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10. Oktober 2011

Landei auf Zeit

Landdienst hiess die Freiwilligenarbeit von Jugendlichen früher, «Agriviva» nennt sich das Projekt heute. Und es wird immer beliebter. Jährlich arbeiten gegen 2500 junge Menschen bei 900 Bauernfamilien im ganzen Land. Der 15-jährige Adriano Lepri erfuhr bei einem Glarner Bauern, was es heisst, hart anzupacken.

Adriano und Bauer Hegner
Adriano und Bauer Hegner treiben auf dem Urnerboden das Vieh von der oberen Alp auf die Mittelstation. «Adriano fragt viel. Das zeigt mir, dass er Interesse hat. Das gefällt mir», sagt Beat Hegner.

Gebimmel dringt durch die Nebelwand. Von weit her sind lang gezogene Jauchzer zu hören: «Juuuuuu Chueli! Ho, chum, chum! » Elsbeth Hegner (47) steht auf dem Vorplatz zwischen Schweinestall und Alphütte und schaut gespannt den steilen, regennassen Hang hoch. «Sie kommen»,stellt die Bäuerin trocken fest. Als Erstes traben die Ziegen den schmalen Wiesenweg herunter. «Die Geissen sind immer zuerst», sagt Tochter Priska (14).Ihre Zwillingsschwester Gabi nickt und läuft schon mal den Kühen, Rindern und älteren Kälbern entgegen, die gemütlicher den Weg hinabtrotten. Endlich treten auch Bauer Beat Hegner (49) und seine zwei Helfer aus dem Nebel: Hans (19) ist der zweitälteste Sohn und gelernter Landwirt. Neben ihm marschiert Adriano Lepri (15), Schüler aus Rüti ZH. Er steht während zweier Wochen bei der Glarner Bauernfamilie im Einsatz.

Landdienst hiess das früher, war oft obligatorisch und das Schreckgespenst verwöhnter Stadtkinder. Heute nennt sich das Projekt Agriviva und hat einen modernen Auftritt. Der Zweck blieb derselbe: Eine Brücke bauen zwischen Stadt und Land, Konsumenten und Produzenten einander näherbringen. Etwa 2500 Jugendliche leisten jedes Jahr Freiwilligenarbeit bei rund 900 Bauernfamilien in der ganzen Schweiz. Die Schüler erhalten Kost und Logis und ein bescheidenes Taschengeld.

Ihren festen Wohnsitz hat die Familie Hegner in Hätzingen GL, weit hinten im «Zigerschlitz». Ab Juni sömmert das Vieh auf der Chammeralp beim Urnerboden. Sind die höher gelegenen Weiden abgegrast, treibt der Bauer die Herde auf die tiefer liegende Mittelstation. Dabei hilft ihm diesmal Adriano. Der Schüler stellt sich sehr geschickt an. An seinem Antrittstag sei es neblig gewesen und habe in Strömen geregnet erzählt Beat Hegner. Er habe sich umgedreht und zu Adriano gesagt: «Hast schon etwas Pech mit dem Wetter.» Adriano habe geantwortet, das sei ihm egal. «Da wusste ich, das kommt gut mit dem», sagt der Bauer und grinst in seinem Bart. Er behielt recht: «Adriano fügt sich in die Umstände. Er jammert nie, fragt aber viel. Das zeigt mir, dass er Interesse hat. Das gefällt mir.»

Seit 65 Jahren vermittelt Agriviva Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren diese etwas andere Art von Ferienjobs. Natur pur statt Büro oder Fabrik. «Einige wollen etwas Sinnvolles tun», sagt Jolanda Dietiker, die bei Agriviva für die Vermittlung von Jugendlichen verantwortlich ist. «Andere müssen ein Praktikum absolvieren.» Vor zwei Jahren modernisierte sich die Organisation. «Der alte Name rief bei vielen Jugendlichen falsche Assoziationen hervor», sagt Jolanda Dietiker. «Er klang nach Pflicht und löste reflexartig eine Abwehrhaltung aus.»

Man kann wählen, was man machen will

Zum neuen Namen gabs ein neues Logo und vor allem einen modernen Internetauftritt. Der zeigte Wirkung. Das Interesse steigt markant, seit die Jugendlichen auf der Website direkt eingeben können, ob sie bei der Kirschenernte mithelfen wollen oder bei Stallarbeit. Detaillierte Beschriebe der Bauernbetriebe und Schönwetterfotos erleichtern den Entscheid zusätzlich. «Seit die Jugendlichen selber wählen können, sind auch die Reklamationen markant zurückgegangen», sagt Dietiker.

