Archiv
09. Februar 2015

«Ich fliege immer nur mit Handgepäck»

Aviatik-Experte Kurt Hofmann über die besten Airlines, das Ende des Check-in-Schalters und den angeschlagenen Ruf der deutschen Luftfahrtbranche. Weitere Interview-Teile zur Sicherheit, den besten und schlimmsten Flughäfen oder der Zukunft der Luftfahrt finden Sie rechts («Flüssigkeitsregel ist Schwachsinn»).

Aviatikexperte Kurt Hofmann
Der Aviatik-Journalist Kurt Hofmann weiss alles über die Fliegerei.

Wird der neue Berliner Flughafen je fertig?

Irgendwann bestimmt. Böse Zungen sagen allerdings, dass der nächste Termin in der zweiten Hälfte 2017 schon wieder nicht eingehalten werden kann. Und in Berlin freuen sich viele, dass Tegel noch existiert, weil er mitten in der Stadt liegt und kurze Wege bietet.

Warum können die Deutschen keine Flughäfen mehr bauen? Hätte man die Chinesen rangelassen, würde der doch schon seit 2010 problemlos funktionieren.

Die Politik hat geglaubt, sie könnte es genauso gut und billiger machen, wenn sie die Fäden in der Hand hält – sprich der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Stattdessen fand eine ungeheure Schlamperei statt. Für das Image von Deutschland ist das nicht gut, hinzu kommen die vielen Streiks bei der Lufthansa und der Deutschen Bahn.

Wieso gibt es Flughäfen, an denen man ewig aufs Gepäck warten muss, und solche, wo es meist recht zügig geht? Sind die Gepäcksysteme so unterschiedlich konzipiert, oder liegt das an den Leuten, die dort arbeiten?

Ich fliege nur mit Handgepäck, auch wenn ich zwei Wochen nach Australien reise. Generell sind Gepäcksysteme unheimlich komplex, sie erstrecken sich unterirdisch oft über Kilometer, und sie sind sehr teuer. Wunderwerke der Technik eigentlich. Und da gibt es halt Flughäfen, die machen das besser als andere. Immerhin gehen immer weniger Koffer verloren.

Letztlich glaube ich nicht, dass es viele Leute gibt, die aus ökologischen Gründen irgendwo nicht hinreisen, wo sie hin möchten.

Machen Sie eine CO2-Kompensation für Ihre vielen Flüge?

Nein. Ich vertraue darauf, dass die Flugzeuge immer effizienter werden.

Ist die CO2-Kompensation überhaupt mehr als ein Feigenblatt? Erlaubt es nicht einfach nur, ohne schlechtes Gewissen weiterzufliegen wie bisher?

Damit habe ich mich zu wenig auseinandergesetzt, muss ich zugeben. Letztlich glaube ich nicht, dass es viele Leute gibt, die aus ökologischen Gründen irgendwo nicht hinreisen, wo sie hin möchten. Klar existieren die, aber einen grossen Einfluss hat das nicht.

Wie lange wird der A380 noch produziert?

Noch lange. Die Boeing 747 hat sich zu Beginn auch jahrelang schlecht verkauft und wurde später zum Renner. Airbus hat viel zu viel Geld in die Entwicklung des A380 investiert, um jetzt das Handtuch zu werfen. Im Moment setzen die Airlines einfach eher auf Maschinen mit Kapazität für 250 bis 300 Passagiere, deshalb harzt es beim A380. Aber da müssen sie durch. In ein paar Jahren wird es die ersten Second-Hand-A380 geben, die leisten sich dann vielleicht schon mehr Airlines. Die Emirates verdienen jedenfalls Geld damit, sagen sie. Sogar auf Strecken, wo sie das nicht erwartet hätten.

Wann verschwinden die Check-in-Agents endgültig? Jetzt braucht es sie ja nur noch, um Baggage Tags an die Koffer zu hängen ... das lässt sich doch sicher auch noch an den Fluggast auslagern, oder?

So ist es. Der Weltluftverband IATA will den Check-in-Schalter komplett abschaffen, aber es wird wohl noch ein paar Jahre dauern. Schon jetzt gibt es Airlines, bei denen man online nicht nur die Bordkarte, sondern auch den Bag Tag ausdruckt, etwa Iberia.

Mir ist wichtig, dass ich eine schnelle Schlange beim Check-in und der Security habe sowie Zugang zur Lounge.

Was bringen Vielfliegerprogramme dem Passagier? Immer wenn ich Meilen einlösen will, gibt es irgendeinen Grund, weshalb es gerade nicht geht.

