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06. April 2015

Lesbische Frauen in der Nachkriegszeit

Redet man über lesbische Frauen, geht gerne die Generation vergessen, die sich in der Schweiz der Nachkriegszeit behaupten musste. Die 82-jährige Liva Tresch ist eine von ihnen.

Liva Tresch: «Wichtig ist, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin, wie ich bin.»
Liva Tresch: «Wichtig ist, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin, wie ich bin.»

Als Kind wollte Liva Tresch nie erwachsen werden. Und als sie erwachsen war, gab es Momente, in denen sie nicht alt werden wollte. Nicht 60, nicht 70. «Ich bringe mich vorher um», dachte sie dann. Es kam oft vor, dass sie keine einzige Stunde länger in ihrem Leben ausharren wollte. Und heute, mit 82 Jahren, sagt Liva Tresch Sätze wie: «Ich hätte nie gedacht, dass das Leben so schön sein würde. Schon gar nicht für mich.»

Für sie, das uneheliche Kind einer Gouvernante, das von seinem ersten Lebensjahr an in einer Pflegefamilie im urnerischen Flüelen aufwuchs. Sie, die man wegen ihrer Lese- und Schreibschwäche dumm schimpfte und die sich mit 22 nach ihrer ersten Liebesnacht mit einer Frau eingestehen musste, dass sie lesbisch ist.

Es ist nicht unseres. Diesen Satz habe sie in den ersten zehn Jahren ihres Lebens oft gehört. Damals nannte sie sich noch nicht Liva. Silvia Marietta Magdalena Tresch war ihr Taufname, «Silveli» rief man sie im Dorf. Oder «die Tresch», wenn die Leute es nicht so nett mit ihr meinten. Sie gehörte nirgends so richtig dazu. Nicht zu ihrer Pflegefamilie, nicht zu ihrer leiblichen Mutter, die später einen Bauern von Gurtnellen Berg heiratete. «Silveli» musste sich allein durchschlagen, oft mit den Fäusten, besonders wenn die anderen Kinder sie wegen ihrer Herkunft hänselten. Sie war kräftig, ein «Ruäch», spielte am liebsten mit den Buben. «Ich sah mich immer als Junge. Nur wenn ich heimlich die Blümlein streichelte oder einen Regenwurm von der Strasse hochhob und ihn ins Gras legte, dann war ich ich.»

Mit 22 Jahren die erste grosse Liebe

«Die Erinnerungen befinden sich nicht hier», sagt sie und zeigt auf ihren Kopf, «sondern hier», und zeigt auf ihr Herz. Dabei hatte sie auf dieses Herz lange keine Rücksicht genommen. So etwas wie Liebe kannte sie nicht. Auch nicht Liebe sich selbst gegenüber. «Ich bin ein Stein, vom Leben gemeisselt. Mit Schlägen, was furchtbar schmerzte. Aber so bin ich zu dem geworden, was ich heute bin. Eine dankbare Gestalt.»

Als sie 15 war, schickten die Pflegeeltern sie weg, weil die Leute im Dorf schlecht über sie sprachen, ihr Männergeschichten andichteten. Sie flüchtete ins Tessin und versteckte sich dort bis zu ihrer Volljährigkeit. Sie jobbte als Dienstmädchen oder als Kurierin, in einem Gemüseladen, ihre Freizeit verbrachte sie bei den Pfadfinderinnen. Der katholische Glaube hatte ihr bisheriges Leben geprägt, doch in der Pfadi befolgte sie innig die Pfadfindergesetze. Ein Pfadfinder ist rein in Gedanken, Worten und Taten. Ein Pfadfinder lächelt und pfeift trotz aller Schwierigkeiten. Die gute Miene zum bösen Spiel beherrschte Liva Tresch noch viele Jahre lang. Sie hielt die Fassade des fröhlichen und burschikosen Bauernmädchens aufrecht, das so laut und lustig war, dass sie in der Pfadi den Namen Radio erhielt. Gabs ein Problem, rief man den Radio. Der Radio baute das Zelt wieder auf, der Radio hatte für alles eine Lösung parat.

