Archiv
21. November 2016

Lebensabend im Justizvollzug

Gefängnisinsassen werden immer älter und manche zu Pflegefällen. Der Strafvollzug habe das Thema zu lange ignoriert, sagt der Sozialanthropologe Ueli Hostettler. Es brauche neue Abläufe und Regeln – und vor allem mehr ausgebildetes Personal.

Strafvollzugsanstalt Pöschwies
Pöschwies ist neben Lenzburg die einzige Schweizer Strafvollzugsanstalt mit einer Altersabteilung.

Ueli Hostettler, Sie haben eine Studie zum Thema «Altern und Lebensende im Gefängnis» durchgeführt. Mit welchen Ergebnissen?

Die Gefängnisse in der Schweiz sind nicht ausreichend auf die Altersfrage vorbereitet. Es bräuchte Anpassungen bei der Infrastruktur und mehr Personal, auch in der Pflege. Man hat die Thematik lange ignoriert und steht jetzt vor neuen Tatsachen, die nach Lösungen rufen.

Das ist kein gutes Zeugnis für den Strafvollzug.

Immerhin sprechen wir heute darüber. Die Frage nach dem Altern im Gefängnis wird nicht mehr ignoriert. Die entscheidende Frage wird sein, inwieweit neue Konzepte konkret ausprobiert werden können.

Wie meinen Sie das?

Die Frage nach dem Umgang mit dem Altern im Gefängnis ist eine praktische. Vollzugsanstalten sind jedoch nicht als Orte der Pflege und des Sterbens konzipiert. An sich hat das Sterben auch keinen Platz in der Vollzugslogik. Ausserdem können Erfahrungen aus anderen Ländern nicht eins zu eins übernommen werden. Eine Möglichkeit wäre, Hilfe von aussen zu holen. Angestellte der Spitex könnten zum Beispiel dafür ausgebildet werden, Gefangene zu pflegen. Diese Pflege wäre kein Kostentreiber, weil ein Teil von der Krankenkasse abgedeckt würde.

Welchen Einfluss hat die Verwahrungsinitiative?

Die Verwahrungsinitiative allein hat nicht dazu geführt, dass die Insassen in den Gefängnissen älter werden. Diese Tendenz gab es schon vor der Initiative, und sie hat viele Gründe. Aber die Abstimmung hat gezeigt, dass die Gesellschaft derzeit eine eher strafende Grundhaltung hat und Sicherheit fordert. Sie verlangt von der Justiz, dass sie das Restrisiko so klein wie möglich hält. Das erhöht die Zahl der Menschen, die im Gefängnis alt werden.

Welche Herausforderungen stellen sich, wenn mehr Menschen im Gefängnis älter werden?

Es entsteht ein neues demografisches Problem innerhalb der Gefängnismauern. Die Gefängnisse sind mit einer wachsenden Anzahl Menschen ohne realistische Entlassungsperspektive konfrontiert. Für die Insassen ist das Gefängnis keine Zwischenstation mehr, sondern die Endstation. Hinzu kommen all die Fragen, die mit der Pflege zusammenhängen.

Woran denken Sie konkret?

Es braucht neue Regeln und Abläufe in den Gefängnissen. Normalerweise wahren Aufseher und Betreuer im Gefängnis Distanz zu den Insassen und berühren sie nicht. Was macht man aber, wenn jemand Hilfe bei der Wundversorgung braucht? Oder beim Anziehen von Strümpfen?

Teilweise helfen die Gefängnismitarbeiterinnen und -mitarbeiter ja heute schon.

Das mag sein, aber es braucht langfristige Lösungen, die nicht vom Goodwill der Mitarbeitenden abhängen. Das Problem ist morgen ja nicht weg, sondern wird sich verschärfen. Die Schweiz hat ungefähr 6000 Haftplätze, der Grossteil der Insassen befindet sich in Untersuchungshaft: Dort ist das Alter kein Thema. Aber im geschlossenen Vollzug, wo die Menschen über Jahrzehnte wohnen und leben, braucht es Massnahmen.

Wie in den Justizvollzugsanstalten Lenzburg AG oder Pöschwies ZH?

Die Altersabteilungen in Lenzburg und Pöschwies haben hierzulande Pioniercharakter. Doch sind auch sie nicht ausreichend darauf vorbereitet, intensive Pflege zu leisten. Und ­Neuerungen sind sehr kompliziert: Man kann nicht einfach Spitalbetten hinstellen und Pflegepersonal einstellen – und die Sache ist erledigt. Die Sicherheit muss zu jedem Zeitpunkt gewahrt bleiben. Natürlich fragen sich viele Leute, was ein dementer 80-jähriger Mann noch anstellen kann. Aber für die Entscheidungsträger bleibt die Frage des Restrisikos.

Warum baut man personell nicht einfach aus?

Weil diese Prozesse sehr lange dauern. Auch, weil viele Stellen involviert sind. Ein Gefängnis hat eine Lebensdauer von 100 Jahren. Was heute modern ist, ist in 30 Jahren vielleicht veraltet. Auch ist es politisch im ­Moment nicht sehr populär, sich für die Anliegen von ­Gefangenen ­einzusetzen. 

Studie: Lebensende im Gefängnis – Rechtlicher Kontext, Institutionen und Akteure, Universitäten Bern und Freiburg (2012 bis 2016)

Autor: Anna Miller