Je nachdem, wie man Meilen einsetzen will, ist das eine oder andere Programm besser, das ist sehr individuell. Ich bin mit Miles and More von der Lufthansa ganz zufrieden. Mir ist wichtig, dass ich eine schnelle Schlange beim Check-in und der Security habe sowie Zugang zur Lounge. Generell kann man sagen: Es ist leichter, Meilen für Flüge an Orte einzusetzen, die touristisch nicht so interessant sind. Mit Meilen nach London oder Rom fliegen zu wollen, ist schwierig, da diese Maschinen fast immer gut gebucht sind. Tatsächlich haben viele Airlines das Problem, dass ihre Kunden massenhaft Meilen angesammelt haben, die sich nur schwer abbauen lassen.

Verdienen die Airlines ihr Geld wirklich primär mit Business- und First-Passagieren?

Unterschiedlich. Für viele Airlines sind die Kurzstrecken in Europa ein Verlustgeschäft. Geld verdienen sie mit der Langstrecke, und teils durchaus auch in der Economy. Trotzdem braucht es die Kurzstrecke als Zubringer, um die Langstreckenflüge zu füllen. Generell ist es sehr schwierig, mit der Fliegerei Geld zu verdienen – einigen gelingt es dennoch in allen Klassen, etwa der Turkish.

Wie bekämpft man Flugangst am besten?

Es gibt gute Flugangstseminare. Aber nicht jeder schafft es, sich von der Angst zu befreien. Es hilft sicher, wenn man mit Leuten aus der Luftfahrt redet und möglichst gut versteht, wie das Fliegen und die Abläufe funktionieren und wie wenig passiert im Verhältnis zur Passagierzahl. Einige Airlines verabreichen Bachblütentropfen in Bonbons oder Flüssigkeit, das hilft offenbar.

Ist der Jetlag in eine Richtung schwieriger zu bewältigen als in die andere?

Das ist bei jedem anders. Ich tue mich immer schwer, wenn ich von Europa her an der US-Westküste ankomme. Sonst habe ich kaum je Probleme. Es hilft, wenn man sich sofort an die neue Zeitzone anzupassen versucht. Und wenn man Business Class fliegt und gut schlafen kann.

Welche Airline bietet in der Economy die besten, bequemsten Sitze?

Qatar Airways A350, Oman Air A330, Turkish Airlines B777 ist auch okay.

Welche hat die unbequemsten?

Cebu Pacific A330 nach Manila ist extrem eng bestuhlt. Viele andere US-Airlines sind ebenfalls kein Vergnügen.

Das beste Essen in der Ecnomoy gibt es bei Turkish, Qatar, Emirates, Singapore Airlines und Air New Zealand.

Bei wem gibt es das beste Essen in der Economy?

Turkish, Qatar, Emirates, Singapore Airlines, Air New Zealand. Aber es kommt ein bisschen drauf an, welches Catering zuständig ist. Air France und Lufthansa investieren derzeit viel, um ihr Catering zu verbessern.

Wo verzichtet man lieber auf Nahrungsaufnahme?

Früher bei United und bei der alten Air India – das war ungeniessbar. Bestimmt gibt es auch heute noch solche Fälle, aber es ist mir schon länger nicht mehr begegnet.

Seit Kurzem darf man Smartphone und Tablet auch bei Start und Landung nutzen, wenn man sie in den Flugmodus stellt. Bestand je eine ernsthafte Gefahr?

In den letzten fünf bis zehn Jahren nicht. Vielleicht früher mal.

Wie schlimm ist es, wenn man den Flugmodus mal vergisst?

Überhaupt nicht. Die meisten lassen ihr Handy eh angeschaltet. Aber der Akku entleert sich schneller, weil das Gerät erfolglos einen Sender sucht.

Wieso gibt es Airlines, die 300 Spielfilme bieten und andere mit kaum 30?

Daran sieht man, wer Geld hat und wer nicht. Filme sind teuer. Auch hier haben die Asiaten und der Nahe Osten die Nase vorn.

Kurt Hofmann weiss, was Airlines tun könnten, um den Passagieren mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.
Kurt Hofmann weiss, was Airlines tun könnten, um den Passagieren mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.

Obwohl das Rauchen seit Ewigkeiten verboten ist, wird es immer noch gebetsmühlenartig in der Ansage betont. Ebenso wird immer brav erklärt, wie man den ja nun nicht sonderlich komplexen Sicherheitsgurt schliesst. Sind Flugzeugpassagiere wirklich so dämlich?

Es könnte ja immer wieder Passagiere an Bord haben, die nicht viel fliegen und nicht so genau Bescheid wissen. Die Sicherheitsregeln schreiben dieses Prozedere vor. Viele schauen natürlich längst nicht mehr hin. Spannend sind derzeit die E-Zigaretten, für die gibt es noch keinen Standard, das handhabt jede Airline anders.

