Archiv
01. Dezember 2014

Lernhilfe auf vier Pfoten

Ein Schulhund im Unterricht hilft Schülern, sich besser zu konzentrieren. Das Migros-Magazin hat zwei Schulklassen mit Hund besucht.

Ein Hund im Schulzimmer.
Klasse mit Hund: Im luzernischen Rain ist Pudel Balou in der Deutschstunde mit dabei.

Schwarzglänzend krauses Fell, ­haselnussbraune Augen und ein treuherziger Hundeblick – kein Wunder, lieben die Sechstklässler ihr tierisches Gschpänli. Der Vierbeiner heisst Balou, ist sechs Jahre alt und an fünf Stunden pro Woche in der Klasse 6b im Schulhaus in Rain LU in der Schulstunde mit dabei. «Er ist ein Kollege auf vier Pfoten», sagt Nadja. «Ein richtiges Klassenmitglied. Wie ein Bruder, einfach viel netter.» – «Ja, viel netter», findet Olivia, ihre Pultnachbarin. «Eigentlich ist er fast ein bisschen zu nett, um unser Bruder zu sein.» Und während die elfjährigen Mädchen erklären, was Balou ihnen bedeutet, trottet dieser seelenruhig durchs Klassenzimmer und lässt sich hier am Rücken streicheln und dort am Hals kraulen.

Frau in einem Schulzimmer.
Kerstin Cattin ist Heilpädagogin und auf tiergestützte Heilpädagogik spezialisiert.

Balou ist der Schulhund der Heilpädagogin Kerstin Cattin (35), die seit einem Jahr für die integrative Förderung in der Klasse 6b zuständig ist. Ihr Spezialgebiet: tiergestützte Pädagogik. Den Vierbeiner nimmt sie aus therapeutischen Zwecken mit in die Schulstuben. «Tiere wirken sich positiv auf die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung von Kindern aus», erklärt sie. «Die Kinder sind motivierter und gehen konzentrierter an die Arbeit.» Der Schulhund akzeptiere jedes Kind so, wie es sei, leistungsschwachen Kindern wende er sich gleichermassen zu. «Dies stärkt das Selbstvertrauen beim Kind, was sich wiederum positiv auf die Schulleistung auswirkt», sagt Kerstin Cattin.

Dank Balou wird es schnell still im Klassenzimmer

Nach der grossen Pause stehen Deutsch und Mathe auf dem Programm. Wenn Balou da ist, unterrichten Klassenlehrerin Sarah Fuchs (36) und Kerstin Cattin die Klasse gemeinsam. Dank Balou wird es nach dem lärmigen Trubel der Pause rasch still im Schulzimmer. Jede Schülerin und jeder Schüler erhält von Kerstin Cattin eine Dose mit einem Hundeguetsli. Dann schüttelt ein Kind nach dem andern sein Döschen. Balou muss das jeweils lärmende Döschen aufspüren. Hat er es gefunden, darf er als Belohnung das Guetsli fressen.

Bessere Noten und ein wenig Ablenkung

Und was erleben die elfjährigen Kinder, lernen sie besser, wenn ein Hund in der Schulstunde dabei ist? «Nein, aber das Lernen ist cooler», sagt der blonde Timo. «Es ist locker und lustiger in der Schule», findet Olivia, die an einem Viererpult mit drei anderen Mädchen sitzt. Und Selina meint: «Man kann sich besser konzentrieren.» – «Wir sind motivierter», sagt Carmen. «Man ist nicht so gestresst, weil wir den Hund stressen, wenn wir nervös sind», sagt Olivia. «Seit Balou da ist, erzähle ich zu Hause mehr von der Schule.» – «Und ich habe bessere Noten», berichtet Nadja. Auch die Buben finden ihr Hundegschpänli super. «Endlich etwas Ablenkung im Schulzimmer!», sagt Simon. «Wenn es langweilig ist, kann ich ein bisschen den Hund streicheln.»

Balou ist nicht einfach nur zum Knuddeln da

Man versteht nicht genau, wie dies alles funktioniert, doch klar ist: Die Spiele mit Balou machen Spass, auch wenn es um Rechnen oder Sprachübungen geht. Und die Kinder sind offensichtlich mit Freude dabei.

Wird ein Schulhund eingesetzt, kommen aber ebenso schnell kritische Fragen und Vorbehalte. «Es gibt Leute, die empören sich und finden: Warum nun auch noch ein Hund? Andere meinen, in einer ländlichen Gegend brauche es keine Schulhunde. Da hätten die Kinder schon genug Kontakt mit Tieren», erzählt Kerstin Cattin. Doch hier lernen sie einen anderen Umgang mit dem Tier.

Frau mit Hund verlassen das Schulzimmer.
Die Schulstunde ist im Flug vorbei.

