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08. Februar 2016

«Liebe auf den ersten Blick»: Schmetterlinge & Schokolade

Ronja (38) und Ken Sakata (42) verliebten sich im Kirschblütengarten einer Kaugummifabrik in Osaka. Seit 15 Jahren sind sie ein Paar. Den Valentinstag begeht die Familie traditionell japanisch: Ronja schenkt Ken und Töchterchen Mika (5) ganz viel Schokolade. Schildern Sie unten im Kommentar die Geschichte Ihrer ersten Liebe – längere an onlineredaktion@migrosmedien.ch.

Mika mit Ken und Ronja
Kleine Prinzessin im Anflug: 2010 kam Töchterchen Mika auf die Welt und machte das Glück der Sakatas perfekt.

Die Liebe beginnt – wo sonst? – in einer Kaugummifabrik. Der Chef hat die Belegschaft zum Bar­becue eingeladen. Es ist ­Frühling 2001 und Kirschblütenzeit in Japan, die Bäume im Garten der Kanebo Foods Company strahlen im Abendlicht: ein süsser Baldachin in Rosarot.
Ken Sakata, ein junger Fabrikarbeiter, steht am Grill und raucht. Da sieht er die Ausländerin zum ersten Mal. Sie trägt einen weissen Laborkittel und zückt ihren Fotoapparat. Als Ken realisiert, dass die hübsche Rothaarige ausgerechnet ihn im Sucher hat, grinst er und formt mit zwei Fingerndas Victoryzeichen. In dem Moment macht es klick bei Ronja Müller. Dabei ist die Lebensmittelingenieurin aus Hausen am Albis ZH nur deshalb nach Takatsuki in die Präfektur Osaka gereist, um hier ein Praktikum zu absolvieren. Aber jetzt weiss sie: Das ist die Liebe meines Lebens.

Liebe auf den ersten Blick

Zürich, 15 Jahre später. Ronja und Ken haben es sich in ihrer Wohnung beim Milchbuck auf dem Sofa bequem gemacht und blättern im Fotoalbum zum Kirschblütenfest, als sie sich zum ersten Mal begegneten.
Sie: «Für mich war es klar Liebe auf den ersten Blick.» – Er: «Schau mal, wie kräftig ich war.»
Eine zähe Kaugummimasse herzustellen sei eben besser als jedes Fitnesstraining.

Was sich an jenem Abend im Garten der Kaugummifabrik in Ronja Müllers Körper abgespielt haben muss, beschreibt der Neuropsychologe Lutz Jäncke von der Universität Zürich so: Das Lustzentrum im Hirn schüttet das Hormon Dopamin aus, das stimmungsfördernd wirkt. Den Liebescocktail perfekt machen die Botenstoffe Phenylethylamin und Adrenalin. Die Folge: Euphorie, Lust, Rausch. Oder anders ausgedrückt: Die berühmten Schmetterlinge im Bauch beginnen zu fliegen. Wer sich verliebt, verliert die Fähigkeit, klar zu denken. Und Ronja dachte, weil sie nicht anders konnte, ab sofort nur noch an Ken. «Wenn man sich verliebt, setzt die Vernunft temporär aus, es ist wie eine Sucht», so Jäncke. Der griechische Philosoph Platon sagt: «Die Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit.»

In den ersten zwei Wochen in Takatsuki hatte Ronja Müller gelernt, dass die Japaner zurückhaltend sind, still und bescheiden. Ken war anders, offensiv. So ein frecher Kerl!, dachte sich Ronja, als sie das Victoryzeichen sah und auf den Auslöser drückte. Und es kam noch besser. Den ersten Schritt machte der damals 27-Jährige mit einem Dolmetscher im Schlepptau: mit Herrn ­Makino, dem ein wenig ­Englisch ­sprechenden Teamleader der Eiscremesparte. «Ich wollte einfach mit dieser spannenden Frau reden», sagt Ken. Und das taten sie dann auch, fast einen ganzen Abend lang. Zum Austausch der Telefonnummern kam es trotzdem nicht. Ken hatte noch eine Freundin damals, und auch Ronja war in der Heimat vergeben. Doch der Funke, das sagen heute beide, war am Ende jenes Frühlingsabends schon gesprungen.

Das nächste Treffen fand wieder in der Firma statt. Ken hatte nach fünf Jahren in der Fabrik eine Festanstellung bekommen, was natürlich gefeiert werden musste. Die Angestellten der Kanebo Foods Company fuhren zum Bowling, Ronja und Ken spielten im ­selben Team. Man trank reichlich ­Asahi-Bier, lachte viel – und weil sich Ronja, die seit der ­Begegnung mit Ken intensiver Japanisch ­gebüffelt hatte als je zuvor, ­mittlerweile ziemlich gut in der fremden Sprache ausdrücken konnte, kam man sich näher. Auf dem Heimweg sagte Ronjas Laborchef zu Ken: «Pass bloss auf!» Zu spät: Ronja hatte bereits Kens Nummer.

«Du spinnst komplett!»

