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01. Dezember 2014

«Ich kämpfe um Lebenszeit»

Er kennt keine Berührungsängste: Milieuanwalt Valentin Landmann über den Fall Geri Müller, die Hells Angels und was ihn an seinen umstrittenen Mandanten wirklich interessiert.

Milieuanwalt Valentin Landmann

Valentin Landmann, können Sie sich vorstellen, dass Ihnen unserer Meinung nach etwas Schmuddeliges anhaftet?

Na ja, ich befasse mich schon mit vielen schlimmen Dingen: Mord, schwerer Körperverletzung, Delikten an Kindern. Als Anwalt muss ich aber nicht die Tat verteidigen, sondern den Menschen, der die Tat begangen hat. Jeder Mensch hat Anrecht auf eine Verteidigung. Und ich bin nicht einer, der gleich «igitt» sagt.

Sie verteidigen Bordellbesitzer und Menschenhändler. Typen, die Frauen ausnützen.

Prostituierte sind nicht einfach ungebildete, verschupfte Frauen. Sexarbeiterinnen verdienen in der Schweiz bis zu 55 000 Franken in drei Monaten. Gehen Sie mal in ein Etablissement und sprechen Sie mit diesen Frauen. Ich bin sehr dafür, dass man Prostitution liberal handhabt. Jedes Verbot wird auf dem Rücken der Frauen ausgetragen. Frauen, die anschaffen, bieten eine Dienstleistung an, das ist nichts Verwerfliches.

Weht auf dem Strassenstrich ein anderer Wind?

Natürlich, wobei auch der Strassenstrich vernünftig rentieren kann. Das Problem auf der Strasse ist, dass dort oft Typen involviert sind, die Druck auf die Frauen machen.

Einer Ihrer aktuellen Fälle ist die Affäre um die Nackt-Selfies am Arbeitsplatz, die der Badener Stadtammann Geri Müller verschickt hat. Warum haben Sie sich dem Fall angenommen und verteidigen nun seinen Widersacher, den PR-Berater Sacha Wigdorovits?

Das war ein normales, vorsorgliches Mandat, zudem kenne ich Sacha Wigdorovits. Er hat sich aus meiner Sicht einwandfrei verhalten. Die angekündigte Klage von Geri Müller hat sich bisher als heisse Luft herausgestellt.Für mich sieht alles nach einer hilflosen Ankündigung aus, der wir beruhigt und mit grossem Interesse entgegensehen.

«Ich muss nicht die Tat verteidigen, sondern den Menschen.»

Vor Kurzem haben Sie in einem der grössten Prozesse zu Menschenhandel in der Schweiz um das Bordell «Hotel Schloss Nidau» den Hauptangeklagten verteidigt. Wieso gingen Sie nach dem ersten Urteil in Berufung?

Unsere zentralen Anliegen waren der Freispruch vom Vorwurf des Drogenhandels und die Reduktion der Strafe von achteinhalb auf sieben Jahre. Das haben wir erreicht. Das klingt für Aussenstehende vielleicht nach wenig, aber wenn man die Zeit im Gefängnis absitzen muss, ist es viel.

Wie war es für Sie, einen Menschenhändler zu verteidigen?

Er ist ja kein Menschenhändler. Es ist sicher ein Grenzfall, und er hat nach rechtlichen Kriterien menschenhändlerische Aktionen begangen, zum Beispiel Frauen von einem Club in den anderen verschoben. Da war er aber auch geständig. Ihm ist bewusst, dass er massive Fehler begangen hat. Mit so jemandem kann man arbeiten. Ich habe auch schon Lustmörder verteidigt. Aber noch mal: Ich muss nie Taten verteidigen, sondern Menschen. Es gibt keinen schönen Mord und keine schöne Vergewaltigung. Es gibt aber die Frage: Wie ist es zur Tat gekommen? Was ist die richtige Sanktion?

Nächste Woche verteidigen Sie zwei Polizisten aus Schlieren ZH, die wegen Amtsmissbrauchs, Nötigung und Körperverletzung verurteilt worden sind. Sie sollen einen angetrunkenen Schrebergärtner verprügelt haben. Auf Antrag eines dieser Polizisten wird der Fall neu verhandelt.

Dieser Prozess wird höchstgradig heikel. Ich bin von ihrer Unschuld überzeugt und werde mich für sie einsetzen. Vielleicht falle ich aber auch auf die Nase.

Nach welchen Kriterien übernehmen Sie ein Mandat?

Sicher nicht nach der Schwere der Tat. Ich lehne ab, wenn ich merke, dass jemand von mir etwas will, hinter dem ich nicht stehen kann. Wenn er zum Beispiel Anträge stellen möchte, die aus meiner Sicht einfach sinnlos sind.

Warum sind Sie ausgerechnet Milieuanwalt geworden?

Mich interessieren Gruppierungen, die gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Ich will mich rechtspolitisch für diese Minderheiten einsetzen. Es interessiert mich, wie etwas verrutscht, warum jemand ein Delikt begeht.

Sie haben einmal gesagt, Banker und Kriminelle ticken gleich.

Unter- und Oberwelt funktionieren von den Anreizen her grundsätzlich gleich: Es regiert immer die Ökonomie, ausser bei pathologischen oder bei Eifersuchtsdelikten, die keine ökonomische Komponente haben. Wenn man Delikte vermeiden möchte, sollte man ihnen die Rendite nehmen. Durch Verbote werden oft zusätzliche Anreize geschaffen.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie im Nachhinein erfahren, dass jemand mehr Dreck am Stecken hat als vermutet?

Eine Untersuchung ist eine rollende Planung. Ich muss ständig mit dem Mandanten anschauen, was wir akzeptieren und was nicht. Das relativ simple Bild aus den Krimis von einem Anwalt, der weiss, dass sein Mandant schuldig ist, und trotzdem dafür sorgt, dass er freigesprochen wird, stimmt nicht. Nichts gegen Krimis, die ich sehr schätze.

Sie haben die Frage noch nicht beantwortet: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie hinters Licht geführt werden?

Es ist nicht meine Aufgabe zu urteilen. Für mich ist es entscheidend, was ich Sinnvolles im Interesse von jemandem tun kann. Für uns alle ist es wichtig, dass man tatsächlich nur verurteilt wird, wenn die Schuld erwiesen ist. Man darf nicht plötzlich Beweisanforderungen senken, weil es sich um ein besonders schweres Delikt handelt.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie immer ein Teilgeständnis anstreben. Das ist auch eine Taktik: Man gibt dem Richter ein Zückerchen, mit dem Rest kommt man dann davon.

Ein Richter, der das Verfahren ernst nimmt, muss wissen, wie alles passiert ist. Wir haben momentan eine gefährliche Tendenz: die Psychiatrisierung von Fällen. Oft entscheidet nicht der Richter, sondern nur noch der Psychiater.

Aber genau das ist doch auch Ihre Strategie: die Psychologie des Täters aufzuzeigen.

Eine Spezialität von mir ist es sicher zu erklären, wie es zu einer Tat gekommen ist. Aber: Eine Erklärung ist keine Entschuldigung einer Tat.

Meine Plädoyers haben einen hohen Anteil an Nicht-Juristischem.

Sie vertreten das Rotlichtmilieu, die Hells Angels, aber auch Politiker wie SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli.

Der Mensch hat so viele Facetten. Ich habe mit Politikern verschiedenster Färbung zu tun. Auch bin ich nicht mit allem einverstanden, was die SVP fordert. Ich bin kein Sprachrohr.

Welche Strategie verfolgen Sie als Strafverteidiger?

Meine Plädoyers haben einen hohen Anteil an Nicht-Juristischem. Alles dreht sich um den Menschen, der ein Delikt begangen haben soll.

Sie sind also besonders empathisch?

Ich versuche es zu sein, es gelingt mir natürlich nicht immer. Ich bin nicht der Superanwalt.

An Ihren Plädoyers schreibt auch Ihre Exfrau.

Genau. Ich mache den Grobentwurf, meine Exfrau ist in der literarischen Überarbeitung gut. Diese Symbiose schätze ich sehr. Meine Exfrau und ich haben irgendwann gemerkt, dass wir gut miteinander arbeiten, aber nicht miteinander leben können.

Welche Beziehung haben Sie zu Ihrer Tochter?

Ich wünschte, wir hätten mehr Kontakt. Ich bin wahrscheinlich kein guter Familienmensch. Der Beruf ist mein Leben. Ich würde mich selber als Ehemann nicht aushalten, da ich in meinen Fällen zu sehr aufgehe. Ich bin privat schwer greifbar.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, können Sie sagen, alles gemacht zu haben, was Sie wollten?

Nein. Wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich vieles anders machen. Das Familienleben müsste mehr Gewicht haben.

Gehen Sie überhaupt je in den Ruhestand?

Ich werde weiterhin schreiben. Und sicher keine Guillotine auffahren, die mir sagt, wann Schluss ist.

Sie umgeben sich gern mit Totenköpfen und haben einen Uhrentick. Was hat es damit auf sich?

Sie erinnern mich an unsere Vergänglichkeit. Ich sage mir immer: «Nimm deine Arbeit ernst, du kämpfst um die Lebenszeit der Leute!»

Wie steht es um Ihre Lebenszeit?

Die kann morgen enden.

Haben Sie Angst davor?

Nein. Ich kann hier nur einen meiner Hells-Angels-Freunde zitieren: «Den Tod musst du nicht fürchten. Du musst nur fürchten, zum Zeitpunkt des Todes nicht gelebt zu haben.»

Sie kommen aus einem intellektuellen Haushalt, Ihr Vater Philosoph, Ihre Mutter Schriftstellerin. Wie hat Sie das geprägt?

Es gab sicher einen Leistungsdruck, eher einen intellektuellen als einen finanziellen.

Man sagt, Sie wollen es allen recht machen, allen gefallen.

Ich habe tatsächlich ungern Streit, obwohl ich viele Auseinandersetzungen führen muss. Die Staatsanwaltschaft weiss, dass man mit mir vernünftig sprechen kann. Ich pinkle den Leuten nicht dauernd ans Bein.

Sie passen sich an.

Das kann man nicht sagen, ich habe schon meine Standpunkte.

Die Hells Angels sind einfach ein Haufen Querköpfe.

Wir möchten mehr vom Menschen Valentin Landmann erfahren. Sie weichen immer aus.

Ich kann Ihnen von meinen Hobbys erzählen. Meine Leidenschaft ist das Schwimmen. Ich schwimme täglich einen Kilometer; egal, wo. Im Wasser kann ich meine Gedanken einfach abfliessen lassen. Und ich gehe gern mit Freunden zum Essen.

Ist Ihr Abstieg in die Unterwelt eine Art Gegenentwurf zu Ihrer intellektuellen Kindheit?

Ich will zeigen, dass das keine Leute sind, vor denen man Berührungsängste haben muss. Die Hells Angels zum Beispiel sind einfach ein Haufen Querköpfe. Ich habe sie sogar einmal zu meiner Mutter eingeladen. Die haben sich blendend unterhalten. Gerade meine Mutter hat sich als Schriftstellerin sehr für gesellschaftliche Fragen interessiert.

Sind Sie auch tätowiert wie viele Hells Angels?

Nein, aber ich habe einmal ein Paragrafenzeichen entworfen, das aussieht wie zwei verschlungene Fleischhaken – mit einem lächelnden Totenkopf. Ich habe es zu Papier gebracht, es mir aber nicht stechen lassen. Ich mag das Pieksen nicht.

Autor: Andrea Freiermuth, Silja Kornacher