«Der Hund ist nicht einfach zum Knuddeln da. Bei Balou gelten strikte Regeln, welche die Kinder befolgen müssen», sagt die Heilpädagogin. Die Kinder rufen ihn nicht, halten ihn nicht fest und rennen in seiner Nähe nicht. Sie fragen Frau Cattin, bevor sie ihm ein Kommando oder etwas zu fressen geben. Er hat einen Ruheplatz, an den er sich zurückziehen kann. Ist er dort, dürfen ihn die Kinder weder rufen noch streicheln. «Damit ein Hund wirklich etwas nützt, muss er gezielt eingesetzt werden», weiss die Heilpädagogin. Dazu gehört die Schulung des Hundes und fundiertes Wissen in tiergestützter Pädagogik. Die Erfahrungen in Rain LU sind durchwegs positiv. Die Kinder sind nicht nur ruhiger und besser konzentriert», sagt die Klassenlehrerin. «Sie freuen sich auch mehr auf die Schule, wenn Balou kommt.»

Ein Hund für hörbehinderte Schüler

Auch am Zentrum für Gehör und Sprache, der Schule für hörbehinderte Kinder und Jugendliche in Zürich, ist immer wieder ein tierisches Gschpänli in den Klassenräumen anzutreffen. Die dreijährige Labradorhündin heisst Diandra und gehört zu Lorena Bettin (26). Die Gebärdensprachdolmetscherin unterrichtet seit drei Jahren hier. «Ich fand, dies ist eine ideale Gelegenheit, hier eine Schulhündin mitzubringen.»

Frau mit Hund vor einer Wandtafel.
Gebärdendolmetscherin Lorena Bettin setzt im Unterricht Hündin Diandra ein.

Heute unterrichtet sie in der Förderklasse Oberstufe. Fünf Kinder zwischen 13 und 18 Jahren sitzen im Schulzimmer, sie alle haben Probleme mit dem Gehör und zusätzliche Beeinträchtigungen. Lorena spricht langsam und deutlich zu ihren Schülerinnen und Schülern und benützt parallel die Gebärdensprache mit ihren Händen.

In der Deutschstunde heute gehts um Adjektive: gross, klein, lang, kurz, langsam, schnell. Diandra würfelt mit einem grossen Schaumgummiwürfel. Jeder Zahl ist ein Adjektiv zugeordnet. Die Schülerinnen müssen reihum aus dem gewürfelten Adjektiv einen Satz bilden. Sarah (14) fragt sofort: «Darf ich Diandra streicheln, wenn ich eine Sechs würfle?» «Ja», sagt Lorena Bettin. Die Hündin lässt den Würfel fallen, er rollt – und bleibt prompt mit der Sechs stehen. Das Mädchen mit den braunen Haaren und dem karierten Hemd springt freudig auf und streichelt Diandra.

Ein Schulhund muss viel aushalten

«Schläft Diandra heute nicht?», fragt Sarah. «Nein», meint Lorena Bettin. «Sie arbeitet ja mit uns.» – «Aber vorher hat sie geschlafen.» Etwas später holt Diandra aus einer Kiste einen Buchstaben, die Schüler müssen Adjektive damit bilden. Es gibt kein Maulen, kein Zicken. Alle helfen bei den Aufgaben mit. Ob das ein Verdienst von Diandra ist? «Grundsätzlich sind die Kinder konzentrierter», sagt Lorena Bettin. «Zudem fördert das Tier die Motivation, und man kann die Schüler via Hund belohnen – etwa mit Streicheleinheiten. Und Kinder machen Aufgaben lieber. Wenn sie beispielsweise etwas schreiben oder zeichnen müssen, kommt es oft vor, dass sie dem Hund zuerst die Aufgabe zeigen, wenn sie fertig ist.»

Ein Schulhund im Klassenzimmer.
Hündin Diandra schubst den Würfel. Je nach Zahl müssen die Kinder andere Sätze bilden.

Mit dem Tier kann sie besonders viele positive, therapeutische Wirkungen beobachten. «Unkonzentrierte Schülerinnen holen Ruhe und Energie beim Streicheln», erzählt Lorena Bettin. «Und die Schüler haben ein gemeinsames Thema, mit welchem sie zueinanderfinden. Es gibt Schüler, die können via Hund überhaupt erst Kontakt miteinander knüpfen.»

Nicht jeder Hund eignet sich als Schulhund. Er muss menschenfreundlich sein, sehr ruhig und wesensstark. «Schulhunde müssen mehr aushalten als normale Hunde. Wird es zum Beispiel im Schulzimmer mal laut, müssen die lärmempfindlichen Tiere ruhig bleiben», sagt Lorena Bettin. Es kommt zwar selten vor, doch es kann wirklich laut werden. Vereinzelt äussern autistische Kinder Frust oder Unzufriedenheit mit Schreien. «Gerade wenn jemand aufgebracht ist, ist ein Schulhund super», sagt Lorena Bettin. Diandra wie auch Balou sind perfekte Schulhunde: Sie sind sehr menschenbezogen, gern unter Kindern und kommen mit Lärm klar. Balou hat einen besonderen Vorteil: Sein Fell besteht aus der krausen Pudelwolle, er lässt also keine Haare – das ist ein Vorteil angesichts allfälliger Allergien unter den Schülern.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Elisabeth Real