Mit 22 verliebte sie sich in eine Pfadi-Kollegin. «Jemand liebte mich. Zum ersten Mal in meinem Leben! Ohne dass ich etwas dafür hatte tun müssen!» Sie nannte sie Musle. Die beiden hinterliessen einander kleine Botschaften im Satteltäschchen des Velos, sie trafen sich heimlich auf dem Friedhof, damit niemand sehen konnte, wie sie sich umarmten. Doch die Beziehung war vorbei, noch bevor sie richtig beginnen konnte. Trotzdem war für Liva Tresch klar, dass Musle, die ihr das Herz gebrochen hatte, immer ihre grosse Liebe bleiben würde.

«Wichtig sei, sich hinzustellen», sagt Liva Tresch und schlägt ganz leicht mit der Faust auf die Tischplatte, «und zu sagen: Ich bin, wie ich bin.» Viele Male erlebte sie, wie Arbeitskollegen hinter ihrem Rücken über sie lästerten. Die Tresch sei doch eine Lesbe.

Wie die schon nur aussah, mit ihren Hosen und den kurzen Haaren. Als sie sich nach ihrer Rückkehr in die Deutschschweiz in einem Fotolabor als Hilfslaborantin bewarb, machte sie noch während des Bewerbungsgesprächs reinen Tisch. Sie habe innerlich gezittert, so gross war ihre Angst. Doch die Angst, erneut gemobbt zu werden, war grösser. Und so sagte sie zum Schluss: «Ich bin lesbisch. Wenn Ihnen das nicht gefällt, sagen Sie es jetzt.» Der Chef errötete. «Fräulein Tresch, das hat nun wirklich nichts mit der Arbeit zu tun. Aber es ist gut, dass Sie mir das gesagt haben.»

In Zürich angekommen, begann für sie ein neues Leben. Sie tauchte ein in die Klubs, in denen die Schwulen und Lesben die Nächte verbrachten. Irgendwann einmal begann sie, die Feste und Gesichter auf Film festzuhalten. Heute gilt sie als Chronistin jener Szene, die sich lange im Versteckten halten musste. «Die Schwulen und Lesben waren meine Familie.»

Mit Katrin, mit der sie 20 Jahre lang zusammen war, eröffnete sie Ende der 60er-Jahre ein Fotofachgeschäft in Zürich Hottingen. In diesem Haus lebt Liva Tresch noch heute, doch eine Frau hat sie keine mehr an ihrer Seite. «Ich schliesse es nicht aus, dass ich mich noch einmal verlieben könnte, aber ich wäre froh, wenn es nicht passieren würde. Es ist schwierig, mit mir zusammenzuleben.»

Manchmal trifft sie sich mit ihrem alten Freund, einem Theaterschneider. Sie setzen sich in Zürich in ein Café und schauen zu, wie die Menschen vorbeigehen. «Ich erkenne auf Anhieb, wenn eine Frau eine von uns ist, eine aus unserem Stall», sie lacht, wenn sie das so sagt. Doch eigentlich sei es gar nicht mehr wichtig, ob lesbisch oder schwul oder sonst etwas. Wichtig sei es, wahrhaftig, ehrlich und respektvoll zu sein.

Segnung eines Lesbenpaars – «das Grösste!»

«Vor dem Bischof in Chur fehlt mir der Respekt», sagt Liva Tresch. Dass Pfarrer Bucheli in Bürgeln UR ein lesbisches Paar und dessen Liebe gesegnet habe, sei das Grösste, sagt sie. «Bleiben Sie doch Mensch!», würde sie dem Bischof, der Bucheli fortgeschickt hatte, am liebsten zurufen. Stünde er vor ihr, würde sie ihm das auch ins Gesicht sagen. Sie blickt hinüber zum Garten des Nachbarhauses. «Wir sind doch nicht mehr als diese Schneeglöckchen da drüben.» Eines gleich viel wert wie das andere. Man müsse nur darauf achten, dass man das andere nicht im Schatten stehen lasse. So einfach sei das.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Marvin Zilm