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08. Juni 2015

Lara Dickenmann vor der WM

Sie ist die erfolgreichste Schweizer Fussballerin aller Zeiten. Vor ihrem Wechsel in die deutsche Bundesliga spielt Lara Dickenmann mit der Schweiz erstmals an einer Weltmeisterschaft.

Lara Dickenmann
Hat mehr Tore geschossen als Stéphane Chapuisat: Lara Dickenmann ist Rekordschützin der Schweizer Frauen-Fussballnati.

Sie hat mehr Pokale gewonnen als Ciriaco Sforza, doppelt so viele Länderspieltore erzielt wie Stéphane Chapuisat und spielt bald für den gleichen Verein wie Diego Benaglio und Ricardo Rodriguez. Im Gegensatz zu den Stars steht Lara Dickenmann (29) aber nicht im Rampenlicht und hat auch keine Millionen auf dem Bankkonto. Aber immerhin kann sie heute vom Fussballspielen leben. Und das war nicht immer so.

Gegen einen Ball tritt Dickenmann zum ersten Mal als Sechsjährige. Das gefällt ihr so gut, dass sie fortan jeden Mittwochnachmittag in der Fussballschule Kriens LU mitmacht und dafür ihre Ballettstunden absagt. «Teil einer Mannschaft zu sein und Teamdynamik zu spüren, war mir wichtig und ist auch heute noch der Grund, weshalb mir der Fussball so grossen Spass macht.» Ihr Talent fällt auf. Angespornt von Vater Urs Dickenmann (58), schliesst sie sich bald einer Jugendmannschaft an und trainiert mit gleichaltrigen Buben.

«Als sie sahen, dass ich mit dem Ball einigermassen umgehen konnte, akzeptierten sie sogar ein Mädchen.» Sie lacht. Zu dieser Zeit himmelt sie Alain Sutter sowie Zinédine Zidane an. «Und David Beckham», ergänzt Lara Dickenmann leicht verschmitzt, als wäre es ihr unangenehm.

Der Männerfussball dominiert bei ihr zu diesem Zeitpunkt allerdings klar. Jedes zweite Wochenende ist sie im Stadion Kleinfeld und jubelt ihrem SC Kriens in der damaligen NLB und NLA zu. «Im grünen Trainingsanzug durfte ich gratis zuschauen. Ich kannte alle Spieler und sammelte Autogramme auf meinen Unterarmen.»

Grosse Popularität erfährt der Frauenfussball erstmals im Jahr 1999, als die dritte Frauen-WM ausgetragen wird. Die 14-jährige Dickenmann sitzt vor dem Fernseher, jubelt ihrem Vorbild Mia Hamm (heute 43), einer der populärsten Fussballerinnen der Welt, zu und kommt erstmals auf die Idee, in Zukunft selbst auf dieser Bühne zu spielen.

Erfahrungen an junge Spielerinnen weitergeben

Heute, 16 Jahre später, ist es so weit. Die Schweiz qualifiziert sich erstmals für die Weltmeisterschaft, die bis 5. Juli in Kanada ausgetragen wird. Mittlerweile hat Lara Dickenmann sieben Profijahre beim französischen Spitzenverein Olympique Lyon hinter sich, fünf nationale Meisterschaften und zwei Mal die Champions League gewonnen. Darüber hinaus wurde sie fünf Mal Schweizer Meisterin und genauso oft Fussballerin des Jahres. Ein Rekord – logisch.

Lara Dickenmann reagiert zurückhaltend, wenn sie darauf angesprochen wird, und sagt: «Es kann schon sein, dass ich das Gesicht des Schweizer Frauenfussballs bin.» Dazu stützt sie sich mit dem Kinn auf einer Mineralwasserflasche ab, blickt verlegen zur Decke und ergänzt: «Aber ich habe das nie gesucht.»

Trotz ihrer grossen Erfolge ist die anstehende Weltmeisterschaft der Höhepunkt ihrer Karriere. «An diesem Turnier für mein Land zu spielen, macht mich stolz.» Sie hat als erfahrenste und erfolgreichste Spielerin eine spezielle Rolle inne und formuliert ein ambitiöses Ziel: «Wir wollen uns für Olympia 2016 in Rio de Janeiro qualifizieren.» Dafür muss das Team am Ende zu den drei besten europäischen Teilnehmern gehören.

Und was kommt danach? Lara Dickenmann wechselt für mindestens zwei Jahre in die deutsche Bundesliga zum VfL Wolfsburg. In die norddeutsche Stadt, wo auch ihre männlichen Berufskollegen Benaglio und Rodriguez spielen. «Neid wäre mir fremd. Ich freue mich für sie.» Sie selber verdiene auch gut. «Nur bleibt am Ende des Monats nicht so viel übrig wie bei den Männern.»

Ist Frauenfussball – verglichen mit dem männlichen Pendant – nicht langweilig und langsam? «Nein, aber dieses Klischee gibts halt. Das interessiert mich allerdings schon lange nicht mehr.»

Bis Frauen auch in der Schweiz ähnliche Möglichkeiten haben wie Männer und etwa vom Profifussball leben können, wird es noch eine Weile dauern. Zwar sei der FC Zürich auf einem guten Weg, aber noch könne sich hierzulande kein Verein eine Frauen-Profimannschaft leisten.

«Ich würde gerne mithelfen, das zu ändern.» Nach der Karriere als Fussballerin will Lara Dickenmann ihre Erfahrungen weitergeben und als Trainerin arbeiten. «Am liebsten in der Schweiz.»

Autor: Reto Vogt

Fotograf: Mirko Ries