Auch die Bauern sind zufrieden mit den Hilfskräften aus der Stadt. Wenn schon seien eher die Eltern das Problem, findet Bäuerin Elsbeth Hegner: «Sie trauen den Kindern zu wenig zu.» Dabei kommen Jugendliche aus der Stadt in der Regel erstaunlich gut mit dem Leben auf einem Hof zurecht. Auch Elsbeth Hegner weiss nur Gutes über die beiden Burschen zu berichten, die sie bisher in die Familie aufnahm: «Der erste wurde heftig von Heimweh geplagt, aber beide stellten sich sehr geschickt an, waren hilfsbereit und ganz liebe ‹Kerli›.»

Adrianos Mutter war als Jugendliche selber im Landdienst und fand, das täte auch dem Sohn gut. «Dann kommt er mal in eine andere Umgebung.» Adriano war wenig begeistert. Er hätte lieber einen gut bezahlten Ferienjob in einem Industriebetrieb angetreten. Die erste Woche auf der Alp langweilte er sich. Dauerregen vermieste nicht nur die Laune, sondern verhinderte auch vernünftiges Arbeiten draussen. Also machte er sich in der Hütte nützlich: aufräumen, putzen, abwaschen und vor allem kochen. Zur grossen Freude von Bauer Hegner, der überall lieber steht als am Herd.

Auch auf dem Land wird ab und zu ausgeschlafen

Adriano hat sich seinen Landdienst anders vorgestellt. Dort müsse er in aller Herrgottsfrühe aufstehen und bis abends hart arbeiten, hatte man ihn gewarnt. Bäuerin Elsbeth liess den Flachländer erst mal ausschlafen. «Es geht ja nicht in erster Line um eine zusätzliche Arbeitskraft», sagt sie. «Sondern darum, Leuten von der Stadt das Leben auf dem Land näherzubringen. Und nebenbei sehen unsere Teenagermädchen, dass sie sich vor Jugendlichen aus der Stadt nicht zu verstecken brauchen. Sie unterscheiden sich weder in Kleidung noch im Denken.» Adriano sagt,er möge eigentlich keine Bauern. In der Gemeinde, in der er früher wohnte, habe es zwei Lager gegeben: «Die Bauern und die anderen.» Er gehörte zu den anderen. Oft sei es zu Schlägereien gekommen. «Die Bauern, die ich kannte, waren hochnäsig und nicht lässig. Aber die Familie Hegner ist wirklich nett.»

Der Landdienst, stellt Jolanda Dietiker von Agriviva klar, sei Arbeitseinsatz und Akt der Solidarität. Nicht aber ein Ferienlager, Sprachkurs oder eine Auszeit für schwierige Jugendliche. «Die Bauernfamilien haben weder eine pädagogische Ausbildung, noch sind sie Sozialarbeiter. Aber die Jugendlichen lernen eine andere Lebensweise kennen und gewinnen Selbständigkeit.» Probleme sind selten, und etliche Jugendliche berichten auf der Agriviva-Website mit viel Enthusiasmus von ihrem Einsatz.

Adriano lebte zwei Wochen auf engstem Raum mit Hegners zusammen. Abends sass er mit ihnen am grossen Holztisch in der Alphütte, in der es nach Milch und Feuer roch. Er half bei der Herstellung von Alpkäse, den die Familie im hauseigenen Kleinladen im Dorf verkauft. Er hütete Kühe, kochte, putzte und hackte Holz. Er mochte das Gefühl, nützlich zu sein, und die Murmeltiere, die ihm tagsüber Gesellschaft leisteten. Und er freute sich über die 170 Franken Sackgeld, die hausgemachten Würste und den Alpkäse, die ihm die Bauernfamilie zum Abschied.

Zu Hause bemerkte Adrianos Mutter eine Veränderung: «Er erzählte, was er erlebt hatte, zeigte uns Fotos von den Murmeli auf der Alp und war viel zugänglicher als sonst.» Nach zwei Tagen besann sich Adriano indes wieder auf seine Rolle als sperriger Teenager. Aber: Neuerdings kümmert sich Adriano freiwillig um die Zwerghasen seiner Schwester, was die Mutter als «mittleres Weltwunder» bezeichnet.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Tina Steinauer