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10. April 2017

Leben ohne Eveline

Seit dem plötzlichen Tod seiner Ehefrau zieht Patrick Hiltebrand seine beiden Kinder Leonie und Raphael allein auf. Ein Team des Schweizer Fernsehens hat die Familie dabei begleitet, wie sie ihr Leben neu organisiert und wieder Mut schöpft.

Patrick Hiltebrand mit Leonie und Raphael
Patrick Hiltebrand mit Leonie und Raphael. Inzwischen sind die beiden Kinder zu ­Teenagern geworden – und lernen, mit dem Verlust der Mutter umzugehen.

Leonie und Raphael, damals neun und zehn Jahre alt, kamen von der Schule nach Hause und klingelten an der Haustür, wie immer. Doch an diesem 16. Juni 2015 öffnete niemand. Schliesslich gingen sie zu Nachbarn und baten sie um Hilfe. Ein Nachbar rief die Ambulanz, Sanitäter brachen die Tür auf und konnten nur noch den Tod von Eveline Hiltebrand feststellen. Auf dem Weg ins Badezimmer starb sie an einer plötzlichen Hirnblutung.

Patrick Hiltebrand (39) ist Intensivpflegefachmann bei der Rega und sass zu diesem Zeitpunkt in einem Jet von Singapur nach Zürich. Nach der Landung schaltete er sein Handy ein und sah die vielen verpassten Anrufe. Er ahnte, dass etwas Schlimmes passiert war. Sein Schwager fing ihn am Flughafen ab und informierte ihn. Zu Hause musste er Leonie und Raphael sagen: «Mami lebt leider nicht mehr.» Noch heute verfolgt ihn diese Szene in seinen Gedanken und Träumen.

Sie sassen auf dem Sofa, und beide Kinder sagten: «Ich wusste es.» Leonie weinte nur. Raphael sagte: «Mami wird jetzt nie erleben, wie ich gross werde und einmal heirate.» Eveline Hiltebrand hatte sich immer wieder gern ausgemalt, wie sie eines Tages an der Hochzeit ihrer Kinder mitfeiern würde. Der Vater konnte nichts dazu sagen. Er wusste, dass es keine tröstenden Worte gab, die den Schmerz der Kinder lindern könnten.

Eveline Hiltebrand mit Leonie auf dem Schoss, Vater Patrick und Raphael.

Da waren sie noch zu viert: Eveline Hiltebrand mit Leonie auf dem Schoss, Vater Patrick und Raphael.

Heute, bald zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau, erinnert er sich nur bruchstückhaft an diese erste Zeit. «Ich existierte, und ich kämpfte mich durch den Alltag.» Da sein für die Kinder, etwas zu essen auf den Tisch stellen. Mehr ging nicht. Vor allem während der ersten Tage organisierten sich einige Nachbarn spontan und brachten Essen vorbei. Dafür war er ihnen sehr dankbar. Auch dafür, dass sie Leonie und Raphael am Tag, als es passierte, bei sich aufnahmen und abschirmten.

Bis zur Beerdigung wusste Patrick Hiltebrand, was zu tun war, die Anteilnahme war gross. Dann kam das grosse Loch. Es waren Sommerferien, und er war ratlos, wie er sein Leben neu organisieren und woher er die Kraft dazu nehmen sollte. Auf der Suche nach Hilfe fragte er auch beim Schweizer Fernsehen an, ob es Dokumentarfilme zum Thema gebe. «Nein», hiess es, ein solcher Film sei aber schon lange vorgesehen. Man vermittelte ihm den Kontakt zur Regisseurin Ursula Brunner.

Ein TV-Team als Trauerbegleiter

Leonie, Raphael und Patrick Hiltebrand entschieden gemeinsam, sich ein Jahr lang von einem Fernsehteam begleiten zu lassen. «Wir machen es fürs Mami», fanden die Kinder. «Sie hätte es auch gemacht, wenn es anderen helfen könnte.» Mindestens einmal pro Monat kam die Regisseurin zu Besuch und wurde zu einer Art Trauerbegleiterin. «Für die Drehs mussten wir uns aufraffen, das gab uns Stabilität», sagt Patrick Hiltebrand. «Und wir fühlten uns weniger allein.»

In den ersten Wochen folgte Leonie ihrem Vater Schritt auf Tritt. Nachts konnte sie nicht allein schlafen. Immer wieder legte sie sich ins Bett der Eltern, das noch nach Mami roch. Raphael reagierte ganz anders: Er suchte nach Ablenkung, verabredete sich ständig, spielte Fussball mit den Freunden. Erst ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Mutter weinte er. Beide Kinder mochten den Vater erst nicht ans Grab begleiten.

Dann, eines Tages, lag eine Rose auf dem Grab. Raphael hatte sie zum Valentinstag von seinem Taschengeld gekauft und hingelegt, ohne darüber zu sprechen. Auch ­Leonie bringt immer wieder einmal etwas Selbstgebasteltes zum Grab. «Gehe ich zum Grab, fühle ich mich erleichtert», sagt sie.

Drei Monate nach dem Tod seiner Frau nahm Patrick Hiltebrand seine Arbeit bei der Rega wieder auf. Seine Schwiegereltern und gute Freundinnen sind seither für ­Leonie und Raphael da, wenn er unterwegs ist. «Der Job ist ein toller Ausgleich für mich», sagt er, «er gibt mir Energie.»

Bald zwei Jahre nach dem Schicksalsschlag haben Leonie, Raphael und Patrick Hiltebrand wieder Anschluss im Leben gefunden. «Obwohl es nie mehr so sein wird, wie es war: Es wird einfacher», sagt der Vater. Die Trauer überkommt sie dennoch immer wieder.

Patrick Hiltebrands Ziele seit dem Verlust sind ganz andere. Träumte er früher vielleicht von einer tollen Reise oder einem schönen Auto, so möchte er heute nur noch eins, «dass die Kinder wohlbehütet und zufrieden aufwachsen». Er bemüht sich, den Alltag immer wieder mit kleinen Freuden zu spicken: einem FCZ-Match, einem Kochkurs für die Kinder oder einem Wochenende in den Bergen. «Kann man sich Wünsche erfüllen, sollte man es gleich tun», sagt er. «Das Leben kann so schnell vorbei sein.»

Autor: Monica Müller

Fotograf: Daniel auf der Mauer