Archiv
24. Juni 2013

Kurzfilm «Radio-aktiv»: Mut zum Wahnsinn

Am Filmfestival von Locarno kürte die Jury den Film «Radio-aktiv» des Neuenburgers Nathan Hofstetter zum besten Schweizer Kurzfilm. Ein ergreifendes Dokument über das Abgleiten des 23-Jährigen in den Wahnsinn.

Nathan Hofstetter mit dem Filmpreis
Nathan Hofstetter litt an Wahnvorstellungen, glaubte, radioaktiv zu sein. Sein Kurzfilm gewann in Locarno einen Kleinen Leoparden.

Nathan Hofstetter steht alleine vor der Kamera und beschreibt in exakt 27 Minuten seinen schwindelerregenden Absturz in die Irrationalität, in den Wahnsinn. Der heute 23-jährige Mann liest Auszüge vor aus seinem Tagebuch, das er in einer psychiatrischen Klinik geschrieben hatte. Er hat etwas Sanftes, Zerbrechliches und Unschuldiges an sich.

Nathan Hofstetters Kurzfilm Radio-Actif
Nathan Hofstetters Kurzfilm Radio-Actif

AUSSERDEM ZUM THEMA
In Nathans Welt eintauchen: Ein kurzer Ausschnitt aus Nathan Hofstetters preisgekröntem Kurzfilm «Radio-aktiv»: Zum Video

Mit seinem berührenden filmischen Bekenntnis erhielt er 2012 am Filmfestival von Locarno den Pardino d’oro, Kleinen Leoparden in Gold, für den besten Schweizer Kurzfilm. Gerechnet hat er damit nicht: «Ich war überrascht und glücklich.» Mit dem Film «Radio-aktiv» schloss der ehemalige Student der Kantonalen Kunstschule Lausanne (ECAL) sein Bachelorstudium im Fach Film erfolgreich ab.

Ausserhalb des Filmsets, in seiner bescheidenen Wohnung, ist der Neuenburger Regisseur ganz er selbst: introvertiert, sensibel und hektisch. Er zündet sich eine von vielen Zigaretten eines Tages an: «Ich rauche ein Päckli.»

Er erklärt in seinem Film, dass er versuche, sich in allem Grenzen zu setzen und innerhalb dieser zu bleiben. Sein Bart, der bei den Filmaufnahmen erst ansatzweise zu sehen war, verdeckt mittlerweile die untere Hälfte seines Gesichts, seine Hypersensibilität lässt sich dadurch jedoch nicht verbergen.

Die Psychiater fanden diesen Film keine gute Idee.

Auf die Frage, über seine jüngste Vergangenheit zu erzählen, verändert sich sein Blick. So als müsste er erst in seinem tiefsten Inneren nach dem roten Faden suchen, um diese zwangsläufig verworrene Episode genau und detailliert schildern zu können. «Ich versuche meine chaotischen Erinnerungen zu ordnen», entschuldigt er sich. Der Zigarettenstummel landet in einem randvollen Aschenbecher.

«Als Kind und Jugendlicher war ich wie alle anderen. Angefangen hatten meine Probleme im Oktober 2010, als ich mir beide Fersen gebrochen hatte.» Nach einem feuchtfröhlichen Abend stürzt er von einem Balkon. «Danach haben meine Depressionen begonnen.» Er kann sich nicht mehr auf seine Arbeit an der Kunstschule konzentrieren und verpasst den Termin für die Abgabe eines Drehbuchs, ohne die er nicht weiterstudieren konnte. «Ich hatte eine psychische Blockade.»

Eines Tages hört er auf, seine Medikamente zu nehmen

Sein Professor rät ihm, als Kameraassistent zu arbeiten. Vorerst an zwei Filmen. «Das war der Beginn einer euphorischen Phase, in der ich wie besessen arbeitete und wenig schlief.» Im Frühjahr 2011 klappte dann plötzlich ein Schalter in ihm um. Inmitten der Dreharbeiten ist er überzeugt, dass im Aufnahmegerät eine Bombe versteckt ist. Er wendet sich an den Toningenieur und verlangt von ihm, dass er den, wie er meint, höllischen Sprengkörper, entschärft. Das bringt ihn zum ersten Mal in Kontakt mit der Psychiatrie.

Nathan wird ambulant behandelt und begreift nicht wirklich, was mit ihm passiert: «Wie soll man sich zurechtfinden, wenn die Wahnvorstellung zur Realität wird?» Bald einmal beginnt er, eigenmächtig die Medikamente abzusetzen und driftet wieder ab in eine psychische Störung.

Durch sein überaktives Gehirn hat er Wahnvorstellungen und Halluzinationen: Er glaubt, radioaktiv zu sein, ist überzeugt, dass der Fernseher zu ihm spricht, und hält sich abwechselnd für einen Terroristen, einen Reporter und einen Gesandten Jesu: «Ich empfand eine Riesenangst und hatte das Gefühl, dass mein Kopf explodieren würde.»

Es folgt erneut eine Einweisung in die Psychiatrie. Diesmal für drei Monate. Die Diagnose lautet: Akute psychotische Störung. Das bringt ihn jedoch nicht aus der Fassung. «Ich hatte mich mit der Vorstellung abgefunden, dass ich den Verstand verloren hatte und verrückt geworden war.» Im Sommer 2011 wird er in ein psychiatrisches Rehabilitationszentrum überwiesen. Dort soll er während elf Monaten auf die Rückkehr ins normale Leben vorbereitet werden. Und diese Zeit nutzt er, um den Film «Radio-aktiv» zu drehen.

Für den Film kehrte er nochmals zu seinen Wahnvorstellungen zurück

«Die Psychiater hielten diesen Film für keine gute Idee. Sie fürchteten, dass ich damit die falsche Richtung einschlagen und scheitern könnte.» Nathan Hofstetter ignoriert die Warnungen und lässt sich auf das Abenteuer ein — mit der Unterstützung von Natalia, einer seiner Studienkolleginnen. «Einmal las ich ihr die letzte Seite meines Tagebuchs vor, als sie sagte: ‹Warte, ich will dich dabei filmen.› So fing das ganz spontan an.»

Nathan kehrte noch einmal zurück zu seinen Wahnvorstellungen, um sie zu verewigen für sein filmisches Selbstporträt. «Selbst wenn ich mir dessen nicht bewusst war, war dieser Kurzfilm auch eine Art Psychotherapie und hat mir wirklich gutgetan», ist er überzeugt.

Heute ist Nathan wieder zu Hause und geht in eine Tagesklinik um sich zu verpflegen und therapeutischen Aktivitäten nachzugehen. Er lächelt schüchtern, sichtlich erleichtert darüber, dass er eine Phase der Ruhe, Stabilität und Besserung erlebt. «Ich hoffe, früher oder später ohne psychiatrische Hilfe auszukommen und weiterhin in der Filmbranche arbeiten zu können.»

Autor: Alain Portner