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03. April 2017

Let The Sunshine In

«Hair»
Auch im Rückblick keine haarige Sache: «Hair».

Der Blick aus einem Bus der Continental Trailways, der einen langen Schatten aufs bräunlichgrün bewachsene Strassenbord wirft. Das Schlagzeug setzt ein, der rhythmisch geschlagene E-Bass, eine hallende Gitarre, melodierende Trompeten … Und dann diese Frauenstimme: «When the moon is in the seventh house …» Den Filmauftakt werde ich nie vergessen. Ich war vierzehn und es war das erste Mal, dass ich im Kino einfach sitzen blieb und mir auch die nächste Vorstellung anschaute. Wieder der Blick aus dem Bus, der lange Schatten, diese Stimme: «When the moon …»

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51)

Zum ersten, darauf sogleich zum zweiten Mal «Aquarius» gehört, dann die LP gekauft und es zum dritten, vierten, … fünfundfünfzigsten Mal gehört. «Hair» hiess das Musical. Im April 1967, vor fünfzig Jahren, hatte es in New York Premiere gefeiert, nun kam es in der Filmversion zu uns: 1979. Es erzählte in einer Sprache, die wir kaum verstanden, von einem Krieg, von dem wir viel zu wenig wussten. Es setzte filmisch LSD-Trips um, handelte von Jugend und Auflehnung und Sex und Drogen – alles Dinge, die wir nur erahnten, damals, auf dem Land.
Gemeinsam mit Claude, dem unschuldigen Burschen aus Oklahoma, stolperte man durch die Szenerie, mit ihm staunte man über die Schamlosigkeit des Kriegsdienstverweigerers Berger, der schliesslich – tragische Ironie – an Claudes statt nach Vietnam einrückt. In einer Mischung aus Abscheu und Gebanntheit sass ich im Kinodunkel, und wenn ich auch nicht alles mitbekam, so doch dies: dass es um Rebellion ging, Freiheit, Liebe. Das war anziehend, verstörend und unendlich verheissungsvoll.

Und, ehrlich gesagt: Wie diese Beverly D’Angelo – so hiess die Schauspielerin, für mich war sie einfach «Sheila» –, diese Tochter aus besserem Haus, die sich plötzlich mit den wilden Blumenkindern rumtrieb, des Nachts nackt aus dem Teich im Central Park stieg, das war schon ziemlich aufregend.

Einige Male war ich noch im Kino, damals.
Doch die Erinnerung trügt mich. Wie der Vater seinen Claude in einem zerbeulten Ford zur Haltestelle bringt, ihm noch einige Dollarnoten zusteckt, wie sie dann ungelenk eine Umarmung andeuten, ehe der Sohn losfährt im silbernen Bus … Diese zwei ersten Minuten des Films hatte ich nicht gespeichert. Sie waren mir, als ich ihn mir nun nach Jahrzehnten wieder anschaute, völlig neu. Erst mit der Musik setzt meine Erinnerung ein. So sehr muss er mir damals eingefahren sein, der Song «Aquarius», der von Friede, Völkerverständigung, Toleranz handelt. Sie ist gut gealtert, diese Musik, verdammt gut. Und sie ist aktuell geblieben, leider.

Bänz Friedli live: 5./6. April Casinotheater Winterthur


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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli