Archiv
18. März 2013

Lehre oder Mittelschule: die Qual der Wahl

Welche grundverschiedenen Ausbildungs-Optionen stehen Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit offen? migrosmagazin.ch liefert den Überblick und nennt neben Leistung weitere Voraussetzungen für den immer beliebteren gymnasialen Weg.

Tatsache ist, dass mit oder nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit besonders im von Agglomerationen geprägten Mittelland die Quote der Schüler an Kantons- respektive Gymnasiumsschulen stetig zunimmt – gesamtschweizerisch allein um ein Drittel seit zwanzig Jahren. Mit dem Trend und der damit verbundenen Ansicht, dass die breiteste und vertiefteste Allgemeinbildung am besten auf das Berufsleben vorbereite (und bis zum Universitätszugang die meisten Optionen offenlasse!), steigt auch der Druck auf viele Schüler, den Übertritt an eine Mittelschule zu schaffen.
Dabei wäre für viele Schüler vermutlich eine Berufslehre, bei Bedarf mit Anschlusslösungen wie der Berufs- oder Fachmatura, der bessere Weg, weil ihre Stärke und Faszination weniger den rein kopflastigen Bildung gilt (siehe Punkte unten). Und obendrein bietet der gymnasiale Weg mitsamt allenfalls folgendem Studium in vielen Branchen keineswegs eine höhere Jobsicherheit nach der Ausbildung oder einen deutlich höheren Lohn.

Es lohnt sich also, vor dem Entscheid (und damit verbundenen Prüfungen) über den Ausbildungsweg nach den neun Schuljahren, zuerst die grundsätzlich verschiedenen Optionen unter die Lupe zu nehmen und sich andererseits zu fragen, ob man für den gymnasialen Weg auch tatsächlich geeignet ist. Denn um diesen durchzustehen und dabei auch halbwegs zufrieden zu sein, bedarf es nicht nur der nötigen Leistung (Schulnoten und Aufnahmeprüfung), sondern auch ein paar EIgenschaften.

Optionen beruhen auf drei Säulen

A. DIE BERUFSLEHRE
Sie führt in der Regel in drei oder vier Jahren zu einem Abschluss in Form des Lehrdiploms. Wer danach seine Ausbildung weiterführen will, kann die Berufsmaturität anschliessen und so Zugang zu Fachhochschulen erreichen, über eine Zusatzprüfung ('Passerelle') gar an eine Universität.
Das spricht dafür:
Die konkrete, praxisbezogene Einführung in einen Beruf respektive ein Tätigkeitsfeld, neben einem begleitenden Ausbildungsteil in der Berufsfachschule. Letzterer erfordert meist höchstens einen Viertel bis Drittel an Zeit und Aufwand.
Oft entstehen im Lehrbetrieb oder dessen Umfeld schon Kontakte oder Lösungen für die spätere Anstellung.

B. DAS GYMNASIUM (Mittel-/Kantonsschule) oder FACHMITTELSCHULEN
Neben den klassischen Mittelschulen, je nach Standort und Anzahl in einem Kanton üblicherweise Kantonsschule oder Gymnasium genannt, ermöglichen auch Fachmittelschulen (früher Diplommittelschulen) Zugang zu einer breiten Allgemeinbildung.
Das spricht dafür:
Das Gymnasium bietet auf dieser Alterstufe noch immer die breiteste Allgemeinbildung, gewährt Zugang zu den universitären Bildungslehrgängen und -abschlüssen (primär Universität, ETH, Fachhochschule) und schafft auch die Grundlage für lebenslanges Lernen. Im Vergleich zu früher wird in Sprachen, Natur- und Gesellschaftswissenschaften immer mehr Wert auf das Prozedere der Wissens-Erarbeitung als nur auf die Anhäufung von Kenntnissen und Fakten gelegt. Hilft teilweise auch bei der intellektuellen Bildung einer individuellen (nicht vorgegebenen) Weltsicht und generell bei der Reflexion.
Fachmittelschulen benötigen statt überdurchschnittlichen tendenziell 'bloss' gute Schulleistungen zum Ende der obligatorischen Schulzeit und gewähren später den Zugang zu höheren Berufsbildungen, Höheren Fachschulen und auch Fachhochschulen.