Ihrem Freund in Zürich erzählte Ronja, sie habe in Japan jemanden kennengelernt. Der sagte nur: «Wir schauen, wenn du zurück bist.» Ken trennte sich von seiner Freundin und teilte Ronja mit, welche Strasse sie fortan auf dem Weg zur Arbeit besser meiden sollte. Und so sorgten die frisch Verliebten hüben wie drüben für ziemlich viel Aufruhr. In der Schweiz hiess es, diese Liebe sei doch höchstens ein Projekt. Zwar wusste man von Ronjas feuriger Begeisterung für Japan, dass sie aber so schnell so weit gehen würde, hatte ihr kaum jemand zugetraut. Kens Chef sagte bloss: «Du spinnst komplett!». Zum ersten «offiziellen» Date kam es dennoch bald.

Hochzeitsfoto von Ken und Ronja Sakata
Das Hochzeitsfoto von Ken und Ronja Sakata. (Bild zVg)

Ken lud Ronja zum Baseball ein: Er spielte mit den Jungs, sie stand am Spielfeldrand, fotografierte und dachte nur: Dieser Mann ist so cool, so cool.
Fortan verbrachten die Schweizerin und der Japaner jede freie Minute miteinander. Sie spielten Frisbee, schlenderten den Fluss entlang, fuhren spontan in die Campingferien nach Sadogashima, feierten und übernachteten in romantisch eingerichteten Love-Hotels in Tokio. Wo auch immer die beiden auftauchten, sagten die Leute nicht ohne Bewunderung: Ah, der Sakata wieder mit der Miurasan – der Müller.

Nicht nur für Ronja, auch für die Kollegen in der Fabrik war Ken plötzlich der Star. Er genoss die Aufmerksamkeit, obwohl er am Anfang Mühe damit hatte, dass seine Europäerin ihn auch auf der Strasse küssen wollte, vor allen Leuten. Dann, eines Abends beim Dinner in einem Restaurant, zwischen Sushi und Nudelsuppe, schickte Ken Ronja ein SMS: «Ich liebe dich.» Danach tauschten Ronja und Ken auf einem Deich beim Fluss in Takatsuki Silberringe aus, die sie in einem kleinen Laden gekauft hatten. «Da haben wir das erste Mal geheiratet», sagt Ronja.

«Das ist es. Ich kündige!»

Nach einem halben Jahr war Ronjas Praktikum zu Ende. Sie musste zurück in die Schweiz, um an der ETH ihr Studium abzuschliessen. Ken versprach, sie bald zu besuchen. Sie wartete und wartete ... Und ein mulmiges Gefühl kroch langsam in ihr hoch, denn sie wusste: Wer in Japan eine Festanstellung kündigt, muss verrückt sein. Nach Monaten erteilte der Chef der Kaugummifabrik Ken endlich die Erlaubnis, seiner neuen Liebe nachzureisen.

Als Ken im Winter für drei Monate in die Schweiz kam, um herauszufinden, ob er sich ein Leben hier vorstellen könnte, verreiste das Paar in die Berge. Im Tal lag kein Schnee, dafür nieselte es, und dichter Nebel lag in den dunklen Tannen. Ronjas Heimat zeigte sich von ihrer trostlosesten Seite – und das beunruhigte sie. Doch schon bald war man über den Wolken, wo der Pulverschnee ­glitzerte und der Himmel blau glänzte. Ken, der Snowboardfan, wusste: «Das ist es. Ich kündige!» Im Frühling heirateten Ronja und Ken erneut, diesmal auf dem Standesamt in Hausen am Albis.

Japan für immer

Ken kehrte seiner Heimat zwar endgültig den Rücken, doch da Ronja sich nicht nur in ihn, sondern auch in Japan unsterblich verliebt hatte, dreht sich bis heute im Leben der Sakatas alles um das Land der aufgehenden Sonne. Lebensmittelingenieurin Ronja Sakata tüftelte an einem Rezept für eine japanische Salatsauce, die schnell zu einem Renner wurde. Heute hält sie Vorträge über Japan, schickt Interessierte mit Kopfhörern ausgerüstet auf Japan-Spaziergänge und bietet seit Kurzem Japanischkurse an. Ken hat sich vom Küchengehilfen zum Sushi-Koch hochgearbeitet und leitet heute ein Team in einem Restaurant am Flughafen.

Nächste Woche feiern die Sakatas ihren Hochzeitstag. Am 14. Februar, am Valentinstag, beschenkt Ronja ihren Mann und Töchterchen Mika mit Schokolade. Er wird sich einen Monat später mit Sushi revanchieren. In Japan zelebriert man den Tag der Liebe gleich zwei Mal. «Ich finde, Ken ist der beste Sushi-Meister und Mann», sagt Ronja. «Nur das mit dem Küssen auf der Strasse, das müssen wir immer noch üben.» 


IHRE LIEBESGESCHICHTE

Haben Sie auch schon Bekanntschaft mit der Liebe auf den ersten Blick gemacht? Hält sie sogar bis heute an?
Dann schildern Sie Ihre Erlebnisse in einem Kommentar. Eine längere Geschichte gerne auch per Mail an onlineredaktion@migrosmedien.ch - möglichst mit Bild, oder dem Vermerk, dass sie anonymisiert erscheinen soll.
Vielen Dank!

Autor: Peter Aeschlimann

Fotograf: Holger Salach