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24. April 2017

Lärm macht krank und kostet Milliarden

Jeder Fünfte in der Schweiz ist Lärmpegeln ausgesetzt, die gesundheitsschädlich und sogar lebensverkürzend sind. Die Ärztin Ottilia Lütolf Elsener erklärt anlässlich des internationalen «Tag gegen den Lärm» vom 26. April, was Krach im Körper auslöst – und wie man sich schützt.

Kinder leiden besonders unter Lärmbelästigung. Der «Tag gegen Lärm» 2017 setzt den Fokus deshalb auf dieses Thema.
Kinder leiden besonders unter Lärmbelästigung. Der «Tag gegen Lärm» 2017 setzt den Fokus deshalb auf dieses Thema. (Bild: Fotolia)

Motorenlärm, Handy- klingeln, Radiogedudel, Gesprächsfetzen: Ständig sind wir von einer Geräuschkulisse umgeben. Lärm kann auf Dauer krank machen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass in Westeuropa jährlich eine Million Lebensjahre durch Umgebungslärm ausgelöscht werden. Eine bemerkenswerte Zahl. Bezogen auf die Schweizer Wohnbevölkerung verkürzt gesundheitsschädigender Lärm ihr Leben um insgesamt 46 400 Jahre.

Laute Töffs und mehr ständig Verkehr
In den vergangenen 30 Jahren hat die Schweiz rund 6 Milliarden Franken in Lärmschutzsanierung investiert.Seit diesem Jahr sind ausserdem Klappenauspuffe bei neu importierten Autos und Motorrädern verboten. Damit konnten die Fans von lauten Motoren die Grenzwerte beim Testlauf zwar einhalten, aber beim Gasgeben auf der Strasse doch noch tüchtig lärmen. Es wird trotzdem etwas dauern, bis das neue Gesetz den Lärmpegel auf der Strasse tatsächlich verringert, denn die vor 2017 zugelassenen Fahrzeuge müssen nicht umgerüstet werden. Da der Lärmpegel um drei Dezibel zunimmt, wenn zwei gleich laute Lärmquellen zusammenkommen und die Mobilität in der Schweiz weiterhin steigt, wird sich die Situation allerdings auch langfristig nicht bessern.

Um auf die Folgen von Lärm aufmerksam zu machen, nimmt die Schweiz seit 2005 am «Tag gegen den Lärm» teil, der Ende April stattfindet. Dieses Jahr wird unter dem Motto «Ruhe fördert» auf die Auswirkung von Lärm auf Kinder aufmerksam gemacht.

«Dem Körper ist es egal, ob es sich um Popmusik oder Motorräder handelt»

Die Ärztin Ottilia Lütolf Elsener (66) ist Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Lärmbekämpfung.

Rund eine Million Lebensjahre gehen in Westeuropa jährlich durch Umgebungslärm verloren. Warum verkürzt Lärm das Leben?
Unser Körper ist noch auf Steinzeit programmiert. Lärm bedeutet für ihn Gefahr beziehungsweise Stress. Das lässt den Körper Hormone ausschütten, die den Herzschlag beschleunigen und die Beine schneller machen, damit wir bereit sind für eine allfällige Flucht.

Und warum ist das so ungesund?
Die Stresshormone Adrenalin und Cortisol lassen den Blutdruck in die Höhe schiessen. Passiert dies immer wieder, entstehen in den Gefässwänden Mikronarben, auf denen sich Ablagerungen bilden. Die Gefässe werden enger, wodurch der Druck weiter ansteigt, was Herzinfarkt oder Hirnschlag auslösen kann.

Welche Art von Lärm ist besonders gefährlich?
Es gibt keinen Unterschied zwischen den Lärmquellen – dem Körper ist es egal, ob es sich um Popmusik oder Motorräder handelt. Die relevanten Faktoren sind die Lautstärke und die Lärmdauer. Einen Unterschied gibt es aber zwischen Lärm, dem Sie sich freiwillig und vorbereitet aussetzen, und Lärm, der Ihnen aufgezwungen wird und den Sie nicht beeinflussen können.

Einen Unterschied gibt es zwischen Lärm, dem Sie sich ... vorbereitet aussetzen, und Lärm, der Ihnen aufgezwungen wird.

Die diesjährige Kampagne stellt die Auswirkungen von Lärm auf Kinder ins Zentrum. Warum?
Kinder sind sich nicht bewusst, dass Lärm krank machen kann, und schützen sich deshalb auch nicht. Studien zeigen, dass Kinder in fluglärmbelasteten Schulen weniger schnell lesen lernen als solche in ruhigeren Umgebungen. Diesen Rückstand nehmen die Kinder in die nächsten Schulstufen mit, was Auswirkungen auf ihren ganzen Werdegang haben kann. Zudem leidet auch ihre Gesundheit: Schlafstörungen und Stress durch Strassenlärm und laute Hintergrundgeräusche können zu Übergewicht und Diabetes, aber auch zu Verhaltensauffälligkeiten führen.

Was können Eltern tun, damit ihre Kinder mehr Ruhe bekommen?
Radio und TV nicht ständig und nicht laut laufen lassen. Das Kinderzimmer wenn möglich auf der strassenabgewandten Seite einrichten. Kinderohren bei lauten Veranstaltungen im Freien schützen. Und den Kindern Ruhepausen gönnen.

In Südamerika dröhnt ständig Salsa aus irgendeiner Box, und der Fernseher läuft permanent. Sind wir hierzulande nicht einfach etwas zu empfindlich?
Das Argument, dass man sich an einen gewissen Lärmpegel gewöhnen könne, kommt immer wieder. Aber das ist ein Mythos: Studien aus europäischen Ländern zeigen, dass die Stresshormone auch dann ausgeschüttet werden, wenn es sich um bekannte und subjektiv als angenehm empfundene Geräusche handelt. Es gibt für mich keinen Grund, weshalb der menschliche Organismus in einem anderen Land anders funktionieren sollte – auch wenn ich dazu keine Studie kenne.

Und wie steht es mit der Lärmbelästigung am Arbeitsplatz?
Ich habe seit Jahren keinen Arbeiter mehr mit Hörschaden gesehen. Da hat die Suva mit ihren Präventionsmassnahmen einen sehr guten Job gemacht. Ein Rückschritt sind hingegen die Grossraumbüros. Während ich mit Ihnen telefoniere, höre ich Ihre Nachbarin sprechen. Das beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit massiv, vor allem wenn das den ganzen Tag so geht.

Wie und wo finden Sie selber Ruhe?
In meiner Praxis gibt es keine Musik im Wartezimmer. In meiner Freizeit suche ich vor allem in der Natur nach Ruhe. Und ich achte darauf, wenig Lärm zu erzeugen, indem ich zu Fuss, mit dem ÖV oder mit meinem E-Mobil unterwegs bin.

Autor: Andrea Freiermuth