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07. März 2016

«Jeder sollte selbst entscheiden, was eine Farbe für ihn bedeutet»

Die Sängerin La Lupa (69) und die Designerin Christa de Carouge (79) pflegen einen eigenwilligen Umgang mit Farben. Die eine trägt nur Schwarz, die andere nur Bunt. Ein farbphilosophisches Gespräch mit zwei aussergewöhnlichen Künstlerinnen, die seit 20 Jahren befreundet sind.

Anziehende Gegensätze: Sängerin La Lupa (in Bunt) und Designerin Christa de Carouge (in Schwarz).
Anziehende Gegensätze: Sängerin La Lupa (in Bunt) und Designerin Christa de Carouge (in Schwarz).

Sie sind seit 20 Jahren befreundet. Wie ist diese Freundschaft angesichts derart unterschiedlicher Ansichten über Farbe überhaupt möglich?

Christa de Carouge: Jede lebt ihr Leben. Jede hat ihren Stil. Und ich akzeptiere jeden Stil.
La Lupa: Es muss einfach Stil sein.
De Carouge: Genau.
La Lupa: Eine Freundschaft scheitert nicht an der Frage des Stils. Ein Problem wäre etwa, wenn ich keinen Geschmack hätte und meine Kleider wahllos kombinieren würde.
De Carouge: Lupa hat definitiv Geschmack. Halt einfach einen anderen.

Aber mit dem Entscheid für Bunt beziehungsweise Schwarz ist doch auch eine Lebenseinstellung verbunden. Sind Sie nicht zu verschieden?

La Lupa: Schwarz und Bunt gehen sehr gut zusammen. Ein schwarzer Hintergrund macht jede Farbe präziser und bestimmter. Er bringt alle Farben zum Leuchten, wie schon Wassily Kandinsky sagte.

Funktioniert Ihre Freundschaft so gut, weil Sie einander viel Kontrast bieten?

De Carouge: Das würde ich so nicht sagen. Aber wenn ich mich nur mit schwarz angezogenen Menschen umgeben wollte, müsste ich ins Kloster gehen. Und nur weil die dort schwarze Kutten tragen, heisst das noch lange nicht, dass ich im Kloster viele Freunde finden würde, wenn das Innere nicht stimmt.
La Lupa: Unsere Freundschaft funktioniert so gut, weil wir ehrlich zueinander sind,
es oft lustig haben, aber auch ernsthafte Gespräche führen können …
De Carouge: … etwa über die Situation auf der Welt oder über Freunde, die sterben.
Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Aber ich beklage mich nicht übers Alter. Ich habe meine innere Ruhe gefunden, meine Zufriedenheit. Das macht das Altwerden einfacher.

Konsequent schwarz, konsequent bunt: Ist Ihr Stil nicht einfach auch eine Masche, um als Künstlerin aufzufallen?

La Lupa: Ach was, mir hat mein buntes Auftreten eher geschadet. Für viele bin ich einfach die, die orangefarbene Haare hat und farbig angezogen ist. Es gibt viele Leute, die gar nicht wissen, dass ich eigentlich Sängerin und Schauspielerin bin.
De Carouge: Ich bin bald 80. Ich kann mich nicht noch mehr positionieren. Wenn es eine Masche wäre, könnte ich schon lange damit aufhören.

Wie haben Sie zu Ihrem Stil gefunden?