Gibt es noch Airlines, in denen man wie früher Nichtraucher und Raucher buchen kann?

In Teilen Afrikas vermutlich. Vor dem Arabischen Frühling bin ich mal nach Libyen geflogen, da wurde ganz selbstverständlich geraucht. Aber jede vernünftige Airline der Welt verbietet es.

Generell scheinen Flugzeuge heute voller als früher. Wie haben die Airlines das erreicht?

Sie haben Flüge gestrichen und von den Billigfluglinien gelernt, obwohl sie die zuvor jahrelang nicht ernst genommen haben. Gerade bei der Preisgestaltung nähern die beiden Segmente sich mehr und mehr an. Die Tarife ändern sich x-mal am Tag, um die Auslastung der Maschinen möglichst effizient zu steuern. Und auch bei den Premium Airlines wie der Swiss wird man in einigen Jahren für mehr Dinge an Bord extra zahlen müssen als heute.

Wo sehen Sie noch weitere Möglichkeiten, den Passagieren Geld aus der Tasche zu ziehen?

Da gibt es jede Menge: Zeitungsverkauf, schnellere Schlangen, Zugang zur Lounge, Service an Bord. Es gibt aber auch Airlines wie Turkish, Qatar oder Emirates, die sagen, dass es so was bei ihnen nie geben wird. Sie haben eine andere Philosophie, wollen ihre Kunden mit gutem Service überraschen und können sich das auch leisten. Damit können sie treue Kunden gewinnen.

Kürzlich hat ein Ehepaar auf Hochzeitsreise derart heftig tätlich gestritten, dass das Flugzeug notfallmässig zwischenlanden musste.

Immer wieder gibt es Passagiere an Bord, die ausflippen und gar Zwischenlandungen verursachen. Welche sind die Hauptgründe?

Es gibt immer mehr solche Zwischenfälle, weil immer mehr Leute fliegen. Also hat man auch mehr an Bord, die Probleme haben mit Drogen oder Alkohol. Viele versuchen, damit ihre Flugangst zu bekämpfen. Auch die medizinischen Notfälle nehmen zu, weil mehr ältere Leute fliegen als früher. Das beengte Sitzen trägt natürlich auch nicht zur Entspannung bei. Kürzlich hat ein Ehepaar auf Hochzeitsreise derart heftig tätlich gestritten, dass das Flugzeug notfallmässig zwischenlanden musste. Laut der IATA gab es zwischen 2007 und 2013 über 28’000 solche Zwischenfälle.

Gibt es Länder mit besonders schwierigen Passagieren?

Laut Flugbegleitern sind die unangenehmsten Flüge jene nach Indien. Dort gibt es speziell in der Economy offenbar besonders viele rüde Passagiere, gerade auch gegenüber Frauen. Auch Flüge nach Nigeria sind wohl schwierig.

Haben Sie eine Lieblings-Airline?

Mehrere. Bei Iceland Air fasziniert mich das Geschäftsmodell. Die sitzen in Island und machen trotz der Überkapazitäten auf der Atlantikroute ein tolles Geschäft mit dem Umsteigeverkehr zwischen den USA und Europa. Vom Service her Singapore Airlines, Qatar Airways oder die chilenische LAN. Und Turkish Airlines beeindruckt mich wegen ihres Wachstums. Vor 15 Jahren hätte denen niemand so was zugetraut, heute sind sie eine der zehn grössten der Welt. Auch in der Business Class von Swiss oder AUA fliege ich gern. Mein Vertrauen in Lufthansa ist aufgrund der Streiks leider etwas angeschlagen. Und der nächste kommt bestimmt.

Mit welchen Airlines würden Sie nicht nochmals fliegen?

Air China. Damals waren sie sehr unfreundlich, das Flugzeug war schmutzig, das Essen elend. Aber auch die sind inzwischen moderner geworden, und vielleicht müsste man ihnen nochmals eine Chance geben.

Ich kann auch recht nachtragend sein. Und wenns dann nochmals schiefgeht, wars das.

Tun Sie das in der Regel?

Eigentlich schon. Aber ich kann auch recht nachtragend sein. Und wenns dann nochmals schiefgeht, wars das. Mit Ryanair fliege ich nicht mehr, ausser wenn es gar nicht anders geht.

Welche Namen werden überleben, welche wegfusioniert oder übernommen?

Seit Jahren warten wir auf die grosse Konsolidierung, aber es geht erstaunlich langsam voran. Viele kleinere Airlines in Europa werden verschwinden, bleiben werden Lufthansa, British und Air France. Auch Swiss, solange sie Geld verdient. Es wäre unklug, eine so starke Marke aufzugeben, aber es muss sich rechnen.

Fotograf: Samuel Trümpy