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09. Februar 2015

Lawinen-Überlebende: Dem weissen Tod entronnen

Allein in der letzten Januarwoche sind in der Schweiz neun Menschen in einer Lawine ums Leben gekommen. Laurent Schillinger und Mirko Schadegg hingegen hatten Glück: Die beiden erfahrenen Wintersportler konnten sich dank Airbag retten.

Lawinenabgang
Schockierende Zahlen: In den Schweizer Bergen werden jährlich rund zwei Dutzend Menschen von Lawinen getötet. (Bild: Bruce Tremper)

Sieht er Schnee, kann er seine Leidenschaft für den Wintersport nicht verstecken. Das Gemüt von Laurent Schillinger hellt sich auf, sobald er das Skigebiet von Les Diablerets oberhalb seines Wohnorts Aigle VD erreicht. Dabei hätte der 41-jährige Franzose allen Grund, ängstlich zu werden. Denn genau an dieser Stelle spielte sich unlängst ein dramatisches Ereignis ab. Die schwarze Schlinge um seinen Arm sowie die vielen blauen Flecken zeugen noch heute davon.

Laurent Schillinger
Laurent Schillinger

Am Morgen des 14. Dezember 2014 reiste der Physik- und Mathematiklehrer mit seinem Auto auf den Col du Pillon und stieg dort in die Seilbahn, die zum Freeride-Paradies Glacier 3000 führt. Der Tag war grau, die Sichtverhältnisse gut. «Um mich aufzuwärmen, machte ich auf meinen Ski zwei kleine Abfahrten», erzählt Schillinger nüchtern – als ob er eine Physikformel erklären müsste. Wie so oft war der Vater zweier Buben allein unterwegs. Danach stieg er rund 400 Meter zum Oldenhorn hoch, das sich im Grenzgebiet zwischen den Kantonen Bern und Waadt befindet. «Den Hang bin ich bestimmt schon gegen 40 Mal hinuntergefahren. Aber dieses Mal löste ich nach der zweiten Kurve neben der Piste eine Lawine aus. Ich dachte mir, jetzt muss ich sterben.»

Laurent Schillinger: Den Hang bin ich schon 40 Mal hinuntergefahren.

Schillinger trug einen Lawinenairbag, den er von seiner Frau, seinen Eltern und seinem Bruder vor sieben Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Er zog – wie bei einem Fallschirm – sofort am Notfallgerät und wurde trotzdem tief in die Schneemassen gedrückt. Lawinenausbildner gehen davon aus, dass der Airbag von 100 tödlich endenden Unfällen weniger als zehn verhindern kann. «Die Lawine schüttelte mich durch. So fühlt sich wohl der Schleudergang in einer Waschmaschine an. Ich habe nur noch Schwarz gesehen, dann Weiss, und ich wusste nicht mehr, was oben und unten war.»

Nach einem mehrere Hundert Meter tiefen Fall schaute der Kopf des Skifahrers aus dem Schnee. Schillinger versuchte als Erstes, die Beweglichkeit von Finger und Körper zu testen. Er war seitwärts im Schnee gefangen, der schnell sehr hart wurde. Trotzdem schaffte es der Franzose irgendwie, auf seinem Mobiltelefon die Rega-App auszulösen. Schon eine halbe Stunde später flog ihn ein Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht ins Inselspital nach Bern, wo man neben diversen Prellungen einen gebrochenen Ellenbogen, einen verdrehten Vorderarm sowie ein verdrehtes Handgelenk diagnostizierte.

Trotz Topvorbereitung ‒ ein Restrisiko bleibt immer

«Dass ich noch am Leben bin, ist pures Glück.» Sein Handy war aufgeladen, der Empfang in den Bergen war gut, und er konnte die Rega-App ohne Kennwort aktivieren. Schillinger hatte Lawinenkurse besucht und mehrere Alpinismuswochen für Schüler organisiert. Der Variantenfahrer wusste also, wie er sich ausrüsten und verhalten musste. Und doch machte der Lehrer, der in seiner Freizeit in der Rockband Climax am Schlagzeug spielt, einen Fehler: «Ich hatte mir zwar das Lawinenbulletin angeschaut; das Risiko war mässig. Aber ich hätte wissen müssen, dass es nach 30 Zentimeter Neuschnee und Föhn gefährlich werden kann.»

