Archiv
21. Juli 2014

Leinen los im Land der Seen

Romantische Gutshäuser, baumgesäumte Feldsteinwege und 1000 Seen: Die Mecklenburgische Seenplatte ist ein Paradies für Hobbykapitäne, Ausflügler und Wasserratten. Eine Reise mit dem Hausboot.

Unterwegs auf dem Hausboot: Geht gerade kein Wind, liegt auch mal Steuern mit dem Fuss oder ein Gläschen Weisswein drin.
Unterwegs auf dem Hausboot: Geht gerade kein Wind, liegt auch mal Steuern mit dem Fuss oder ein Gläschen Weisswein drin.

«Wer noch nie sein eigener Kapitän war, hat was verpasst», hatte Jürgen Seidel, Tourismusminister von Mecklenburg-Vorpommern, festgestellt. Seine Worte hallen mir im Kopf, als uns Skipper Rolf ­morgens im Hafendorf Müritz eine Einführung ins Hausbootfahren gibt. Wir üben den Start des Motors, Einparkieren und Rückwärtsfahren. Ich, auf dem Katamaran meines Vaters eine gewiefte Steuerfrau, habe mit diesem ungelenken Ungetüm von Hausboot so meine Mühe. Es will einfach nicht da hin, wo ich hinwill. «Hausboot fahren ist wie Skifahren», beruhigt mich der Skipper: «Willst du nach links, musst du deinen Popo nach rechts drücken.»

Durch die Wasserstrasse kommt man von einem See in den nächsten
Durch die Wasserstrasse kommt man von einem See in den nächsten.

Mit schwitzigen Händen umfasse ich das Steuer. Zum Glück fährt das Hausboot nicht schneller als zehn Kilometer pro Stunde. Nach der Einführung wird uns ein Charterschein ausgestellt, und es kann losgehen. Auf die Müritz, aus dem Slawischen für «kleines Meer», das Herzstück der Seenplatte. Dort gilt das Gesetz des «ff»: mit dem Hausboot, das es nur auf 15 Pferdestärken bringt, darf man «führerscheinfrei fahren». Die Mecklenburgische Seenplatte, eingebettet zwischen Elbe und Oder, rund zwei Autostunden von Berlin entfernt, besteht aus über 1000 miteinander verbundenen Seen. Da es hier keine Schleusen und nur wenige Brücken gibt, bilden Fleesensee, Kölpinsee und die Müritz das ideale Hausbootrevier. Um die Müritz zu durchqueren, ist man je nach Wetterlage schon mal sechs Stunden unterwegs.

Ausweichen, Einparken: Die Bootsmanöver haben ihre Tücken

Die Müritz stellt sich als ganz schön launisch heraus. Im einen Moment geht kein Lüftchen, innerhalb von Minuten ziehen dunkle Wolken auf, und das Boot schaukelt, was das Zeug hält. Ich schnalle meine Schwimmweste enger. Die nächste brenzlige Situation: In der Wasserstrasse kommt mir das Kursschiff entgegen. Hektisch verreisse ich das Steuer, in der Hoffnung, die Richtung schnell beeinflussen zu können. Das Resultat: Das Hausboot kommt ins Schlingern und kollidiert um ein Haar mit dem Kursschiff.

Nach unzähligen Manövern und einem stürmischen Nachmittag auf dem Wasser steht am Westufer der Müritz endlich ein Landgang an. Doch auch der hat seine Tücken: Einparken ist angesagt. Skipper Rolf steht schon auf dem Anlegesteg und fuchtelt mit den Armen herum. «Mit dem Bugstrahlruder steuern!», schreit er. «Jetzt ein bisschen vor, jetzt zurück. Stopp, Leergang rein, Motor aus!» Das Hausboot ruckelt, gibt einen letzten Seufzer von sich und steht dann eingeparkt in der «Wasserwanderraststätte». Auf einen solch abstrusen Namen kann auch nur ein ehemaliges DDR-Bundesland kommen.

Beim abendlichen Landgang bringt das Kapitändasein plötzlich Nebenwirkungen mit sich: Der Weg auf der Allee zum Romantikhotel Gutshaus Ludorf, vorbei an glänzenden Weizenfeldern, fühlt sich etwas wacklig an. Beim Abendessen im historischen Backsteinhaus schwankt der Boden, der Kopf pocht von Wind und Sonne.

Das Romantikhotel Gutshaus Ludorf liegt versteckt am Westufer der Müritz.
Das Romantikhotel Gutshaus Ludorf liegt versteckt am Westufer der Müritz.

