Archiv
07. April 2014

Las Vegas: Bunte Lichter, hartes Pflaster

Keine Metropole funkelt und vibriert nach Sonnenuntergang so schön wie Las Vegas. Doch wie lebt es sich hier bei Tag? Kurt Lüthy muss es wissen: Der Aargauer ist 2001 in die Wüstenstadt ausgewandert, um Wohnmobile zu vermieten.

Las Vegas bei Sonnennuntergang
Keine Metropole funkelt und vibriert nach Sonnenuntergang so schön wie Las Vegas. (Bild: bab.ch/Picture Finders)
Kurt Lüthy auf der Strasse in Las Vegas. Im Hintergrund funkelnde Werbetafeln.
2001 wagte Kurt Lüthy einen beruflichen Neustart in Las Vegas.

Ausgewandert

Name: Kurt Lüthy (54)

Beruf: Vizechef einer Firma, die 80 Wohnmobile an Touristen vermietet

In Las Vegas seit: Frühling 2001

Grund: Beruflicher Neustart im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Vorher gelebt: Unter anderem in Erlinsbach AG.

Die Stadt sieht aus wie ein knallbunter Fiebertraum: Wer zum ersten Mal bei Nacht auf dem berühmten Turm des Stratosphere-Casinos steht, ist schlicht überwältigt. Von der Rundterrasse in 280 Metern Höhe präsentiert sich Las Vegas als Ozean aus gleissenden Farben. Überall leuchtet, funkelt und blinkt es rot, blau, grün und golden. Bis zum Horizont erstreckt sich ein Wirrwarr aus unzähligen Lichtreklamen.

Aber auch am Boden bietet die Spielerstadt nach Sonnenuntergang die totale Reizüberflutung: Wer dem Hauptboulevard zwischen dem Stratosphere Tower im Norden und dem Mandalay Bay Hotel im Süden entlangschlendert, weiss gar nicht, wohin er den Blick wenden soll. Die Casinos übertrumpfen sich gegenseitig mit den prachtvoll erleuchteten Fassaden. Sie erinnern an mittelalterliche Burgen oder Renaissancepaläste, sie kopieren den Eiffelturm oder die Cheops-Pyramide. Seit Kurzem steht am Boulevard das Rekordriesenrad High Roller, eine 168 Meter hohe Konstruktion mit kugelförmigen Gondeln, von denen jede bis zu 40 Menschen aufnehmen kann. Und selbstverständlich ist auch der High Roller – wie alles in Las Vegas – in der Nacht wunderschön illuminiert.

Der Herr über eine Flotte riesiger Wohnmobile

Doch wie wirkt die Zwei-Millionen-Stadt, wenn die zahllosen elektrischen Lichter erlöschen und die Wüstensonne aufgeht? Wie lebt es sich hier, wenn man nicht als staunender Tourist durchs Nachtleben streift, sondern bei Tag einem ganz normalen Job nachgeht? Davon kann der Aargauer Kurt Lüthy (54) erzählen, der vor 13 Jahren nach Las Vegas ausgewandert ist. Der in Erlinsbach AG aufgewachsene Lastwagenmechaniker und Automobilingenieur arbeitete lange als Operateur im Kommandoraum des Atomkraftwerks Gösgen, bevor er in den USA zu einer neuen Karriere im Wohnmobilbusiness ansetzte. Heute ist er Vizechef einer Firma, die in Las Vegas rund 80 Motorhomes an Touristen vermietet. Wobei viele dieser Fahrzeuge so gross sind wie Reisecars auf europäischen Strassen.

Downtown Las Vegas hat noch einen kleinstädtischen Charme. – Kurt Lüthy

An einem strahlend schönen Tag schlendert der kräftige Mann dem Hauptboulevard entlang, der auch Strip genannt wird. Auf der Höhe des Hotels Bellagio bleibt er kurz stehen, um der Wasserchoreografie des legendären Springbrunnens zuzusehen. Schlanke Wassersäulen wiegen sich im Takt eines Sinatra-Songs, am Ende werden sie zu gewaltigen Fontänen, die mit Getöse in den Himmel schiessen. Lüthy ist nicht ganz so überwältigt wie die Touristen, die sich am Brunnenrand aufgereiht haben. Aber auch der Amerika-Schweizer lächelt: «Was immer am Strip noch alles gebaut wird, der Brunnen bleibt die schönste Attraktion», meint er.

der beleuchtete Las Vegas Boulevard von oben.
Hier wird es nie dunkel: der Las Vegas Boulevard mit seiner schönsten Attraktion - dem riesigen Springbrunnen vor dem Hotel Bellagio. (Bild: Mitchell Funk/Getty Images)

Die neue Heimat hat bereits auf Lüthys Sprache abgefärbt – er spricht Schweizerdeutsch mit stark amerikanischem Akzent. Er gehört hier dazu und hat dennoch auch eine kritische Distanz zu Las Vegas. «Im Allgemeinen gefällt mir der Strip nicht so», sagt er. «Der Boulevard ist mir zu anonym, eine riesige Amüsierfabrik für die Touristen.» Lüthys Herz hängt eher an Downtown Las Vegas – den älteren Quartieren der Stadt, die sich im Norden rund um die überdachte Fremont Street gruppieren. «Dort hat die Millionenmetropole noch einen kleinstädtischen Charme», sagt er. «Die Leute kennen sich, die Casinos sind nicht so riesig, man sieht nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische an den Pokertischen und Spielautomaten.»

