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16. März 2015

Lachen im Film

Was lässt Kinogänger weltweit seit Jahrzehnten lachen? Blödelklamauk, analytische Satire, Wortwitz, Situationskomik. Die wichtigsten Humorkategorien für die Leinwand mit den speziellsten Vorbildern zum Reinschauen. Und: Das Experteninterview über weltumspannende Humortraditionen und kulturelle Unterschiede («Die Kunst des Lachens»).

Wie viele Humorformen sind auch die meisten Quellen für Gelächter im Kino international bekannt – und zugänglich. Klar sorgt je nach Gesellschaftsform, Leitkultur oder Politik das eine oder andere für grössere Lacher, verstanden werden die Humorformen jedoch fast überall. Sicher hat das auch mit der lange vorherrschenden Stellung des amerikanischen Filmschaffens zu tun, das mit zwei bis drei seiner entwickelten Gefässe den Siegeszug um die Welt antrat.

Hier finden Sie die fünf wichtigsten Film-Humortraditionen mit ein paar stilbildenden Filmausschnitten aus der Kinogeschichte:

1. Der Slapstick
In dieser vermutlich ältesten Komikform entsteht der Humor wie bei vielen Clown- oder Boulevardtheaternummern dadurch, dass die Hauptfigur Bewegungen ankickt oder ausführt, die sie so nicht gewollt oder geplant hat. Dabei gibts auch historisch bedeutende Unterschiede: Buster Keaton ist der elegant-traurige Beweis, dass man nie bewirkt, was man wünscht. Bei Chaplin übernimmt bisweilen fast eine fremde Macht die Kontrolle über Charlies Körper und Umgebung. Laurel und Hardy, andere Vorläufer dieser Gattung, entfesseln im Zweikampf aberwitzige Entwicklungen, die sie nie kontrollieren. Spätere Könner wie Jacques Tati demonstrieren virtuos die Entfremdung des Menschen von seiner modernen Umgebung, fast zeitgleich feiert etwa «The Party» mit Peter Sellars ein Fest der absurden Verkettungen, ohne bleibende Aussage.
Beispiel aus «Laurel & Hardy»

2. Die Satire
Ein ganz anderes Feld öffnet die Satire. Sie stellt kritisch aktuelle oder frühere Herrschafts- und Gesellschaftsformen oder Zeitphänomene dar, wählt für ein solches Abbild in der Regel die Übertreibung oder eine bildlich zugespitzte Umsetzung von sprechenden Szenerien. Berühmt geworden sind seit Chaplins «Der grosse Diktator» (über Hitler und das Naziregime) die Porträts historischer Figuren – etwa Monty Pythons wenig kirchliche Jesus-Hommage «Life of Brian». Doch auch etliche Filme, die ein Umfeld ohne eine bestimmte, sofort erkennbare Person als Karikatur präsentieren, gehören dazu. Einige Werke aus dem Ex-sowjetischen Raum, speziell aus Kuba, stechen hier heraus, jedoch auch etwa Daniel Schmids «Beresina» über einen Putsch alter helvetischer Militärköpfe.
Beispiel aus «Life of Brian»

3. Die Blödelkomödie
Spätestens seit Ende der 80er-Jahre entwickelte die amerikanische Filmindustrie Blödelfilme, die von vornherein mit zotigen Scherzen in Wort und rein auf der Bildebene die Lachmuskeln vorab junger (und jung gebliebener) Zuschauer aktiviert. Generell bedeutet dies ein Steigerungslauf an Pointen unter der Gürtellinie – tatsächlich sind Sex und Fäkalscherze die Hauptdomäne solcher Streifen. Unvergessen das Sperma als Haarfestiger in «There’s something about Mary», oder die deftigen Kumpelabstürze eines Judd Apatow wie in «Anchorman».
Ausschnitt aus «Anchorman»

4. Der scharfzüngige Witz
Bei dieser Humorgattung geht es darum, in gewandter Redekunst gehobene Pointen zu produzieren. Bestenfalls resultieren daraus Serien an mal raffiniert lustigen, auch mal mit härterem Wortwitz brillierenden Pointen, die jedoch zugleich auch die Figuren, die sie aussprechen, als generell ‚komische‘ vorführen. Eine Art Vorbild für diese gewandte Versprachlichung dürfte der (Alt-)Meister des jüdischen Humors sein: Woodie Allen.
Ausschnitt aus Allens «Was Sie schon immer über Sex wissen wollten …»

5. Die Farce
Sie will kein Abbild bestimmter Situationen oder Figuren entwerfen wie die Satire, vielmehr versucht sie durch schnelle Abfolgen (Kaskaden) an unwahrscheinlichen Begebenheiten und Ereignissen ihren Witz zu gewinnen. Gezeigt wird das Sonderbar-Spezielle, lustig ist genau der Unterschied zur Realität, die man nicht zeigt, auf die man aber mit dem Exzess letztlich abzielt. Lustig ist nicht das Abbild von «echtem Leben» (wie in der Satire), sondern genau das Verstecken der Realität hinter dem Vorhang der Farce. Schliesslich stammt der Begriff aus der Küchensprache und meint eine besondere Füllung, die (oft Fleisch!) die Hauptsache des Gangs ausmacht, jedoch versteckt wird.
Ausschnitt aus Louis de Funès' «Jo» («Hasch mich, ich bin der Mörder»)

WEITERE HUMORARTEN IM KINO

6. Die Screwball-Komödie, z. B. «Arsen & Spitzenhäubchen» (Szene '12 Herren im Keller')

7. Der Romantik-Witz, z. B. in «When Harry met Sally» (Orgasmusszene im Restaurant)

8. Die Ensemble Comedy, z. B. in «Rat Race» (Szene mit am Radar aufgehängten Auto)

9. Die Verwechslungsgeschichten, z. B. in «Naked Gun 33 1/3» (Sperma-Szene – oder wieder: Life of Brian)

10. Die Nonsens-Parodie, z. B. in «(OSS117) Der Spion, der sich liebte» (Ulk auf die Bond-Agentenfilme)

Autor: Reto Meisser