Das Gutshaus Ludorf erinnert indes an die herrschaftliche Zeit, es verführt dazu, ein Mal ein wenig Landadel zu spielen, durch den Park zu flanieren, sich abends im Barocksaal ein Violinkonzert anzuhören und im Jägerzimmer oder in der Rosensuite schlafen zu legen. Doch auch das Hausboot hat seinen Reiz: Bequeme Betten, Duschen und eine Kochnische gehören zum Standard. Das wahre Leben spielt sich aber auf Deck ab.

Am nächsten Tag geht kein Sturm, da reicht eine Hand am Steuer. Ich halte das Gesicht in die Sonne, beobachte Wasservögel, winke den entgegenkommenden Schiffspassagieren zu und spüre den Fahrtwind im Haar. Auf die Langsamkeit des Wassers eingestellt, droht beim nächsten Landgang vor lauter Freizeitangeboten beinahe Reizüberflutung: Fahrradfahren, Minigolf oder Ausstellung? In Waren steht zum Beispiel das Müritzeum, ein riesiges Naturerlebnismuseum. Im grössten Süsswasseraquarium Deutschlands sieht man in Natura, was auf den einheimischen Fischplatten aufgetischt wird. Im Museum kann man ausserdem live in einen Seeadlerhorst blicken. Dieser liegt auf einem Hochspannungs­masten im Müritz-Nationalpark und wird mit einer Kamera direkt ins Museum übertragen.

Mecklenburg-Vorpommern war einst das Land der Rittergüter. Von den 2500 Schlössern und Gutshäusern wurden mehr als 300 restauriert und touristisch umgenutzt. Unter den Gutsherren findet sich auch ein Schweizer: Felix Gianoli ist Prokurist des Guts Harkensee. Der 70-jährige Architekt kam Anfang der 90er-Jahre in das neue Bundesland. Eine Austauschschülerin hatte dem Glarner immer wieder von ihrer mecklenburgischen Heimat vorgeschwärmt – bis es ihn und seine Frau Lilli (70) selbst dorthin verschlug. Damals wollte Felix Gianoli ein Touristendorf realisieren, doch das Projekt scheiterte an der Finanzierung. Trotzdem ist das Ehepaar in Mecklenburg-Vorpommern geblieben. Heute betreiben die beiden das Gut Harkensee in Dassow, gut zwei Autostunden von der Seenplatte entfernt.

Die Glarner Felix und Lilli Gianoli betreiben ein eigenes Gutshaus.
Die Glarner Felix und Lilli Gianoli betreiben ein eigenes Gutshaus.

Die gute Luft und den Himmel «bis an Bode abe» schätzt Felix Gianoli an der Gegend besonders. «Die Schweiz ist zu eng für uns. Hier ist alles viel weitläufiger», stellt er fest. Kirchen aus Backsteingotik und das reiche Kulturangebot würden Mecklenburg auch für Landausflügler interessant machen. Die Gäste liebten ihren Schweizer Akzent, meint Lilli Gianoli. Es sei ganz praktisch, dass sie «weder Ossis noch Wessis, sondern neutrale Schweizer» seien, fügt sie schmunzelnd hinzu.

Im Gastgewerbe merkt man noch Spuren des DDR-Gedankenguts

Die Spuren des DDR-Gedankenguts merkt man vor allem noch bei der Bedienung in den zahlreichen Gaststätten und Cafés der Gegend. Das stört auch Felix Gianoli manchmal: «Die Selbstverständlichkeit ist noch nicht da. Viele müssen lernen, dass man Dienstleistungen verkaufen muss.» Und so verdreht die Kellnerin im Restaurant in Malchow die Augen, als sie nach der Rechnung gefragt wird. Im 150-Seelen-Weiler Damerow ist das anders: Dort geben die Müritzfischer bereitwillig Auskunft zum Fischfang und servieren gut gelaunt direkt am See ihre Spezialitäten. Wie die Mecklenburger sagen: «Fisch ist hier reichlich vorhanden.» Besonders schmackhaft ist die Maräne, uns besser bekannt als Felche. Gesättigt steige ich als mittlerweile begeisterte Hobbykapitänin abends in meine Hausbootkoje und lasse mich begleitet von einem angenehmen Gurgeln, Plätschern und Zischen in den Schlaf schaukeln.

Die Recherche wurde unterstützt von Railtour in Bern.

Das Land der 1000 Seen

Die Mecklenburgische Seenplatte.
Die Mecklenburgische Seenplatte.

Die Mecklenburgische Seenplatte liegt im Nordosten Deutschlands. Mit Lufthansa kann man über München nach Rostock fliegen, der Flughafen befindet sich etwa eine Stunde Fahrzeit von der Seenplatte entfernt. Alternativ fliegt man nach Berlin und reist von dort mit dem Zug oder dem Mietwagen an.

3-Tage-Route: Müritz – Kölpinsee – Jabelscher See – Fleesensee und zurück.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Tobias Kruse