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02. November 2015

Lebensgemeinschaft für Mütter in Not

Mütter in Not und deren Kinder finden in Bern nicht nur ein temporäres Zuhause, sondern ein richtiges Daheim. Die Heilpädagogische Lebensgemeinschaft von Terry und Paul Hofmann ist rund um die Uhr für offen.

Christina (31) und fihre anderthalbjährige Tochter Lilly in der Waschküche der HPLG.

Terry und Selina sitzen auf dem Ofen und sortieren Bébékleider aus, die hochschwangere Melina wählt Kleidchen für ihr Baby aus, gegenüber liest Liane ihrem Sohn Teo eine Geschichte vor, auf dem Boden spielt ein Mädchen mit Klötzchen. Aus der offenen Küche riecht es nach Mittagessen, es ist bald zwölf. Die Idylle wird jäh gestört, ein Kind hat angefangen zu schreien, doch das geht schnell wieder vorbei.

«Es leben zurzeit 15 Mütter, Kinder und junge Erwachsene bei uns», sagt Terry Hofmann. Die 65-jährige Frau mit dem langen blonden Haar hat die Heilpädagogische Lebensgemeinschaft (HPLG) mit ihrem Ehemann Paul (64) vor 30 Jahren in Bern gegründet.

Terry und Paul Hofmann haben die HPLG vor 30 Jahren gegründet.
Terry und Paul Hofmann haben die HPLG vor 30 Jahren gegründet.

Zu ihnen kommen sogenannte Risikomütter: frischgebackene Mütter, die es nicht allein schaffen, für ihr Kind zu sorgen – weil der Partner fehlt, wegen psychischer oder physischer Beeinträchtigungen, Sucht, labilen Seelenlebens oder weil sie sehr jung sind. Bei Terry und Paul finden sie nicht nur ein temporäres Zuhause, sondern ein neues Daheim.

Ohne Mitarbeit läuft nichts

Etwa die hochschwangere Melina (27), die mit grünem Faden Bébékleider für ihr Kind kennzeichnet, das in zwei Monaten auf die Welt kommen soll. Es ist ihr drittes. Der Name steht schon fest: Sandro. «Der Vater von Sandro hat mich sitzen lassen», erzählt die Frau mit den dunklen Haaren, der kräftigen Stimme und klaren Worten. «Dabei fing es so romantisch an, ich dachte, er ist der Richtige.» Als sie plötzlich allein dastand, kam sie zu Terry und Paul. Wie schon damals vor vier Jahren, mit ihrem zweiten Kind Leander.

Beziehungsaufbau: Melina bei der Auswahl von Babykleidern.
Beziehungsaufbau: Melina bei der Auswahl von Babykleidern.

«Hier fühlst du dich schon heimisch, wenn du ganz neu ankommst. Nicht so verloren wie an anderen Orten», sagt Melina. Ihre beiden ersten Kinder leben bei einer Pflegefamilie, weil es so besser sei Melina zählt auf, welche Aufgaben sie an welchem Tag hat – ohne mitanzupacken läuft nämlich nichts in ihrem neuen Zuhause. «Ich finde es gut, bei der Hausarbeit mitzuhelfen. Das gibt mir Struktur. In einer eigenen Wohnung könnte ich auch nicht einfach mit dem Bébé spielen und die Wohnung dreckig lassen.»

In der Heilpädagogischen Lebensgemeinschaft arbeiten neben Terry und Paul zehn Betreuerinnen und Betreuer. Eine von ihnen ist Rosa (32), eine junge Frau mit blonden Rastazöpfen und sympathischem Lachen im Gesicht. Sie kümmert sich um die Kinder, macht Nachtwache, Haushaltsarbeiten, hilft in der Küche und sorgt sich um anfallenden Papierkram. «Mir gefällt es hier, weil es so familiär ist», sagt sie. «Hier wird stärker auf die Bewohner eingegangen als in anderen Institutionen.»

Rosa kam mit 16 Jahren schwanger ins Haus und arbeitet seither als Fachfrau Betreuung Kinder.
Rosa kam mit 16 Jahren schwanger ins Haus und arbeitet seither als Fachfrau Betreuung Kinder.

Rosa war vor 16 Jahren zum ersten Mal hier – als Bewohnerin, hochschwanger. Mit 15 war sie abgehauen und in der Notaufnahme für Jugendliche im Berner Ostring gelandet. Sie wurde schwanger und fand in der HPLG den Ort, wo sie mit ihrem Kind bleiben konnte. «Ich wusste sofort: Hier bleibe ich.»

Rosa war 16, als ihre Tochter zur Welt kam. Sie selbst trug noch die ganze Last ihrer eigenen, zerrütteten Kindheit mit sich, die sich in Verwahrlosung und mit drogenabhängigen Eltern abgespielt hatte. Sie war unfähig, ihr Kind liebevoll zu umsorgen. «Wenn sie einen Schoppen hatte und saubere Windeln, dachte ich, jetzt ist sie versorgt, was will sie denn noch mehr?», erinnert sie sich heute.

