruce oder Brad

Schweizer Dok-Filme heimsen im Ausland regelmässig Preise ein. Und auch zu Hause kommt das Genre gut an: Der erfolgreichste Schweizer Film 2012 war die Bienen-Doku «More than Honey». Die Hintergründe zur Erfolgsstory, der Online-Naturfoto-Wettbewerb und das Interview sowie alle Infos zum neu auf DVD/Blu-ray erhältlichen «Planet Ocean».

Markus Imhoofs Bienen-Doku «More than Honey»
Markus Imhoofs Bienen-Doku «More than Honey» steigt in der Dokumentarfilm-Bestenliste der Schweiz immer 
höher. 2012 war er der erfolgreichste Schweizer Film.
Aufnahme aus «Planet Ocean»
Aufnahme aus Yann-Arthus Bertrands und Michel Pitiots «Planet Ocean». (Bild Yann-Arthus Bertrand/Altitude)

«ICH SEHE MICH SCHON EIN WENIG ALS SCHULMEISTER» Das Interview mit Yann-Arthus Bertrand und der Filmbeschrieb:
Der rastlose Fotograf und Regisseur präsentiert seinen neuen Dokumentarfilm: «Planet Ocean». Ein Gespräch mit der grünen Symbolfigur des dritten Jahrtausends über seine stilprägenden Luftaufnahmen oder seinen Wandel zum Vegetarier, und mehr zu seinem auf DVD oder Blu-ray erhältlichen Pamphlet für die Ozeane.


Böse Zungen sagen: Der Schweizer Dokumentarfilm ist beim Publikum deshalb so beliebt, weil das fiktionale Filmschaffen der Eidgenossenschaft einfach nicht besonders viel hergibt. Aber das ist natürlich unfair, denn auch in der Hinsicht haben die Schweizer Filmemacher immer wieder Highlights zu bieten. So war Ursula Meiers «Sister» dieses Jahr immerhin im Rennen um eine Oscar-Nomination.

2012 hatte die Fiktion der Realität aber wenig entgegenzusetzen: Sechs der zehn erfolgreichsten Schweizer Streifen waren Dok-Filme, an der Spitze Markus Imhoofs «More than Honey» über die Welt der Bienen. Dieser ist der erfolgreichste Schweizer Dokumentarfilm überhaupt und hat es in die internationale Top Ten der in der Schweiz gezeigten Dok-Filme geschafft (siehe Rangliste unten).

«Der Film behandelt ein wichtiges Thema, zu dem fast jeder persönliche Bezüge hat», sagt Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage. «Wir sind alle schon mal gestochen worden, fast alle essen Honig. Und der Blickwinkel ist spektakulär, man kann in eine Welt eintauchen, die man so noch nie gesehen hat.» Rohrer (35) sieht jährlich unzählige Dokumentarfilme, um eine Auswahl für ihr Filmfestival zu treffen, das jeweils Ende Januar stattfindet. «Es laufen dort immer deutlich mehr Dok- als Spielfilme, weil in der Schweiz davon mehr entstehen.» Die Auswahlkriterien für Dokus sind entsprechend strenger. «Es hat so viele, dass wir uns die Perlen aussuchen können.»

Dok-Filme sind günstiger zu produzieren als Spielfilme
Schweizer Dok-Filmer räumen auch regelmässig Preise an internationalen Festivals ab, «auffällig viele in den letzten Jahren», sagt Rohrer und hebt «Hiver nomade» und «Messies» hervor. Dass in der Schweiz derart viele solcher Filme gedreht werden, hat auch damit zu tun, dass deren Produktion sehr viel günstiger ist als die von Spielfilmen. «Man muss deshalb auch weniger Kompromisse machen, das steigert Qualität und Erfolgschancen.» Zudem sei es Teil der Schweizer Mentalität, gerne und aufmerksam zu beobachten.

