Archiv
04. August 2014

Kutsche mit 30 Minuten Verspätung

Unser Alltag im Jahr 1914: Kutschenfahren, Liebesbriefe und viel Bier. Rechts finden Sie das Interview mit Geschichtsprofessor Jakob Tanner und die grosse Infografik zum Vergleich zwischen 1914 und 2014 («1914 versus 2014»).

Die Arbeit in den Fabriken war 1914 sehr hart und beschwerlich.
Die Arbeit in den Fabriken war 1914 sehr hart und beschwerlich.

Walter regt sich schon wieder fürchterlich auf. «Jetzt ist in dieser Postkutsche nach Bern schon wieder kein Sitzplatz mehr frei und ich muss mich schon wieder zwischen zwei stinkende Arbeiter klemmen!» Zwar fahren schon diese modernen Züge mit mehr Platz in der Schweiz herum, aber noch nicht auf der benötigten Strecke. Mit dem Velo könnte Walter zwar auch zur Büez fahren, aber nach über zehn Stunden in der Fabrik will er sich auf der Heimreise lieber ausruhen und etwas lesen.

Nein, keine Zeitung. Das ist ihm zu anstrengend und über den schrecklichen Weltkrieg rings um die Schweiz will der 19-Jährige sowieso nichts wissen. Viel lieber schaut er sich zum zwanzigsten Mal die Liebesbriefe seiner neuen Freundin durch, die er immer in einer schönen Ledermappe mit sich herumträgt. Im letzten hat sie ihm sogar versprochen, ein Porträt von sich zu zeichnen. Darin sei sie besonders gut.

Heute hat Walter besonders viel Zeit, sich seiner Post zu widmen. Seine Kutsche hält plötzlich an, weil eines der Pferde ein Hufeisen verloren hat und neu beschlagen werden muss. «Heilandtonner, schon wieder eine halbe Stunde Verspätung!», ärgert sich Walter. Das passiert regelmässig, zum Beispiel wenn eine vorausfahrende Kutsche den Weg versperrt, eine Tür klemmt oder das Gefährt mal wieder einen Passanten überrollt hat.

Doch noch zu Hause angekommen steht schon das Essen bereit. «Muetter, schon wieder kein Fleisch heute?», weint Walter. Sie antwortet, dass das halt teuer sei und so schon fast die Hälfte des ganzen Geldes in Nahrungsmittel fliesse. Und sonst solle er halt weniger Bier saufen oder endlich mal mit dem Drahtesel nach Bern fahren, statt ständig diesen teuren ÖV zu nehmen. Und das will Walter dann doch wieder nicht, und isst schweigend den Haferbrei weiter.

Aus dem Radio blechern noch die neusten Nachrichten vom Tag, die Walter vor dem Zubettgehen widerwillig anhört, um doch noch etwas Zeit mit der Familie zu verbringen. Viel mehr bleibt ihm nicht: 1914 muss Walter 59 Stunden pro Woche arbeiten und wird dafür mit etwa 50 Rappen pro Stunde entlöhnt. Obwohl er mit diesem Einkommen im europäischen Vergleich zur Spitze gehört, liegen keine Ferien drin.

Und trotzdem ist Walter mit seinem Leben zufrieden, obwohl seine Kaufkraft und seine Lebenserwartung viel tiefer sind als im Jahr 2014. Es fehlt ihm an nichts. Und zwar weil er die Welt, in der wir heute leben, nie kennenlernen wird. Menschen vermissen nämlich nur das, was sie einmal hatten – und nicht das, was sie nie haben werden.

Erinnern auch Sie sich an Erzählungen von Eltern und Grosseltern aus dem Arbeitsalltag vor über 100 Jahren? Erzählen Sie sie uns als Kommentar unten auf der Seite und schicken Sie, falls vorhanden, Fotos per E-Mail .

Autor: Reto Vogt