Betreuerinnen als Ersatzmütter

Doch Terry war da. Sie sorgte sich nicht nur um die Kleine, sie zeigte Rosa auch, dass sie mit ihrem Kind eine Beziehung aufbauen kann. Und: Sie liess den Teenager ihre wilden Phasen leben. Rosa hat heute eine gute Beziehung zu ihrer Tochter Silvia.

Terry, Franka und all die anderen Betreuerinnen waren Ersatzmütter für Rosa und Mila, sie gaben ihnen Wärme, Liebe, Halt und Antworten auf die vielen Fragen, die auftauchten. «Wir zwingen die Mütter nicht, eine Mutterschaft zu leben, zu der sie nicht fähig sind. Wir geben den Müttern Zeit», erklärt Terry.

Mila (33) mit Andres (4 Monate). In der HPLG lernt sie, eine fürsorgliche Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen.
Mila (33) mit Andres (4 Monate). In der HPLG lernt sie, eine fürsorgliche Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen.

«Wir lassen aber offen, wie sich dies entwickelt. Manche Frauen sind von der Mutterschaft überfordert.»

Im Zentrum steht die Entwicklung des Kindes: «Die Kinder sollen in geschütztem Rahmen aufwachsen.

Im Leben eines Kindes ist Kontinuität etwas vom Wichtigsten», sagt Terry. Rastet etwa die Mutter aus oder muss sie ins Gefängnis, dann geht für das Kind das Leben in der vertrauten Umgebung der HPLG weiter.

Die 33-jährige Mila wohnt seit Februar mit ihrem vier Monate alten Andres hier. Ihr Noch-Ehemann war sechs Wochen vor der Geburt abgehauen. «Ich merkte, allein komme ich mit dem Kind nicht zurecht, und meldete mich beim Jugendamt.» Sie kam hierher.

«Ich fühle mich sehr wohl», sagt sie und lächelt ihren Buben an, während sie erzählt. «Ich erhalte gute Unterstützung.» Die frischgebackene Mutter, die von der IV lebt, lernt hier viel. Eine wichtige Methode zur Begleitung der jungen Mütter heisst «MarteMeo». Dabei werden Alltagssituationen von Mutter und Kind gefilmt, die Betreuerin wählt aus den Aufnahmen positive Situationen aus und schaut diese zusammen mit der Mutter an.

Das Haus befindet sich in einem friedlichen Wohnquartier in Bern.
Das Haus befindet sich in einem friedlichen Wohnquartier in Bern.

«Diese Methode zeigt den Müttern und uns, was an Ressourcen vorhanden ist, verstärkt das Gute und führt zu erstaunlichen Ergebnissen. Negative Selbstbilder werden durch die Kraft der guten Bilder korrigiert», sagt Terry. «Durch die positiven Situationen kann es zu entsprechenden neurologischen Bahnungen kommen, die Altes verblassen lassen und Raum für Neues schaffen.»

Während Mila im ersten Stock ihren Kleinen schöppelet, dringt fröhliches Gelächter aus dem Wohnzimmer herauf. «Ich bin froh, nicht mehr in der Wohnung mit meinem Mann zu leben», sagt Mila. Er war gewalttätig.

Die Nachfrage ist gross

Die HPLG nahm ihren Anfang vor 30 Jahren in einem 10-Zimmer-Einfamilienhaus an der Wernerstrasse 15 im Berner Brunnadernquartier. Terry und Paul nahmen die ersten Kinder bei sich auf und zogen sie zusammen mit ihren leiblichen Kindern auf. Bald kam die erste Mutter dazu. Als das Haus vor 20 Jahren zu klein wurde, kam das Haus an der Brunnadernstrasse 36a dazu: Es liegt einen Katzensprung und drei Gärten von der Wernerstrasse 15 entfernt. Neben dem «15i» und «36i», wie die Häuser im internen HPLG-Jargon genannt werden, gehören zudem vier Wohnungen im Quartier dazu sowie die «Aussenstation» in Münsingen BE.

«70 Prozent der Mütter können nach etwa zwei Jahren auf eigenen Füssen stehen und ziehen mit ihrem Kind aus. Bei 30 Prozent brauchen wir mehr Zeit und suchen nach einer Lösung.» Das kann heissen, dass die Kinder in der HPLG wohnen bleiben und die Mütter sie regelmässig besuchen kommen.

Franka arbeitet seit 20 Jahren in der HPLG mit. Inzwischen nimmt sie selber Kinder bei sich zu Hause auf.
Franka arbeitet seit 20 Jahren in der HPLG mit. Inzwischen nimmt sie selber Kinder bei sich zu Hause auf.