Jedes Jahr sterben in den Schweizer Alpen rund zwei Dutzend Menschen in Lawinen. Besonders heikel ist die Zeit von Ende Dezember bis Ende Februar. Die meisten Opfer sind Tourengänger. Hinzu kommen etwas weniger als halb so viele Variantenfahrer. Martin Heggli vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) sagt: «Wer sich abseits der Piste bewegt, ist selbstverantwortlich. Wenn man die Verhältnisse richtig einschätzt, ist es möglich, auch in einem solchen Fall sicher unterwegs zu sein. Nur nimmt einem niemand die richtige Entscheidung ab – es sei denn, man schliesst sich einem Bergführer an.» In diesem Winter sind bis Redaktionsschluss 19 Personen von einer Lawine getötet worden. Besonders viele tödliche Unfälle gibt es laut dem SLF im Wallis und in Graubünden, weil dort der Schneedeckenaufbau meist weniger mächtig ist als am Alpennordhang. Die Folge: Die Basisschicht der Schneedecke ist unstabil.

Dass ich noch am Leben bin, ist pures Glück. (Schillinger)

Noch immer muss Laurent Schillinger täglich Übungen machen und in die Physiotherapie gehen, um die Beweglichkeit des Ellenbogens zu verbessern. Zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens schläft er schlecht. Und doch fühlt er sich hin und her gerissen, weil er zwar wieder in den Schnee, aber auch die geteilte Meinung seiner Frau respektieren möchte. «Ich werde wieder Ski fahren, wenn die Ärzte und mein Herz Ja sagen. Das kann in zwei Wochen, zwei Monaten oder im nächsten Winter der Fall sein. Aber etwas ist eigenartig: Wenn ich einen Helikopter höre, muss ich weinen.»

Mirko Schadegg
Mirko Schadegg

So gut, wie Schillinger die Abfahrt vom Holdenhorn kennt, ist Mirko Schadegg (42) mit dem knapp 2400 Meter hohen Schafrügg oberhalb von Arosa GR vertraut. Die Bergflanke sieht von der Sit-Hütte oberhalb der Weisshorn­Mittelstation harmlos und nicht besonders steil aus. Schadegg, der in Stäfa am Zürichsee aufgewachsen ist und seit 22 Jahren in Arosa lebt, fuhr bis März 2012 rund 30 Mal mit seinem Snowboard von seinem Hausberg hinunter. «Er sieht klein und ungefährlich aus. Doch das kann trügen.» Vor bald drei Jahren nahm Schadegg frühmorgens mit einem Dreierteam den Aufstieg zum Schafrügg erneut in Angriff. Das SLF stufte die Lawinengefahr an jenem schicksalshaften Morgen als «mässig» ein. Der Schnee war schwer und mehlig. «Für die letzten Meter bis zum Gipfel brauchten wir viel mehr Zeit als erwartet und kamen erst vor zwölf Uhr auf der Höhe an», erinnert sich Schadegg.

Nach zwei Kurven legte der Snowboarder bei einem Felsen im tief verschneiten Hang einen Sicherheitsstopp ein. Plötzlich löste sich die Schneemasse. «Alles war wie in Zeitlupe. Ich überlegte lange, ob ich den Airbag ziehen sollte, weil ich keine Lust hatte, ihn wieder zusammenzupacken.» Schadegg zog den Airbag. Es war, als ob sich unter ihm ein Schlauchboot öffnen würde. Er hatte Angst. «Man fühlt sich so klein und ist den Kräften des Schnees, der sich wie Beton anfühlte, total ausgeliefert. Ich konnte keinen Arm mehr bewegen.»

Schadegg hatte Glück, weil seine Freunde ihn rasch aus den weissen Massen befreien konnten. Dank des Airbags war sein Kopf über dem Schnee, verletzt wurde er nicht. «Als erfahrener Freerider ist mir das Ereignis trotzdem enorm eingefahren. Heute habe ich viel mehr Respekt. Wenn ich mit dem Fuss im Schnee einbreche, kommen die ­Erlebnisse wieder hoch.» Den einzigen Vorwurf, den er sich macht: Im März sollte man bereits um elf Uhr wieder zurück sein. Er hätte den Gipfelaufstieg zum Schafrügg abbrechen müssen.

Mirko Schadegg: Der Airbag täuscht eine falsche Sicherheit vor.

Seither war der Gründer des ersten Snowparks in Arosa und der Sit-Hütte, wo er im Winter täglich arbeitet, 15 Mal auf seinem Berg. Immer dabei hat er den Airbag, der ihm das Leben gerettet hat. «Am Anfang war das wie ein zweites Leben. Der Airbag täuscht aber eine falsche Sicherheit vor. Im Zweifelsfall sollte man einen Gipfel streichen und nicht meinen, man könne mit dem Airbag einfach losfahren. Es ist absolut nicht cool, in eine Lawine zu kommen.» Nach der Wintersaison wird Schadegg wie jedes Jahr im Sommer eine Pause mit Surfen im Atlantik oder im Indischen Ozean einlegen. «Deshalb habe ich wahrscheinlich noch keine Familie», sagt er und lacht herzhaft.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Samuel Trümpy, Mathieu Rod