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16. November 2015

Letzte Chance für schwierige Jungs

Auf dem Erziehungsschiff «Salomon» werden renitente Jugendliche für den Wiedereinstieg in die Gesellschaft fitgemacht. «Arbeiten und büffeln statt rumhängen und kiffen» lautet die Devise. Oben das Video mit Einblicken und Stimmen zum «Salomon»-Alltag.

zehn Runden ums Schiff schwimmen
Der tägliche Morgensport: zehn Runden ums Schiff schwimmen.

Der Tag bricht an, die Jungs reihen sich in Badehosen auf. «Drei, zwei, eins – los!», ruft Simon (23) mit Block und Stoppuhr in der Hand. Einer nach dem anderen rennt an ihm vorbei und springt von der Reling ins tiefblaue Meer. Es ist Zeit des täglichen Morgensports: zehn Runden ums Schiff.
Dario kommt nach einer Viertelstunde als Erster die Strickleiter hoch auf Deck. «15 Minuten, 36 Sekunden!», jubelt der 17-Jährige. Dicht hinter ihm folgt Sven (16), wenig später folgt Mirko (17): «19 Minuten, 58 Sekunden», freut er sich, «ich habs ­geschafft!» Wer länger als 20 Minuten braucht, muss am Mittag nochmals ins Nass – alle andern also, die noch ihre ­Runden drehen.

Die Sonne ist bereits über den Horizont gestiegen, das Wasser ist warm, die Luft lau, die Stimmung zauberhaft. Doch das ist den Jungs egal. Ben (15) versucht, nach vier Runden mit einer Ausrede aus dem Wasser zu kommen, Levin (15) mault, Cyril (14) schwimmt mit Totengräbermiene. Denn freiwillig sind sie nicht hier.
Die Jugendlichen kamen auf das Segelschiff «Salomon», weil es anderswo nicht mehr ging. Weil kein Heim sie mehr wollte, weil sie sonst in einer geschlossenen Anstalt wären, im Knast oder in der Psychiatrie. Das Ziel der langen Fahrt: den Rank kriegen, Schulstoff nachbüffeln, den ersten Schritt zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft schaffen.

Für mindestens 40 Wochen leben sie auf dem 47 Meter langen Schiff, ihr Zimmer ist ein Kajütenbett in einer Viererkoje, ihr Wohnzimmer ist das Unter- und Oberdeck und die endlose Weite des Atlantiks. Mit an Bord: Kapitän, Bordmechaniker, Schiffskoch, zwei Sozialpädagogen und ein Lehrer. Die «Salomon» kreuzt zwischen Portugal, den Kanaren, Kap Verde, den Azoren und der ­Karibik – und segelt alle zwei Jahre via England zur Revi­sion in die Werft in Deutschland. Die meiste Zeit liegt das Schiff in Landnähe vor Anker: zurzeit vor Lanzarote. Der Alltag gehört dem Schulunterricht. Segeln ist zweitrangig, es ist bloss Mittel zum Zweck.

Aus zerrütteten Verhältnissen

Dario will eine Lehre machen
Statt rumhängen will Dario nach dem Schiffsaufenthalt eine Lehre machen.

«Für die meisten ist es die letzte Chance», sagt Jonathan Reist (32), den hier alle «Joni» nennen. Er ist Sozialpädagoge, Leiter des Schiffs und seit neun Jahren auf der «Salomon». Er kennt die Geschichten der Jugendlichen nur allzu gut. Viele stammen aus zerrütteten Verhältnissen, wuchsen bei überforderten, psychisch kranken oder drogensüchtigen Eltern auf und wurden von einem Heim ins nächste geschoben.
«Ich habe mir nichts mehr sagen lassen», sagt Dario. Mit elf kam er ins erste Heim, dann in ein zweites und in ein drittes. «Mit 13 begann ich mit Kiffen. In die Schule ging ich nicht mehr. Stolz darauf bin ich nicht.» Aber aufs Schiff gehen? Das fand er alles andere als toll. «Ich hatte voll den Anschiss, drei Monate lang wollte ich nur weg von hier.»