C. HANDELS- oder Informatik-MITTELSCHULE
In den meisten Kantonen existieren Handelsmittelschulen (vielerorts auch Wirtschaftsmittelschulen genannt), die zu einem Handelsdiplom führen. Dieses ist zugleich der Berufsabschluss als Kauffrau/-mann (dem Lehrabschluss gleichgestellt), andererseits kann nach einem Jahr Berufspraxis schon die Berufsmaturität erlangt werden.
In ein paar Kantonen gibt es parallel dazu Informatikmittelschulen, die nach drei Jahren Schule und ebenfalls einem Jahr Berufspraxis zur Berufsmaturität und daneben dem Fähigkleitsausweis Informatiker(in) führt.
Das spricht dafür:
Diese Ausbildungswege sind zwar wiederum eher schulisch und weniger Praxis-geprägt, im Fächerkanon jedoch stark auf die Tätigkeiten von Handel und Informatik ausgerichtet. Sie stellen somit quasi eine Kombination der Optionen A und B dar.

Eigne ich mich für den gymnasialen Weg?

Abgesehen von der schulischen Leistung und einer schliesslich bestandenen Prüfung (in den meisten Kantonen, anschliessend teils Probezeit) stellt sich bei vielen Jugendlichen auch die Frage, ob eine markante Verlängerung der Schulkarriere mit allen Vor- und Nachteilen für sie das Richtige ist. Gerade das einseitig kopflastige Arbeiten ist nicht für alle ideal. Dazu kommt, dass die Matur allein zumeist noch keinen Berufseinstieg ermöglicht und weitere Ausbildungsetappen meist schulischer Art danach folgen.

Woraus zeichnet sich der typische Mittelschüler aus? Eine Mehrheit der folgenden zehn Punkte sollte idealerweise erfüllt sein:

1) Das wichtigste: Er geht (sehr) gern zur Schule. Auch wenn er über das eine oder andere motzt wie bei Teenagern üblich...

2) Sie/Er ist neu- respektive wissbegierig in mehr als einem Fachbereich des klassischen Fächerkanons (Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften...).

3) Sie/Er hat ein überdurchschnittliches Konzentrationsvermögen, tendenziell auch ein gewisses Talent zur Memorisierung respektive ein gutes Gedächtnis.

4) Ist sich einer gewissen Eignung für kopflastiges Arbeiten bewusst und sieht darin auch eine gewisse Neigung.

5. Ist in nützlicher Frist fähig, in Texten und Darstellungen das Wesentliche zu erkennen und Zusammenhänge strukturiert wahrzunehmen.

6. Sie/Er legt eine gewisse Selbständigkeit im Arbeiten an den Tag, ebenfalls eine 'Grundausdauer' und eine gewisse Belastbarkeit.

7. Die schulischen Leistungen sind gut, das heisst über dem Durchschnitt.

8. Die Lehrkräfte empfehlen eine Fortsetzung der schulischen Karriere in der Mittelschule oder können es sich zumindest bei Verbesserung von ein oder zwei der oben genannten Punkten vorstellen.

9. Die Eltern oder generell das Umfeld unterstützen einen etwaigen Entscheid pro Gymnasium.

10. Drückt sich schriftlich und mündlich verständlich aus, verfügt im Idealfall auch über unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten im Stil oder Abstraktionsgrad (wie etwa zwischen einem frei gewählten Aufsatz oder z.B. einer Antwort auf Mathematik- oder Physikfragen).


DAS BILDUNGSSYSTEM im tertiären Sektor
Eine Gesamtschau in einer Grafik und Kurzbeschrieben von an die obligatorische Schulzeit anknüfenden Ausbildungsoptionen erstellte die Berufsberatung des Kantons Luzern in diesem PDF .
Dabei werden neben der Berufsmatur auch etwa Fachmatura, Zweitlehren, Höhere Fachprüfungen (ehemals 'Meisterprüfungen') udn private (Handels-)Schulangebote einbezogen.

Autor: Reto Meisser