Franka Rothen (41), die schon zwei Jahrzehnte bei Terry und Paul arbeitet, hat mit ihrem Mann in Münsingen eine neue Kernfamilie gegründet. Genau so, wie Terry und Paul vor 30 Jahren anfingen. Sie haben vier Kinder, die leiblichen 13-jährigen Zwillinge sowie Martin (10) und Ella (5). Sie sind ebenfalls ihre Kinder. Von Pflegekindern oder Halbgeschwistern reden sie nie.

Derzeit verbringen Annina (3) und Emily (6) die Wochenenden oft bei Frankas Familie. Franka war schon von ganz klein auf ihre Ersatzmutter und hat Windeln gewechselt, Schoppen gegeben und war dabei, als sie die ersten Worte brabbelten. So wechseln die Mädchen von der einen vertrauten Umgebung in die andere.

Fabian (26) ist in der HPLG aufgewachsen, arbeitet heute als Miterzieher und kümmert sich um die Kinder Annina (3) und Emily (6).
Fabian (26) ist in der HPLG aufgewachsen, arbeitet heute als Miterzieher und kümmert sich um die Kinder Annina (3) und Emily (6).

«Wir wollen Brüche und das Herausreissen aus dem vertrauten Umfeld möglichst vermeiden», sagt Terry. Denn darunter leiden Kinder oft stark. «Wir können reichlich geben», sagt die Heilpädagogin. «Wir selber haben seit unserer Kindheit immer genug gehabt. Davon können wir abgeben.» Mit Genughaben meint sie nicht Materielles, sondern Emotionen, Fürsorge, Aufmerksamkeit, Zeit.

Die Kleinfamilie, das war nie ihr Ding gewesen. Sie hatte schon in ihrer ersten Ehe einzelne Pflegekinder aufgenommen, doch erst mit ihrem zweiten Ehemann Paul konnte sie ihre Idee der etwas anderen Familie realisieren.

In den ersten neun Jahren arbeiteten sie auch auswärts, damit sie ihre Familie mit den zusätzlichen Kindern und Müttern, die bei ihnen wohnten, durchbringen konnten. «Ohne unsere Freunde, die an den Wochenenden zu Besuch kamen und mithalfen, hätten wir das nicht geschafft.»

Seit 1994 haben sie einen Leistungsvertrag mit dem Kanton Bern. Terrys und Pauls Arbeitsplatz ist gleichzeitig auch ihr Zuhause. «Wir sind 24 Stunden am Tag hier.» Dass ihr Engagement und ihre Institution etwas Besonderes ist, wissen nicht nur die Bewohnerinnen. 2013 erhielt die HPLG den Sozialpreis der Berner Burgergemeinde.

Während Terry die Frau an der Front ist, kümmert sich Paul um das Administrative, ums Geld und um Gutsprachen, führt Gespräche mit Ämtern und kämpft, wenn nötig, mit den Behörden für seine Bewohnerinnen.

Mütter, Kinder und Mitarbeiter essen zusammen am grossen Tisch.
Mütter, Kinder und Mitarbeiter essen zusammen am grossen Tisch.

Es sind auch schwere und belastende Sachen, die sie aushalten müssen. Wenn eine Mutter plötzlich verschwindet, in die Psychiatrie eingeliefert wird oder im Gefängnis eine Strafe absitzen muss. Wenigstens ist in diesen Fällen den Kindern das Daheim gesichert, es kommt nicht zur doppelten Entwurzelung.

Von der Psychi zu Terry und Paul

Christina (31) hat heute Morgen die ganze Wäsche gemacht und im Keller aufgehängt. Nun hilft sie beim Backen. Sie kennt Terry und Paul seit über zehn Jahren. 2001 lebte sie mehrere Jahre mit ihrer ersten Tochter hier. Vor einem Jahr kam sie wieder. «Ich sah den Weg nicht mehr, hatte einen Zusammenbruch und wurde in die Psychiatrie eingeliefert», erzählt sie.

Die drängende Frage war: Wohin mit dem Kind? Ihre zweite Tochter war damals ein paar Monate alt. Terry und Paul nahmen sie auf. Danach half sie als Teilzeitangestellte bei den Hausarbeiten mit, kümmerte sich um die Betriebswäsche und erhielt Unterstützung, um ihr Leben neu zu ordnen.

Die Frau mit dem hübschen Gesicht hat ein dankbares Lachen im Gesicht, wenn sie davon erzählt, wie Terry ihr geholfen und sie in schwieriger Situation ein Daheim gefunden hat. Man kann nur erahnen, welch schlimme Geschichte sie mit sich herumtragen muss, eine Geschichte von Missbrauch, Inzest, Vertrauensmissbrauch und fehlender Liebe. Dass Familie etwas Schönes sein kann, hat sie bei Terry und Paul erfahren.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Beat Schweizer