De Carouge: Gene und Biografie. Meine Mutter war Schneiderin. Mit dem Schneidern habe ich schon früh geliebäugelt. Aber dazumal wurde man in diesen Schneiderateliers als Lehrling grässlich behandelt. Mein Vater erlaubte mir dann, an die Kunstgewerbeschule zu gehen, um Grafikerin zu werden. Die war damals geprägt durch den Bauhausstil. Da hat es peng! gemacht. Das Puristische, Minimalistische faszinierte mich. Max Bill und Gottfried Honegger waren meine Mentoren, denen ich viele Fragen stellen durfte. Die hat man ja, wenn man jung ist.
La Lupa: Bei mir hat sich der Stil automatisch entwickelt. Bis fast 40 habe ich hin und wieder etwas Schwarz getragen. Heute ist mir das zu verschlossen, zu sehr nach innen gerichtet. Ich habe zwei Seiten: Einerseits bin ich extrovertiert. Aber ich habe durchaus auch eine Seite, die ich nicht nach aussen trage.
De Carouge: Ich mochte früher auch Bordeaux, nicht nur im Glas (lacht). Seit ich etwa Mitte 30 bin, trage ich nur noch Schwarz. Schwarz ist neutral. Es lenkt nicht ab, etwa von der Form oder vom Material. Ich bin eine Materialfetischistin: hochwertiger Stoff und die Textur sind mir wichtig. Dieses Plissee (zupft an ihrem Umhang) könnte ich stundenlang anschauen, in seine Falten und Täler eintauchen. Je nachdem, wie es fällt, verändert sich sein Farbton. Ist das nicht wunderbar?
La Lupa: Mir ist das viel zu düster. Ich liebe es, Farben zu kombinieren. Wenn ich mich im Spiegel betrachte, sehe ich nicht Lupa, sondern eine Installation. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin keine Farbkünstlerin. Ich habe nichts erfunden. Darum wäre es auch falsch, mich mit Christa zu vergleichen. Ich ziehe mich einfach bunt an, habe meinen Stil; Christa hingegen hat einen Stil kreiert. Meine Kreativität offenbart sich in meinen Programmen.
De Carouge: Mein Ansatz war immer: Es muss nicht allen, sondern vor allem mir gefallen. Bei all diesem Hippiezeug habe ich zum Beispiel nie mitgemacht. Dieses Massentheater! Schon in der Kunstgewerbeschule habe ich weite Jupes und übergrosse Herrenhemden aus dem Brockenhaus getragen.
Das war mein Ding! Später wurde daraus das «habit – habitat». Kleider, in denen man wohnen kann. Ich bin eine Nomadin. Darum liess ich mich vom Schlafsack zu weiten wattierten Umhängen inspirieren.
La Lupa: Ich habe als Teenager Jeans und den Militärpullover meines Vaters getragen. Ich hatte kein Geld, aber träumte damals schon von speziellen Kleidern. Diesen Traum konnte ich mir mittlerweile erfüllen. Heute besitze ich zum Beispiel über 200 Hüte.

Schwarz wird oft mit Negativem verbunden – schwarze Schafe, illegale Machenschaften zum Beispiel.

De Carouge: Hören Sie auf mit solchen Zuweisungen. Schwarz ist traurig! Schwarz ist böse! Das ist es eben alles nicht. Ich habe in den 80er-Jahren sogar schwarze Brautkleider gemacht.

Sie selber haben 1963 in Weiss geheiratet.

De Carouge: Ich sah aus wie Audrey Hepburn in «Breakfast at Tiffany’s». Aber ich fühlte mich nicht wohl in Weiss, schon damals nicht. Es passte einfach nicht, auch diese Ehe war nicht das Richtige. Beruflich hat es mit diesem Mann gut funktioniert. Er hat mich zur Mode gebracht. Aber die wahre Liebe habe ich erst mit 65 kennengelernt, als ich nach 13 Jahren Singledasein gar nicht mehr daran glaubte.

Apropos Liebe: Man sagt, die Frau soll beim ersten Date Rot tragen, weil das die Hormone in Wallung bringe.

La Lupa: Rot ist die Farbe der Leidenschaft, das stimmt. Aber wenn ein Mann das braucht, um die Liebe zu entfachen: Madonna! Dann ist er wirklich nichts wert.
De Carouge: Rot wie die Liebe. Grün wie die Hoffnung. Schwarz wie der Tod. Ich kanns nicht mehr hören! Jeder sollte selbst entscheiden, was eine Farbe für ihn bedeutet. Farben wurden im Lauf der Geschichte auch immer wieder instrumentalisiert. Etwa Braun in der Uniform der Nationalsozialisten.
La Lupa: Dabei ist Braun so eine schöne Farbe. Man muss sich dagegen wehren und diesen missbrauchten Farben eine neue Bedeutung zuweisen.

Was bedeutet Schwarz für Sie?

La Lupa: Schwarz ist, wenn alle Farben fehlen. Wenn kein Licht vorhanden ist – so wie in der Tiefe des Universums.
De Carouge: Schwarz ist nobel, elegant, edel – und konstruktiv. Es unterstreicht die Form und bringt sie zur Geltung. Menschen, die Schwarz tragen, wirken stärker. Ihre Falten und Furchen kommen besser zur Geltung. Schwarz wirkt dabei aber nicht hart, sondern macht schön. Auf meiner ersten Italienreise war ich so fasziniert von den Witwen in Sizilien, alle in Schwarz, mit ihren zerfurchten, ausdrucksstarken Gesichtern.

Verpflichtet Schwarz auch?

De Carouge: Mich verpflichtet nichts. Wenn ich Lust hätte, morgen in Weiss herumzulaufen, dann tue ich das. Aber ich habe keine Lust dazu. Das wird nicht passieren.

La Lupa, in der «Schweizer Illustrierten» sagten Sie einmal, dass Sie «eine extreme Abneigung gegen all diese schwarz gekleideten Typen» haben.

(Beide lachen schallend) La Lupa: Typen, genau! Ich sagte nicht Typinnen. Wahrscheinlich sind mir damals diese schwarz gekleideten Herren, die sich so wichtig nehmen, auf den Wecker gegangen.

Christa de Carouge, Sie wollten La Lupa einst zum Schwarz bekehren.

De Carouge: Ich fand damals, sie müsse jetzt auch so rumlaufen. Auch weil Schwarz ihre orangen Haare noch besser zur Geltung bringen würde.
La Lupa: Später ist sie sogar über ihren Schatten gesprungen und hat mir eine farbige Kombination gemacht. Eine Hose in Aubergine, eine Bluse in Orange, ein Tuch in Rot und dazu noch einen bunten Mantel – ein echter Freundschaftsdienst.

La Lupa, Sie haben sich für Ihr Programm «Colori – i canti del mondo» intensiv mit der Bedeutung der Farben auseinandergesetzt. Teilen Sie die Meinung, dass jeder selber entscheiden sollte, was eine Farbe zu bedeuten hat?

La Lupa: In meinem Programm hat jede Farbe eine eigene Bedeutung. Nur beim Gelb ist es nicht eindeutig. Gelb ist sowohl die Farbe des Neids als auch der Intelligenz.

Wie klingen Farben?

La Lupa: Farben sind Energien, Wellen. Ich habe das Programm nach den sieben Farben des Regenbogens gestaltet, von Rot bis Violett. Für jede Farbe habe ich ein Lied gewählt: für Rot ein Liebeslied, für Grün ein Frühlingslied und für Violett ein Lied, das sich nach innen richtet.

Haben Sie eigentlich eine Lieblingsfarbe?

La Lupa: Ich habe alle Farben gern. Wenn ich eine als Lieblingsfarbe nennen muss, dann ist es Purpur, die Farbe der Transformation, die Farbe des siebten und höchsten Chakras. Lange war Violett auch die Farbe der Macht. In der Antike konnte man Violett ausschliesslich aus dem Pigment der Purpurschnecke gewinnen. Man benötigte 250 000 Tiere, um 40 Gramm Farbe zu erhalten. Das machte die Farbe zu einem den Königen vorbehaltenen Statussymbol.

Wir dachten, es wäre vielleicht Orange, wegen Ihrer Haare?

La Lupa: Meine Haare waren echt orange – mit Betonung auf waren. Heute muss ich sie färben. Aber natürlich mag ich diese Farbe. Orange ist die Farbe der Freude und des Festes. Es ist eine sehr menschenfreundliche Farbe. Das weiss wohl auch die Migros und hat darum Orange in ihrem Logo.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen beiden ist die Liebe zu wallenden Gewändern.

De Carouge: Vor allem die Falten darin gefallen mir. Sie erinnern mich an die Gemälde der Renaissance.
La Lupa: Wir haben auch eine ähnliche Einstellung: die Liebe zur Einfachheit und Schönheit.

Ihre Kleider wirken aber eher üppig.

La Lupa: Ich sehe das als einfach. Und Christa weiss genau, was ich meine, wenn ich einfach sage.
De Carouge: Die Reduktion auf einfache Schnitte und hochwertige Stoffe. Der Schnitt ist nicht kompliziert. Es ist nichts zu viel.
La Lupa: Nach indischen Massstäben zum Beispiel sind meine Farben nicht zu viel.
Die Norm ist immer abhängig von der Perspektive und der Umgebung.
De Carouge: Darum ist Reisen auch so wichtig. 1984 ging ich nach Japan. Ich interessierte mich für den Zen-Buddhismus und wollte alles darüber in Erfahrung bringen. Ich verbrachte viel Zeit in einem Kloster, lebte unter Mönchen und liess mir ihre Rituale zeigen. Später folgten Reisen nach Nepal und Tibet.

Sie sind aber nicht zum Buddhismus konvertiert.

De Carouge: Nein, nein. Ich bin nichts mehr. Ich bin ich (lacht).
La Lupa: Im Gegensatz zu Christa bin ich keine Atheistin. Ich glaube, echte Atheisten sind eher selten. Jeder glaubt an irgendetwas.
De Carouge: Stimmt. Ich glaube an euch,
an die Menschen und an die Natur.

Autor: Andrea Freiermuth, Anne-Sophie Keller

Fotograf: Dan Cermak