Seraina Rohner, Direktorin der Solothurner Filmtage
Seraina Rohner, Direktorin der Solothurner Filmtage. (Bild Ornella Carace)

Dennoch ist eine solche Ballung von erfolgreichen Dok-Filmen wie 2012 ungewöhnlich. «Es ist aber tatsächlich so, dass Schweizer mehr als andere Völker für Dokumentarfilme ins Kino gehen, den Trend gibt es schon länger», sagt Rohrer. «Schweizer interessieren sich für Themen und Haltungen, sie sind weltoffen und neugierig. Und viele wollen mehr, als sich mit Popcorn in der Hand von der Leinwand runter berieseln zu lassen. Sie wollen etwas mitnehmen, etwas sehen, das Substanz und eine gewisse Bedeutung hat.» Doch bei allem Erfolg: Misst man den Anteil der Dok-Filme an der Gesamtzahl der Kinoeintritte in der Schweiz, kommt man laut dem Schweizer Kinoverband Pro Cinema für 2012 auf gerade mal 4,2 Prozent. Das ist im Rückblick ein guter Anteil. Aber es gab schon erfolgreichere Jahre, etwa 2004 mit 6,1 Prozent, als unter anderem «Fahrenheit 9/11», Michael Moores Film über George W. Bushs Präsidentschaft, das Publikum in Scharen ins Kino lockte. 2005, als die Kaiserpinguine von «Marche de l'Empereur» die Kinokassen klingeln liessen, waren es 4,5 Prozent.

Walt Disney hat das Genre mit Tierfilmen neu belebt
Generell sind es Naturfilme, engagierte Polit-Dokus oder Musiker-Porträts, die am besten laufen. Den grossen Erfolg der Naturfilme erklärt Seraina Rohrer mit der Art, wie Walt Disney in den 50er-Jahren das Genre neu erfunden hat. «Diese Disney-Filme haben die Natur spektakulär inszeniert. Sie haben Tieren Stimmen und Persönlichkeiten gegeben und deren Leben dramatisiert. Damit sind wir alle aufgewachsen, und das funktioniert auch heute noch.» Ein solcher spektakulärer Naturfilm ist auch «Planet Ocean», der die Schönheit und die Gefährdung der Weltmeere zeigt und Ende Januar auf DVD herausgekommen ist.

Szene aus «Microcosmos – le peuple de l'herbe»
«Microcosmos – le peuple de l'herbe», seit 1996 der Dokumentarfilm mit den meisten Kinoerlösen in der Schweiz. (Bild Keystone)

Seraina Rohrer sieht auch für einige der Dok-Filme, die sie dieses Jahr in Solothurn gezeigt hat, Erfolgspotenzial an der Kinokasse. Etwa für Mano Khalils «Der Imker» oder Frank Matters «Von heute auf morgen», bei dem es um vier betagte Menschen geht, die sich mit Witz und Sturheit gegen den Verlust ihrer Autonomie und den Umzug ins Altersheim wehren.

Die Schweizer Top Ten

ERFOLGREICHSTE DOK-FILME, DIE SEIT 1996 IN DER SCHWEIZ IM KINO ZU SEHEN WAREN

1. Microcosmos – le peuple de l’herbe (F, 1996) 381'108 (Eintritte, nur Schweiz) 3 Mio. $ (Einnahmen global)

2. Fahrenheit 9 / 11 (USA, 2004) 350'841 (Eintritte) 222 Mio. $ (Einnahmen)

3. Le Peuple Migrateur (F, 2001) 314 432 32 Mio. $

4. Bowling for Columbine (USA, 2002) 294'607 58 Mio. $

5. Deep Blue (D, 2003) 225'029 19 Mio. $

6. Marche de l’Empereur (F, 2005) 202'759 127 Mio. $

7. Buena Vista Social Club (D, 1999) 175'332 23 Mio. $

8. More than Honey (CH, 2012) 174'856 (Stand 30. Januar / offen: Einnahmen)

9. Michael Jackson's This is It (USA, 2009) 164'901 261 Mio. $

10. An Inconvenient Truth (USA, 2006) 156'070 49 Mio. $