Doch Abhauen ist schwer. Wer auf Kurve geht, wird schnell wieder gefunden. Und die Konsequenzen sind hart: «Du darfst ein paar Tage lang nicht mehr an Land, wenn die anderen einen Ausflug machen, und am Samstag keinen Film schauen, wenn alle anderen dürfen», erzählt der quirlige Sven. «In den Heimen vor dem Schiff bin ich etwa 8 Mal auf Kurve gegangen. Hier nur 1 Mal.»
Kaum einer der Jungs hat eine reguläre Schullaufbahn hinter sich. Stattdessen ­haben sie viel Mist gebaut – und sie erzählen freimütig davon: «Ich bin nur noch rumgehängt und habe gekifft.» – «Ich blieb zu Hause und zockte. Wenn meine Mutter was sagte, machte ich einfach die Tür zu.» – «Ich hatte sechs Anzeigen am Hals. Vor allem ­wegen Sachbeschädigungen.» – «Ich war nur die halbe Zeit im Heim. Sonst immer im Time-out.» – «Ich hatte die Wahl: Gefängnis oder Schiff.» –«Ich habe gekifft, gekokst und Brüche gemacht.» Und einer der ­kleinsten hat schon mit zwölf angefangen, Wodka zu trinken. Sie alle waren Meister ­darin, sich ihre Perspektiven für die Zukunft zu ­zerstören.

Vom Frühstück ins Arbeitstraining

Für Dario, Mirko (16) und Elias (16) ist nach dem Frühstück Arbeitstraining angesagt: das Beiboot reparieren, die Aufbewahrungskisten auf Deck putzen. «Ich reinige sicher nicht alle Kisten», mault Elias. «Das musste ich auch, als ich neu war», sagt Sven. «Ja, aber die andern Pfeifen gehen zur Schule, und ich muss diese Scheissarbeit machen.» Elias meint damit die fünf Kollegen, die im Unterdeck sitzen.
Im Raum, der auch als Aufenthalts- und Essraum dient und wo Tageslicht nur durch die Luken von oben eindringt, machen David (15), Ben und Cyril ihre Aufgaben. Jonas (15) zeichnet ein Gran-Canaria-Plakat, Levin hat seinen Kopf auf den Tisch gelegt und fummelt an seinen Trainerhosen herum.

Irgendwie schafft es der Lehrer Stefan (33), ihn doch noch zum Rechnen zu bewegen. Nach einer Weile legt sich Levin wieder hin. Zu schwierig? «Nö. Ist ja nur Addieren.» Doch lieber kritzelt er Quadrate und Dreiecke in sein Heft und fläzt demotiviert herum. «Machen sie nicht mit, erfüllen sie ihre Wochen nicht», sagt Jonathan. Die Woche «erfüllen» bedeutet, eine genügende Note zu erhalten. Diese setzt sich aus Verhaltens- und Leistungsbeurteilungen zusammen. «Erst wenn die Jungs 40 Wochen erfüllt haben, werden sie entlassen. «Sie können hier die Zeit nicht einfach abhocken.»

Die meisten schaffen es nach 50 bis 60 Wochen. Rekordhalter ist Cyril. Er ist seit 20 Wochen auf dem Schiff und hat erst zwei erfüllt. Der 14-Jährige hat es den Pädagogen selbst vorgerechnet: «Wenn ich in diesem Tempo weitermache, bin ich dreieinhalb Jahre auf dem Schiff.»
Es ist aber nicht so, dass die Jungs das toll fänden, im Gegenteil: «Wenn du in der Bewertung schlecht bist, ziehts dich runter», erklärt Dario. Oft geht dann gar nichts mehr. Und das Segeln? «Scheisssegeln», motzt Dario, der ­einer der Besten ist und zur Rigg-Elite gehört: zu den drei Jungs, die hoch auf die Masten steigen ­dürfen, um die Segel los­zubinden. Am Training vom kommenden Tag ist er Vormann und hat am Vorsegel das Sagen.

