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18. November 2013

Vollgas für die Umwelt

Im Elektroauto-Hype geht die etablierte Alternative Erdgasantrieb oft vergessen. Wie sich Lancias Ypsilon als «Gäseler» macht, testet Familie Bögner aus dem thurgauischen Wigoltingen.

Familie Bögner neben dem Erdgasflitzer 
Lancia Ypsilon
Flott zum Sport: Marion und
 Herbert Bögner haben Sohn 
und Sportcrack 
Alram im Erdgasflitzer 
Lancia Ypsilon zum Fussballplatz gebracht.

Von einem sechsten Rang, wie ihn sich das Team von Alram Bögner (9) jüngst bei der Schweizer Faustball-Meisterschaft der Junioren erkämpfte, können Gasautos in der Schweiz nur träumen. Obwohl Erdgasantrieb (CNG; nicht zu verwechseln mit Flüssiggasantrieb LPG) längst etabliert ist, geht er im jüngsten Elektroauto-Hype als Alternative oft vergessen. Besonders nachdrücklich am Gasgeben ist Fiat. Nach Panda, 500, Punto, 500L, Qubo und Doblo gibt es auch den Edelkleinwagen Ypsilon der Fiat-Tochter Lancia als Gasversion. Und wie kommt er bei Familie Bögner an? «Sehr schön», findet Personalassistentin Marion Bögner (42) das Design. «Natürlich fordert die Eleganz ein paar Opfer», sagt Kampagnen-Analyst Herbert Bögner (48): «Die schicke Dachlinie macht die hinteren Türen niedrig, und die kleinen Fenster schränken die Übersicht hinten ein.» Dafür gefallen das ordentliche Platzangebot, der geräumige Laderaum und das elegante, hochwertige Cockpit. Bei Letzterem gefällt aber nicht alles auf Anhieb. «Der über der Mittelkonsole platzierte Tacho ist zwar hübsch, aber unpraktisch», urteilt Marion Bögner.

Als Nachteil empfindet Familie Bögner die Leistung des kleinen 0,9-Liter-Motors, der alternativ zu Erd-, Bio- oder Kompogas mit Benzin läuft, falls keine Gastankstelle in der Nähe ist. Zwar ist der nostalgisch knatternde Zweizylinder quirlig, aber: «Im dritten Gang den Berg hoch – da stossen 80 PS an ihre Grenzen», sagt Marion Bögner, «was auch den Verbrauch hochtreibt, weil man hochtourig fahren muss.» Klare Vorteile bietet der Gasflitzer bei Emissionen und Betriebskosten: Gas verursacht weit weniger Schadstoffe als Benzin. Mit dem üblichen Tankstellenmix «Erdgas Biogas» (80 Prozent Erdgas, 20 Prozent Biogas) liegt allein der CO2-Wert bis zu gut 40 Prozent tiefer – und obendrein spart man bis zu ein Drittel Treibstoffkosten.

Mit dem Fahrwerk kann Marion Bögner grundsätzlich gut leben. «Von meinem Mini Cooper Clubman bin ich Sportlichkeit gewohnt, weshalb mich der sehr komfortable Ypsilon über Land zu weich dünkt. Aber die Lenkung ist gut», sagt sie. Käme der italienische Gasflitzer für Familie Bögner in Frage? «Nein», resümiert Herbert Bögner, der im Alltag einen Peugeot 3008 lenkt. «Design und Ökologie stimmen, aber für unsere vielen Fahrten über Land ist er zu schwach. Als Stadtauto ist er sicher eine gute und ‹grüne› Wahl.»

CO2-Richtwerte

Der CO2-Verbrauch des Lancia Ypsilon TwinAir CNG liegt bei 86 g/km.
Der CO2-Verbrauch des Lancia Ypsilon TwinAir CNG liegt bei 86 g/km.

Der Verbrauch des Lancia Ypsilon TwinAir CNG

Im Jahr 2015 sollen die Neuwagen in der Schweiz im Schnitt nur noch 130 g/km ausstossen. Geht man von einer kontinuierlichen Senkung des letzten ermittelten Wertes (2012: 151 g/km) aus, bedeutet das für 2013 einen Richtwert von 144 g/km. Der Testwagen liegt dank Erdgasantrieb bei nur 86 g/km, also ganz deutlich tiefer.

Informationen zum Bewertungssystem

Neues CO2-Emissionsgesetz

Bis 2020 sollen die Schweizer CO2-Emissionen gegenüber 1990 um 20 Prozent sinken. Seit 1. Mai 2012 gilt in der Schweiz deshalb das revidierte CO2-Gesetz für neue Personenwagen. Angewendet wird es für alle neuen PW, die seit dem 1. Juli 2012 erstmals hierzulande immatrikuliert wurden. Im Jahr 2015 dürfen die neuen Personenwagen im Schnitt maximal 130 g/km an CO2 ausstossen, was einem Norm-Gesamtverbrauch von etwa 4,9 Liter Diesel bzw. rund 5,6 Liter Benzin pro 100 Kilometer entspricht. Für Gasantriebe gelten gesonderte Bestimmungen.

Überschreitung sanktioniert

Der Wert von 130 g/km CO2 wird stufenweise eingeführt. Im Jahr 2012 mussten ihn 65 Prozent der Neuwagen, 2013 müssen ihn 75 Prozent und im Jahr darauf 80 Prozent der neuen Personenwagen erfüllen. Erreicht ein Importeur den spezifisch für ihn anhand Zielwert und Gewicht errechneten Schnitt nicht, wird die Sanktionsabgabe fällig, zum Beispiel 142,5 Franken pro Gramm ab dem vierten Gramm (1 bis 3 Gramm sind vergünstigt).

Bewertung im Migros-Magazin

Die Bewertungsgrafik im Migros-Magazin geht zwecks anschaulicherer Einstufung der Fahrzeuge von einer kontinuierlichen Senkung aus. Die Grundlage dafür ist der letzte ermittelte CO2-Durchschnitt aller Neuwagen: 151 Gramm pro Kilometer im Jahr 2012. Sinkt der CO2-Ausstoss bis zum angestrebten Ziel von 130 Gramm pro Kilometer im Jahr 2015 kontinuierlich, ergeben sich daraus unsere Zielwerte – wie etwa aktuell 144 Gramm pro Kilometer für 2013. Anhand dieses Wertes werden die von uns vorgestellten Autos im Migros-Magazin beurteilt.

Autor: Timothy Pfannkuchen