Archiv
08. Oktober 2012

Lichttherapie: Dauer, Abstand – und «Blickkontakt»

Was verursacht genau eine saisonal abhängige Depression (SAD), und worauf muss beim geeignetsten Gegenmittel, der Lichttherapie, geachtet werden? Infos und Tipps.

Seit Ende der 80er-Jahre ist die umgangssprachlich 'Winterdepression' genannte saisonal abhängige Depression (SAD) als Krankheitsbild anerkannt. Generell werden bei im Sommer nicht an typischen Symptomen einer Depression leidenden Menschen von Mitte Herbst bis zum Frühlingsbeginn vorab ein Antriebsmangel, im Vergleich zum Sommer starke Stimmungsschwankungen oder auch erhöhte Nervosität auf Stoffwechselstörungen im Gehirn zurückgeführt. Letztere wiederum sind nach heute verbreiteter medizinischer Erkenntnis die Folge von zu schwacher Versorgung mit Licht. Nur schwach auftretende Symptome zum Auftakt des Winterhalbjahres bezeichnet man im Übrigen zumeist als 'Herbstblues'.
Als Anzeichen für eine SAD gelten, wenn nebst den oben genannten mehrere der folgenden Symptome (die sich nicht von jenen einer herkömmlichen Depression unterscheiden) erstmals zwischen September und November auftreten und sich zwischen Mitte Februar und April klar abschwächen. Medizinisch Bedingung ist ein Auftreten in drei Wintersaisons, wovon zwei aufeinanderfolgen müssen.
Angstzustände, Trübsinnigkeit, Schlafstörungen.
Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen, Mangel an Kreativität.
Schlaf ohne Erholungseffekt, starker Appetitverlust oder –anstieg, starkes Verlangen nach Süssigkeiten u.ä., markante Veränderung im Sexualverhalten.
Körperliche Beschwerden ohne organisch nachvollziehbaren Ursprung.
Vermehrte soziale Spannungen in der Beziehung oder dem Beruf.
Suizidale Stimmung und Gedanken.

Wie bei der ‚normalen‘ Depression ist eine Störung im Stoffwechsel des Gehirns der Grund, präziser: Der Mangel an bestimmten Botenstoffen, den bekannten Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin oder Noradrenalin. Eine herausragende Bedeutung kommt dem Serotonin zu. Die Serotonin produzierenden Zellen im Gehirn werden je nach Tageszeit tätig, die Lichtzufuhr steuert dabei wesentlich ihre Aktivität. Wirkt nur noch unzureichend Lichtreiz auf sie ein, reicht die Serotoninmenge als Botenstoff mit der Wirkung auf weitere organische Abläufe im Gehirn und Körper nicht mehr aus oder kommt ‚zur Unzeit‘.
Was ist bei einer SAD als Behandlung am erfolgreichsten? Die Experten kommen aufgrund verschiedener medizinischer Studien seit den 90er-Jahren, einige davon Blindversuche mit Placebos als Alternative, zum Schluss, dass eine Lichttherapie für die meisten Betroffenen das effizienteste Mittel mit den geringsten Nebenwirkungen ist. Anders sieht es bei einigen daneben an anderen Krankheiten Leidenden aus, speziell solchen mit ebenfalls psychischen Implikationen.
Im Vergleich mit einem Placebo wirkte dagegen eine Mehrheit von Antidepressiva gemäss abschliessender Befragung der Kranken durch die Ärzte nicht markant besser. Bei den stärkeren war immerhin die Rate der darauf Ansprechenden etwas höher, die Rückfallgefahr geringer oder es traten weniger depressionsbegleitende Symptome auf.
Im Vergleich mit den auch sonst bei Depression gängigen Medikamenten schnitt in der Bekämpfung von SAD die Lichttherapie durchs Band weg praktisch gleich gut ab. Etwa gegenüber dem Medikament Fluoxetin stellten Studien bloss eine weniger lang anhaltende Wirkung fest.

Die praktischen Tipps
Auch bei der Anwendung der Lichttherapie gilt es aber auf einige Punkte zu achten, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen:
1. Wählt man bei Depressionen zugleich einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), nützt die ja ebenfalls auf diesem Weg wirksame Lichttherapie natürlich nichts.

2. Nach Beginn der einmal täglich angesetzten Lichttherapie dauert es zwischen drei Tagen und praktisch einer Woche bis zum Eintreten einer Wirkung. Die (früh-)morgendliche Anwendung erwies sich bei Tests als etwas nachhaltiger als eine im späteren Tagesverlauf.

3. In Sachen Wellenlänge sollte ein weisses Licht mit vollem Spektrum gewählt werden.

4. An den Augen gemessen kann die Beleuchtungsstärke von minimal 2500 bis zu 10‘000 Lux betragen. Die tägliche Therapiedauer (grob: zwischen 30 Minuten und 3-4 Stunden) sollte jedoch daran angepasst werden. Bei 8000 bis 10‘000 Lux etwa sollte man sich weniger als eine Stunde dem Licht aussetzen.
Setzt man eine spezielle Therapielampe ein, sollten es über 10'000 Lux und täglich zwischen einer halben und knapp einer Stunde Dauer sein.

5. Es muss darauf geachtet werden, dass sich die Augen zwischen 60 und 80 cm von der Lichtquelle entfernt befinden.

6. In den Phasen der Lichttherapie kann sich die/der Betroffene mit etwas anderem beschäftigen (Lektüre, andere sitzende Tätigkeit), sollte sich aber unbedingt an den Abstand zur Lichtquelle halten und mindestens einmal je Minute kurz direkt dorthin blicken.
Selbst wenn sie vergleichsweise harmlos ist, kann eine regelmässig angewandte Lichttherapie bisweilen leichte Nebenwirkungen hervorrufen. Dabei sind Müdigkeit, Schafstörungen, leichte Kopfschmerzen oder Übelkeit sowie auch erhöhte Reizbarkeit möglich.
Neben Antidepressiva in schwerwiegenderen Fällen und der Lichttherapie wird bei 'Herbstblues', leichterer SAD (oder begleitend zur Lichttherapie) auch verstärkte Vitamin D-Zufuhr, Frühsport oder vereinzelt Hausmittelchen als angebliche Erhöher der Lichtempfindlichkeit wie das Johanniskraut eingesetzt.
Quelle: Diagnose, Ätiologie und Therapie der saisonal abhängigen Depression (SAD), Div. Autoren, Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie, 2003; 4 (4), S. 26-30
Weitere Infos: Website für Depression-Therapie-Forschung

Autor: Reto Meisser