Wie im Piratenfilm

Es sieht aus wie in einem Piratenfilm, als Dario flink an den am Masten befestigten Wanten hochklettert. In zehn Sekunden ist er oben. Jonas (15) ist schon da. Vor drei Monaten konnte er noch nicht einmal allein vom Wasser über die Strickleiter ins Boot klettern, so ungelenk und schwer war er. Heute ist er einer der wenigen, die in schwindelerregender Höhe arbeiten. Jonas und Dario hängen sich am Querbalken, dem Rigg, ein und binden die Segel los.

Mirkos Graduierung zum Schiffsjungen
Mirko hat eben die Graduierung zum Schiffsjungen geschafft.

Es geht zum Segeltraining aufs offene Meer. Mirko und Elias sind beim Klüverbaum durch das Netz nach vorn geklettert und haben das Vorsegel gesetzt. Auch hier geht alles von Hand wie in früheren Zeiten. Taue und Segeltuch sind schwer, ohne gemeinsames Anpacken geht nichts. Die Jungs reffen Segel, machen klar Deck, schiessen Leinen auf. Sitzt einer herum, kommt ein anderer und scheucht ihn auf: «Jetzt mach mal!»

Sie sind auf sich gestellt. Robin, Sozialpädagoge und Erster Offizier, hilft nur, wenn er gerufen wird oder wenn etwas nicht gut läuft. Und immer wieder hört man gehässige Worte unter den Jungs: «Du musst es so machen!» – «Ich habe dir drei Mal gesagt, wie es geht!» – «Ich habe keine Ahnung, Mann!» Ein Spruch zu viel, und der Streit ­eskaliert.
Viele hassen am Anfang das Schiff, doch irgendwann sind sie stolz, es auf der «Salomon» geschafft zu haben. «Die Einstellung zum Schiff verändert sich, und du änderst dich in deiner Lebenseinstellung», erzählt Sven am späten Nachmittag.

Die «Salomon» ist wieder zurück an ihrem Ankerplatz, die Segel sind eingeholt und an die Masten gebunden, der Anker liegt tief im sandigen Meeresboden, die Abendsonne scheint gelblich, warm aufs Deck.

Als Sven hierherkam, dachte er: «Sind das denn alles Spastis oder was?» Er wollte am liebsten nur kiffen. Heute will er eine Lehre machen. Er sagt aber auch: «Ich habe Angst, dass ich wieder abstürze, wenn ich nach Hause zurückkehre.»

Ein Jahr auf dem Schiff tönt nach einer langen Zeit. Doch es reicht für die meisten nicht, sich problemlos zu reintegrieren. Zu tief sind die alten Wunden, zu lange war zu viel schief­gegangen. «Das Zurückkehren ist schwierig und eine Heraus­forderung für alle Beteiligten», sagt Schiffsleiter Jonathan. Deshalb kümmern sich die Sozialpädagogen auch um die Nachbetreuung, etwa beim begleiteten Wohnen in Rafz ZH. «Ist das Angebot nicht geeignet, schauen wir mit Eltern, Beistand und Jugendamt, welche Alternativlösung die richtige ist.»

Schiffskoch Simon ist einer, der die Kurve gekriegt hat. Der Berner war vor sieben Jahren auf der «Salomon». «Das hat mir das Leben gerettet», sagt er heute. Er wuchs bei drogenabhängigen ­Eltern auf, um ein Haar wäre er im selben Sumpf gelandet. «Ohne ‹Salomon› hätte ich es nicht ­geschafft.» Auf dem Schiff hat ­Simon das Leben schätzen ­gelernt – und auch sich selbst. Die ­Jugend­lichen lernen hier, an eine Zukunft zu glauben, die mit einem Teil ­ihrer Vergangenheit bricht.

