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17. Mai 2016

Liebe über den Gotthard hinweg

Was bringt Ticinesi und Deutschschweizer zusammen? Was verbindet sie als Liebespaare, was trennt sie? Drei Beziehungsgeschichten – und die Paar-Videos zur Überprüfung: Wer entspricht welchem Klischee?

Liebe über den Gotthard hinweg
An der Fasnacht in Bellinzona hat es «Zoom gemacht»: Linda Wüthrich und Nicola Giudici

Als sie sich zum ersten Mal küssen, trommeln Guggenmusiker und wirbeln Konfetti durch die Luft: An der Fasnacht in Bellinzona sehen sich Linda Wüthrich (25) und Nicola Giudici (26) in ihren Kostümen auf einmal mit anderen Augen. Seit drei Jahren kennen sie sich, beide studieren in Freiburg. Der Medizinstudent aus Locarno und die Psychologin aus Bern haben sich schon immer gut verstanden und gern miteinander geplaudert. Sie haben sogar erwogen, für die Zeit während des Masterstudiums eine Wohngemeinschaft in Basel zu gründen. «Wir waren schon damals ineinander verknallt, realisierten es aber nicht», resümiert Linda Wüthrich. Sie hätten sich unzählige E-Mails geschickt unter dem Vorwand, eine gemeinsame Wohnung zu finden, stets auf Italienisch.

Schon damals sprach Linda Wüthrich fliessend Italienisch dank eines sechsmonatigen Rom- Aufenthalts. Ihrer Tante in Rimini hatte sie schon als kleines Mädchen immer gesagt: «Eines Tages möchte ich nach Italien auswandern.» Noch heute lacht die Familie gern über den Spruch ihrer Mutter: «Such dir besser einen Tessiner, das ist einfacher.»

Die Vertrautheit zwischen ihm und Linda habe auch damit zu tun, dass sie sich in seiner Sprache so wohlfühle, glaubt Nicola. «Sie spricht Italienisch wie eine Tessinerin», sagt er anerkennend. Vielleicht sei der Zusammenhalt auch so stark, weil die Tessiner sich als Minderheit verstünden und interkantonale Zwiste, wie sie manche Deutschschweizer pflegen, ihnen fremd seien. Dabei gebe es durchaus Unterschiede: Nicola lache gern über Schenkelklopfer, ihr Humor hin­gegen sei anspruchsvoller, sagt Linda. Die Frage nach den kulturellen Gegensätzen aber amüsiert beide: «Linda ist immer pünktlich und gut organisiert, sehr zuverlässig; sie isst gern schon um 18 Uhr», sagt Nicola. «Nicola ist immer zu spät dran, ziemlich chaotisch, und will so spät wie möglich essen, am liebsten immer nur Pasta», ergänzt Linda.

Ist die Rede vom Leben im Süden, von der Sonne, der Wärme und der Jovialität, geraten beide ins Schwärmen. Sobald die Hürden geschafft sind – Linda absolviert eine Weiterbildung zur Psycho­therapeutin, Nicola lernt für das Staats­examen –, gehts ab in die Ferien an den Gardasee.

Geliebt wird auf Italienisch – gestritten auf Berndeutsch

Die Liebe schlug ein wie ein Blitz. Manfredo Sturzenegger hatte sich gerade ein Spiel von Juventus Turin im Berner Wankdorf-Stadion angeschaut und ratterte mit einem Freund auf seiner Lambretta heimwärts, als der Himmel grollte. Marlies Nussbaumer trat mit einer Freundin aus dem Kino in den strömenden Regen. Der Zufall wollte es, dass sie Unterschlupf in derselben Bar suchten: «Era amore a prima vista», schwärmt Manfredo Sturzenegger (74). Liebe auf den ersten Blick.

Innerschweizer Töne vor Tessiner Kulisse: Ehepaar Sturzenegger mit Enkel Luca (9)

Auch die Bernerin war vom charmanten Tessiner fasziniert. 1969 heirateten sie in Brissago, ein Jahr später, nachdem er sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, zogen sie nach Lugano. «Mich hat es schon immer in den Süden gezogen», sagt Marlies Sturzenegger (70). Denkt sie an die erste Zeit im Tessin zurück, sieht sie sich im Badeanzug auf dem Balkon sonnenbaden. «Ich fühlte mich wie in den Ferien.» Das Leben südlich des Gotthards sei weniger steif, easier – und Manfredo ein echter Latiner, «weniger ‹bünzlig›, attraktiver und besser angezogen als ein Deutschschweizer». Ihr Mann erwidert das Kompliment: «Ich weiss nicht, ob ich mit einer Tessinerin eine solch tiefe Bindung und Freundschaft hätte haben können.» Und er kenne niemanden, der zupackender und verlässlicher sei als sie. Bei der Erziehung der beiden Kinder Thomas und Sarah zogen sie meist am selben Strick. «Manchmal habe ich ihm reingefunkt», gesteht Marlies Sturzenegger. Sie habe mehr durchgehen lassen.

Das Paar unterhält sich meist auf Italienisch, ist Marlies Sturzenegger aber sauer auf ihren Mann, bekommt er das auf Berndeutsch zu hören. Ihre Kinder können sich gut auf Deutsch verständigen, sind aber eindeutig im Italienischen daheim. Enkel Luca, der im selben Haus wohnt, lernt in der Schule zwar mühselig Deutsch, bei der Hobbywahl scheinen jedoch seine Wurzeln in der Svizzera Tedesca den Ausschlag gegeben zu haben: Er ist unter die Schwinger gegangen und spielt Handorgel.

Die einzige Sprache war die der Liebe

Bei Familie Erni Brugnoli in Sursee LU scheint es keinen Gotthard mehr zu geben: Als Xenia Erni Brugnoli (34) ihren Mann, Lukas Erni (36), vor 14 Jahren in Zürich kennen­lernte, konnten sie sich kaum verständigen – heute fühlt er sich im Italienischen genauso heimisch wie sie sich in Mundart und Hochdeutsch.

Xenia Erni Brugnoli mit Ehemann Lukas Erni und den Kindern Sofia (2) und Alexander (4)

Der Funke sprang bei einem Essen, als beide in Zürich studierten. «Mein Risotto hat sie umgehauen!», sagt er. Doch sie weiss: Es war seine offene, kommunikative Art. «Ich wünschte mir stets eine Tessiner Ragazza», sagt er. Die Freundlichkeit, die er als Kind im Tessin erlebt habe und noch erlebe, die Leichtigkeit, das entspreche ihm. «Tessiner brauchen kein Rahmen­programm. Caffè und Grappa – das ­genügt.» Die legere Art seiner Frau findet er wunderbar. «Er ist mehr Südländer als ich», sagt sie. Sie sei die ruhigere von beiden. Höchstens bei seinem Bedürfnis, jeden Lebensbereich optimal zu versichern, zeige sich der Deutschschweizer.

Lukas Erni ist heute Kardiologe, seine Frau arbeitet als Italienisch- und Französischlehrerin – und das lieber in der Deutschschweiz. «Hier läuft alles fairer und korrekter ab», findet sie.Trotzdem ist eins klar: Irgendwann möchten sie im Tessin leben.

Autor: Monica Müller

Fotograf: René Ruis