Archiv
14. Dezember 2015

Die Liebe liess sich zweimal bitten

Sandra gab sich nicht mit dem Erstbesten zufrieden und trennte sich von ihrer Jugendliebe Mich. Jahre später verliebte sie sich erneut in ihn. Die Geschichte einer turbulenten Gefühlsreise. Lesen Sie auch die Liebesgeschichte von Nadine und Luigi im Artikel rechts.

Liebe auf Umwegen
On-off-Liebesglück und unerwarteter Kindersegen: Sandra und Mich Strausak mit Lana (7), Najla (6), Dean (4) und Tia (1).

Sandra Strausak (35) überlegt nicht lange. In einer Welt, in der die Hauptnachrichten aus Meldungen über Krieg und Vertriebene bestehen und über Menschen, die für eine Zukunft im Westen ihr Leben riskieren, brauche es auch einmal eine schöne Geschichte, sagt sie. Und die Liebe zwischen ihr und Mich (38), eigentlich Michael, sei so eine Geschichte – eine, die dazu ermutigen solle, wieder Kontakt aufzunehmen mit ­einem Menschen, den man nie vergessen konnte.

So schrieb Sandra im vergangenen Jahr ihre Geschichte auf und schickte sie an die «Dok»- Redaktion des Schweizer Fernsehens. Die Journalisten suchten Protagonistenpaare für neue Folgen von «Liebe auf Umwegen». Für die schönste Story war ein Preis ausgeschrieben – Sandra und Michael haben den 300-Franken-Gutschein für ein Essen ­gewonnen.

Für Mich hätte es den Umweg gar nicht gebraucht. Er war 19, als er Sandra zur Samichlausparty im «Big Bamboo» in Biel traf: eine kleine Blonde, ziemlich frech. Sie versperrte ihm den Weg zur Treppe. Das war am 5. Dezember 1996.

Er will unbedingt, sie eher nicht

An Neujahr waren sie bereits ein Paar. Und zwar eins, von dem die Leute ringsum sagten: Das passt.

Da war diese Energie, dieser Optimismus. Mich, ein ausgebildeter Elektriker, der heute als stellvertretender Serviceleiter Klimaanlagen und Wärmepumpen installiert, sagt von sich, er sei nicht so der «Hopplahü», er lasse sich gern mitreissen. Mit Sandra, das wusste er, würde es nie langweilig werden. Für ihn war sie die Frau fürs Leben. Zum Einjährigen schenkte er ihr eine Armkette aus Weissgold, 450 Franken teuer war sie. Dafür hatte er mehrere Monate lang gespart.

Sandra, die Tochter des «Bären»-Wirts in Oberwil BE, sah alles eher spielerisch. Mich war zwar ein spezieller Mensch, vor allem weil er so viel Verständnis hatte: Die Ärzte sagten, dass Sandra nie Kinder bekommen könne – ihn störte das nicht; er konnte ohne Kinder leben, aber nicht ohne Sandra.

Doch Sandra, die bald ihre Lehre als Pflegeassistentin begann, wollte sich noch nicht festlegen und machte nach zwei Jahren Schluss. Während sie sich ins Leben stürzte, leckte Mich seine Wunden. Noch einmal kreuzte er im «Bären» auf und legte eine Rose und einen Brief vor ihre Tür. Es habe ein Jahr gedauert, bis er einigermassen akzeptieren konnte, dass Sandra ihn nicht wollte, sagt er. Doch immer, wenn er sie an der Fasnacht in Büren an der Aare ­sah – und das war Jahr für Jahr –, versetzte es ihm ­einen schmerzhaften Stich ins Herz.

Was dann kam, war für beide nie so gut wie das, was sie zusammen erlebt hatten. Mich bildete sich weiter, hatte wieder eine Freundin. Er kaufte ein teures Auto, einen grossen Fernseher. Sandra fand, er protze. Er war nicht mehr der, den sie kannte. Mich sagt rückblickend, das sei auch Kompensation gewesen für ein Leben, das ihm nicht so ganz gefiel. Sandra bereiste Australien, Südafrika, verliebte sich in eine Frau und begann eine zweite Lehre als Kleinkindererzieherin. Es war gut. Aber war das schon alles? Als sie mit ihrer besten Freundin das Konzert der Band Silbermond besuchte und diese den Hit «Das Beste» sang, meinte die Freundin, Mich sei doch das Beste gewesen, was ihr passiert sei.

Plötzlich will sie ihn haben

Es kam der 1. Januar 2007, ­wieder Fasnacht in Büren an der Aare, wieder sahen sie sich. Mich freute sich, aber zum ­ersten Mal tat es ihm nicht mehr weh, Sandra zu sehen. Sandra aber, die Mich an der Bar des Picadilly Pub stehen sah, wurde plötzlich nervös. Da waren sie wieder, die Gefühle, wie «angeschossen». Am liebsten hätte sie ihn auf der Stelle geküsst – doch sie wagte es nicht.

Es dauerte aber noch acht Monate, bis Mich Sandras neu entflammten Gefühlen traute. Und dann passierte etwas, womit keiner gerechnet hatte: Sandra wurde schwanger. Die Ärzte konnten es nicht genau erklären. Das Leben hatte sich einen Weg gesucht – und ihn gefunden.

Autor: Erika Burri

Fotograf: Beat Schweizer