Drill gehört der Vergangenheit an

Auch die «Salomon» selbst hat mit ihrer Vergangenheit gebrochen. Seit mehr als zwei Jahren fährt sie einen völlig neuen Kurs. Der ehemalige Verein Jugendschiffe.ch wurde aufgelöst und in die neue Stiftung Jugendschiffe Schweiz überführt, die mit neuem Konzept und anderem Personal vom Stapel lief. Früher gehörten strenge Hierarchie, Drill, Abhärtung und Fahrten durch den Sturm zum Alltag.
All das gibt es heute nicht mehr. «Wenn die Jungs seekrank in der Koje liegen, ist der Lerneffekt gering», sagt Jonathan. Und Robin meint: «Oft bedeutet das die totale Überforderung, das ist kontra­produktiv und fördert die Verweigerung und manchmal sogar den Hass auf das Schiff.» Das Berner Jugendamt hat diesen Drill in der Vergangenheit stark kritisiert und der «Salomon» wegen pädagogischer Mängel nur eine bis Mitte 2016 befristete Bewilligung ausgestellt. In seinem jüngsten Bericht beurteilt das Amt das Projekt allerdings rundum positiv. Ein definitiver Entscheid über die Zukunft des Schiffs soll Anfang 2016 erfolgen.

Der letzte Rettungsanker?
Der letzte Rettungsanker?

In Medienberichten wird die ­«Salomon» jedoch weiterhin kritisiert. Reintegration beim Segeln – das tönt für viele nach einem locker­flockigen Törn, der erst noch vom Staat bezahlt wird. Die Kritik ist unbegründet: Das schwimmende Erziehungsheim ist nicht teurer als andere Angebote für Jugendliche. Angesichts der schwierigen Fälle und punkto Kosten ist die «Salomon» ­sogar sehr gut auf Kurs. «Etliche Jugendliche kosteten das Doppelte, bevor sie zu uns kamen», sagt Jonathan. Er weiss, dass Erziehungsheime grundsätzlich teuer sind. Aber: «Es gibt nur eine Lösung: Investieren, sonst zahlt der Staat ein Leben lang.»
Im Ausland stösst die «Salomon» auf durchwegs positives Echo. Auf Lanzarote etwa war der Bürgermeister der Gemeinde Haria derart begeistert vom Projekt, dass er die Jugendlichen auf einen Tagesausflug auf die Insel einlud.

So wenig Privatsphäre die Jugendlichen haben, so beschränkt ist auch der Freiraum für die Besatzung und die Pädagogen. Auch sie müssen auf engstem Raum miteinander auskommen. «Hier kann man nicht einfach einen Job erledigen», sagt Robin. «Die Jugendlichen kriegen auch von uns schlechte Tage und Launen mit. Das macht die Arbeit authentisch.»

Die Erfolgsquote des Schiffs ist relativ hoch. Eine Umfrage der Stiftung Jugendschiffe Schweiz hat gezeigt, dass über 60 Prozent der jungen Männer fünf Jahre nach Verlassen des Schiffs ein unabhängiges Leben führen können.

Die Jungen verändern sich auf dem Schiff auch äusserlich. Dario ist in den eineinhalb Jahren auf der «Salomon» vom Buben zum ­jungen Mann geworden. Noch ­immer regt er sich zu schnell auf, noch immer motzt er herum und fällt es ihm schwer, Vertrauen zu fassen. Doch er hat viel gelernt, vor allem dass es auch anders geht mit ihm selbst. Und dass es Leute gibt, die für ihn da sind und ihn nicht aufgeben..


Weitere Infos: www.jugendschiffe.ch

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Gunnar Knechtel

Video: Claudia Langenegger