Viele Automaten spucken in Downtown bei einem Gewinn noch reale Münzen und nicht bloss einen Gutschein aus. Man hört also von Zeit zu Zeit wie früher das typische Jackpotrasseln. Zudem haben die Behörden mit einer Verordnung dafür gesorgt, dass ein Teil der Lichtreklamen in Downtown nicht aus modernen LED-Lämpchen, sondern weiterhin aus Neonröhren bestehen. Auch das trägt zum speziellen Retrocharme dieses Stadtteils bei.

Harte Landung in der neuen Heimat

Dass Las Vegas bei Lüthy gemischte Gefühle auslöst, hat vielleicht auch damit zu tun, dass er es in Amerika am Anfang nicht einfach hatte. Ausgerechnet 2001 ist er ins Geschäft mit Wohnmobilen eingestiegen. Nachdem sich am 11. September die Terroranschläge ereignet hatten, ging die Zahl der Besucher aus Europa drastisch zurück. Doch zum Glück für Lüthy gab es eine Gegenbewegung: Die Amerikaner schreckten ihrerseits vor Fernreisen zurück, machten Ferien im eigenen Land und hielten das Motorhomebusiness so einigermassen in Schwung. Später platzte in den USA die grosse Immobilienblase, und Las Vegas war stark davon betroffen. «Mein Haus ist heute deutlich weniger wert», hält Lüthy nüchtern fest. Trotz aller Rückschläge steht fest: In der Glitzerstadt zwischen den kahlen Hügelzügen der Mojave-Wüste ist der Exil-Aargauer heute zu Hause. «In den engen Orten und Landschaften der Schweiz würde ich mich nicht mehr wohlfühlen.»

Immerhin pflegt Lüthy die Verbindung mit seinem Herkunftsland im Swiss Club of Southern Nevada. Diesen rund 70-köpfigen Verein leitet er zusammen mit einem anderen USA- Schweizer. Die Mitglieder sind Amerikaner mit helvetischen Wurzeln sowie deren Ehepartner. Sie treffen sich regelmässig zu geselligen Abenden. Den 1. August feiern die USA-Eidgenossen jeweils in einem Chalet an der Flanke des Mount Charleston, der 56 Kilometer nordwestlich von Las Vegas aufragt. «Hier ist die Landschaft fast schon alpin. Es gibt Nadelwälder, und im Winter kann man sogar Ski fahren», berichtet Lüthy. Überhaupt legt er grossen Wert darauf, dass es auch jenseits der Casinos und Lichtreklamen Attraktionen gibt. «In weniger als einer Stunde Autofahrt erreicht man fantastische Wüstenlandschaften – zum Beispiel westlich der Stadt den Red Rock Canyon mit den rostroten Felsformationen.»

Begeistert ist Lüthy auch vom Neon Museum am Rand von Downtown Las Vegas. Eine Non-Profit-Organisation bewahrt hier historische Lichtreklamen auf. Beim ersten Hinsehen wirkt das Museum eher unscheinbar: Auf einem umzäunten Areal sind Neonschriftzüge unter freiem Himmel ausgestellt. Viele der Lichtreklamen sehen im Sonnenschein mitgenommen aus – sie sind rostig und verbogen. Doch wenn es dämmert und die vielen bunten Buchstaben ihren altmodischen Neonglanz verbreiten, bekommt das Museum seinen unverwechselbaren Reiz. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter kennen sich bestens in der Vergangenheit der Stadt aus und erzählen zu jedem ausgestellten Objekt witzige Anekdoten.

Eine Geschichte rankt sich zum Beispiel um einen riesigen High Heel, der früher das Dach des Casinos Silver Slipper schmückte. In den 60er-Jahren versetzte der Schuh einst den legendären Flugpionier und Filmproduzenten Howard Hughes (1905 bis 1976) in Panik. Der exzentrische Milliardär bildete sich ein, der Schuh sei ein Versteck von Paparazzi und er könne von dort oben ins Visier von Teleobjektiven genommen werden. Hughes löste das Problem auf eine Art, die sehr gut zum Gigantismus von Las Vegas passt: Um die Kontrolle über den silbernen Riesenschuh zu bekommen, kaufte er ganz einfach das Casino.

Autor: Michael West