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20. April 2015

Lafere statt liefere

Phoebe Staenz
Phoebe Staenz brillierte nach der 1:3-Niederlage gegen Kanada mit ihrer Spontananalyse.

Vielleicht tat ich den Sportlern ja unrecht, letzte Woche. Besonders den Sportlerinnen. Mag nämlich sein, dass manche ihrer Antworten nur doof sind, um die Doofheit der gestellten Frage zu entlarven. Als Lara Gut die Bronzemedaille mal um zwei Hundertstel verpasste – ein Wimpernschlag, purer Zufall – und der Reporter wissen wollte: «Lara Gut, wo haben Sie Zeit verloren?», entgegnete sie süffisant: «Auf der Piste.» Will heissen: Fahr doch mal selber runter, du Affe!

Bänz Friedli (50) denkt nach
Bänz Friedli (50) denkt nach. Manchmal.

Vor einiger Zeit wurde Michael Liniger, Berner in Diensten der Kloten Flyers, im «Sportpanorama» gefragt, warum er selten Tore erziele, aber wenn, dann matchentscheidende. Und was ihm tags zuvor bei seinem siegbringenden Treffer durch den Kopf gegangen sei? «Ha mi eigentlech deheim wöue vorbereite uf die Frag», maulte er, «aber i ha ou bim Studiere nid viel Gschids usegfunge, wo n i nech da chönnt verzeue.» Hat je einer charmanter deutlich gemacht, ihm sei eine blöde Frage gestellt worden? Typisch Emmentaler: sich selber listig klein machen und damit den anderen blossstellen. Genau betrachtet, war Linigers Antwort Philosophie pur. Er beschied dem Gegenüber sozusagen ohne Worte: Du solltest nicht über etwas reden, von dem du nichts verstehst. Denn wollte ein Eishockeyspieler nachdenken, ehe er schiesst, würde er seiner Lebtag kein Tor erzielen.

Aber tun wir es nicht alle, täglich? Über Dinge schwafeln, von denen wir keine Ahnung haben? Diskutierte ich nicht grad letzte Woche über einen Dokumentarfilm, den ich gar nicht gesehen hatte? Sagte ich nicht Dinge wie «eindrücklich» und «neue Aspekte …» – nur, weil mein Gesprächspartner der Autor des Films war und ich mich nicht zu sagen getraute, dass ich ihn im Kino verpasst hatte? Die TV-Serie «Treme»? Schon mehrfach weiterempfohlen, gar als DVD-Sammlung verschenkt, obschon ich von den 36 Folgen nur eine halbe gesehen habe. Ich quatsche hier über das griechische Malaise, ohne mir gross Gedanken dazu gemacht zu haben; lobe da die schwedische Aussenministerin, weil sie Saudi-Arabien, wo Frauen nicht Auto fahren dürfen und kritische Blogger tausend Stockschläge erhalten, «mittelalterlicher Methoden» bezichtigt; masse mir dort ein Urteil über die Olympischen Winterspiele 2022 an: «Ob China oder Kasachstan, skandalös wird es allemal», sage ich und schwadroniere, ich würde keine Minute schauen. Das behauptete ich schon vor Sotschi 2014 … Und bibberte dann nächtelang mit unseren Eishockeyfrauen. Von denen eine mit dem schönen Namen Phoebe Staenz nach der 1:3-Niederlage gegen Kanada mit der Analyse glänzte: «Wämmer die drüü Goal nöd überchömed, günne mir eis-null.»

Huch, schon am Ende der Kolumne angelangt, ohne etwas Schlaues gesagt zu haben. Wo habe ich Zeit verloren? 


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli