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30. Januar 2012

Längizyti in Sottopassaggio

Es sei ja klar, dass Heidi Klum ihren Ehemann Seal habe fallen lassen und nicht umgekehrt, kommentierte die Nachrichtenchefin des «Blicks». Schliesslich sei die Klum Unternehmerin! «Wer zwischen dem Topmodel/der Geschäftsfrau und dem Sänger/Hausmann das Sagen hatte, ist keine Frage», ferndiagnostizierte die Journalistin. Ich las und wurde bleich und bleicher. «Heidi Klum hatte einen Popstar geheiratet, dann hatte sie plötzlich ein Hausmütterchen im Bett.» Himmel, Frau Nachrichtenchefin! Was Sie schrieben, ist in so mancher Hinsicht Unfug, dass ich es kurz korrigieren muss. Erstens und nur ganz nebenbei: Seal war nicht wirklich Hausmann; dafür, was Hausmänner und -frauen gewöhnlich tun, haben die Klum-Seals Angestellte, nehm ich an. Immerhin juriert er die Castingshow «The Voice» in Australien. Nicht grad um die Ecke von ihrem Daheim in Los Angeles.

«Die Gleichung Hausmann = unsexy ist doof.»
«Die Gleichung Hausmann = unsexy ist doof.»

Zweitens aber und gravierender: Sie kommen Ihrer Leserschaft mit der doofen Gleichung Hausmann = langweilig, unattraktiv, unsexy. Nicht, dass ich das persönlich nähme. Aber ich wähnte das Uraltklischee überholt, wonach Hausmänner Latzhosen tragende, unerotische Softies seien. Es nun von einer Frau zu lesen, ist umso ärgerlicher. Zumal Sie, drittens, mit der Bemerkung, Frau Klum hätte «ein Hausmütterchen im Bett» gehabt, eine Million Schweizer Hausfrauen beleidigen. Als ob, wer sich um Ufzgi, Wäsche und Nachtessen kümmert, nicht zugleich sexy sein könnte! Übrigens las ich Ihren Kommentar auf dem Hometrainer. Und gab aus Verstimmung darüber derart Gas, dass ich so viele Kalorien abgestrampelt habe wie schon lange nicht mehr; es wird meinem Sexappeal dienen. Danke schön!

Aber man kann ja mal Mist behaupten. Als Bub meinte ich auch immer, wir gingen nach Sottopassaggio in die Ferien. Das heisse Monterosso, berichtigte meine Mutter. «Nei Mueti, verzell ke Seich!» Da war ich mir ganz sicher: Sottopassaggio. So stand es geschrieben auf dem Perron, wo wir jeweils aus dem Zug stiegen. Heute ist es unser Hans, der alles weiss. Stets stellt er eine Frage, gibt die Antwort selbst und lässt sich davon nicht abbringen. «Woher kommen die Austern? Gäu, aus Australien!» Ein wunderbares Alter, in dem er sich befindet! Gewiss, auch ich krieche wildfremden Menschen fast in ihre Kinderwagen mit jenem unsäglich gönnerhaften «Jöö!»-Blick, der mich früher so nervte: «Was für ein herziges Bébélein!» Doch dann sag ich mir sogleich: Babys sind süss, aber sie rauben einem Schlaf und Freiraum, und sie stinken. Gott sei Dank, hab ich das hinter mir! Schon freue ich mich wieder, dass unsere Kinder so gross sind. Fragt Anna Luna doch jüngst: «Wer war eigentlich James Dean?» Flugs im DVD-Verleih «Jenseits von Eden» besorgt und den Jahrhundertfilm en famille angeschaut. Diskutiert. Und gestaunt, welch unvergleichlicher Kerl dieser Dean war!

Gleich in vier befreundeten Familien weilt das älteste Kind derzeit im Auslandjahr, von Iowa bis Ekaterinburg, Russland. Ich leide mit den Eltern und sage: «Ich würde durchdrehen vor Längizyti.» Was heisst «würde»? Ich werde durchdrehen. Bereits liebäugelt Anna Luna nämlich mit einem Schuljahr in den USA. Ich, ohnehin krankhafter Amerikafan: «Ich komme dann mit!» Sie, leicht mitleidig: «Weisst, Vati, das ist, glaub ich, nicht die Idee eines Austauschjahres.»

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli