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04. Februar 2013

Lehrstunde im Park

Wir müssen jetzt tapfer sein. Es gilt, ein heikles Thema anzusprechen: die Belehrungsgrosis. Wer mal kleine Kinder hatte, kennt den Typus — ältere Menschen, vorwiegend Frauen, die einem in Supermärkten und öffentlichen Parks auflauern, zunächst freundlich dreinschauen, sich gwundrig über den Kinderwagen beugen: «En Bueb?», Laute der Verzückung wie «Jöö!» und «Jechters, näi aber au!» von sich geben und … Dann, urplötzlich, kommts: «Sii!» Strenger Blick von unten herauf, Lehrerinnenstimme: «Sii müend dem Bueb öppis Warms aalegge!» — «Es ist ein Mädchen.» — «Sii! Dänn erscht rächt! Das Chind wird suscht chrank …» Und das ist dann der Moment, in dem man am liebsten sagen würde: «Was ich mit meinem Kind mache, geht Sie einen Dr …»

«Ich! erziehe!! meine!!! Kinder!!!! selbst!!!!!»
«Ich! erziehe!! meine!!! Kinder!!!! selbst!!!!!»

Aber man sagt es natürlich nicht. Schon gar nicht als Vater, denn als solcher steht man bei der älteren Generation ohnehin in Generalverdacht, alles falsch zu machen. (Und man kann es den betagten Damen nicht mal verübeln, aus ihrer Sicht und in ihrer Erinnerung stimmt es womöglich, dass Männer nicht mit kleinen Kindern umgehen können.) Man sagt also nichts, brummelt höchstens ein «Ja, ja, scho guet …» und versucht, irgendwie davonzukommen. Hebt die Kleine aber — warum auch immer — just in diesem Moment zu schreien an, ist man verloren. «Jöö, du arms Chind! Du arms Tröpfli! Und wo häsch dänn s Mami, wo?» Und wenn man Pech hat und sie noch einigermassen rüstig ist, die Rentnerin, reisst sie einem das Baby stracks aus dem Wagen, beginnt es zu wiegen und mit ihrem Mantel zu wärmen. Hab ich alles erlebt, im Fall.

Ich! erziehe!! meine!!! Kinder!!!! selbst!!!!!

Und diese Sorte Seniorinnen hört nicht auf, einen zu belehren. Sie tun es, sobald die Kinder grösser sind, dann einfach indirekt: Tadeln die Kinder und meinen die Eltern. Letzthin an der Bushaltestelle. Anna Luna und Hans müssen beide zum Chiropraktor, Rückenprobleme. (Wen wunderts bei diesen voll beladenen, sauschweren Schultheks!) Artig sitzen sie auf der Wartebank im Haltstellenhäuschen. Kommt eine Alte und chiflet drauflos, was diesen Goofen eigentlich einfalle, die Sitzplätze seien für die älteren Leute, so junges Gemüse könne gwüss stehen, und überhaupt … An dieser Stelle schleudert sie einen Blick in meine Richtung … «Wahrschiinlich schlächt erzoge, gälled Sii?» Und diesmal verliere ich die Contenance. Erstens, weil auf der Bank noch längst genug Platz wäre, damit auch die Chiflerin sitzen könnte. Zweitens und vor allem: Weil sie meine Kinder zurechtgewiesen hat; zu Unrecht, wie mir scheint. Und was macht der Vater, ganz Löwenmutter? Er verteidigt seine Brut, er zeigt die Krallen. Der Wortlaut ist nicht druckreif, aber ich habe dieser Person klargemacht, welch anstrengenden Tag die Kinder hatten und dass auch Kinder mal ausruhen dürfen. Als sie maulte, wurde ich laut: «Ich! erziehe!! meine!!! Kinder!!!! selbst!!!!!» Entschlipfte mir gar der berndeutsche Ausdruck «Gumsle»? Und der Name eines Tieres, das Milch gibt? Ich weiss nur noch, dass ich hässig war.

Am Samstag steht in unserem Quartier ein Auto halb auf dem Trottoir, halb auf der Fahrspur. Ein junger Vater verstaut etwas im Kofferraum und lässt derweil seinen Knirps unbeaufsichtigt vor einer Autotür warten, und zwar strassenseitig. Das Kind ist vielleicht eineinhalb, kann sich kaum auf den Beinen halten. Schon ertappe ich mich dabei, wie ich dem Vater belehrend zurufe: «Sie! …»

Bänz Friedli live: 8.2. Biglen BE, Bibliothek.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli