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06. Januar 2014

«Kunst spricht eine universelle Sprache»

Mitte Januar findet die «Art Stage Singapore» statt. Gründer der Kunstmesse ist der Schweizer Lorenzo Rudolf. Der einstige Direktor der Art Basel erklärt, was gute Kunst ausmacht und wie stark die Kunstwelt vom Markt dominiert wird.

Lorenzo Rudolf Porträtbild
Lorenzo Rudolf ist Gründer der Kunstmesse «Art Stage Singapore».

Lorenzo Rudolf, wie sieht Ihr Zuhause in Lugano aus? Ist es voll von Kunst?

Wir haben ein Haus mit einem grossen Garten und vielen mediterranen Pflanzen. Meine Frau Maria Elena, die mich seit jeher unterstützt und auch im Job mein wichtigster Partner ist, und ich sind keine wirklichen Kunstsammler. Sammler haben ein klares Konzept, und um richtig zu sammeln, braucht es auch eine gewisse Distanz. Wir kaufen aber von Zeit zu Zeit, was uns gefällt.

Was gefällt Ihnen?

Was uns anspricht und auch was uns intellektuell oder emotional überzeugt. Zuletzt kauften wir eine Skulptur eines jungen indonesischen Künstlers. Die Arbeit hat uns beide tief berührt. Zwei Drittel der Kunst, die wir Zuhause haben, stammt aus dem Westen, von Europa bis Südamerika. Ein Drittel kommt aus Asien.

Lorenzo Rudolf, Gründer der Kunstmesse «Art Stage Singapore»
Lorenzo Rudolf, Gründer der Kunstmesse «Art Stage Singapore»

Wie spüren Sie Trends auf?

Mit Reisen, Reisen und Reisen. Ich habe dabei das Riesenglück, dass Maria Elena mich oft begleitet. Sie teilt meine Neugierde. Gerade in Asien haben wir heute überall junge und wachsende spannende Kunstszenen. Noch vor 20 Jahren mussten Künstler aus Asien ihre Länder oft verlassen und nach London, Paris oder New York ziehen. Dank des Wirtschaftsbooms in Asien, verbunden mit der sozialen Liberalisierung, bleiben und arbeiten die Künstler nun vor Ort.

Woran erkennen Sie, ob ein Künstler Potenzial hat?

Ganz subjektiv. Entweder gefällt mir seine Kunst oder nicht. Je mehr ich reise, sehe und vergleiche, desto besser wird mein Gefühl. Klar ist es nicht so, dass alles, was mir gefällt, in zehn Jahren in den Museen hängt. Aber je grösser die Erfahrung, desto eher erkenne ich Qualität.

Was würden Sie uns empfehlen, wenn wir investieren wollten?

Ich würde nicht aus finanziellen Gründen in Kunst investieren, sondern vor allem aus persönlichen. Klar kann Kunst ein Markt sein, der hohe Renditen abwirft, wenn man richtig kauft. Dies schafft man aber nur mit sehr viel Wissen, sehr viel Geld und sehr viel Glück.

Hat die Finanzkrise vor vier Jahren dem Boom ein Ende gesetzt?

Dies haben wir zunächst alle befürchtet. Aber auf den Auktionen wurden in den vergangenen vier Jahren weiterhin Rekordpreise erzielt. Insofern hat die Krise bloss selektioniert. Im Luxussegment funktioniert der Kunstmarkt nach wie vor sehr gut. Eingebrochen ist hingegen das Mittelsegment.

Warum läuft es nach wie vor so gut?

Es gibt immer mehr Leute, die in die Kunst einsteigen. Dabei geht es gelegentlich nicht mehr nur um Kunst, sondern auch um Status. Man kauft sich ein Eintrittsticket in eine exklusive und schillernde Gesellschaft, in ein Netzwerk aus Kultur, Geld und Lifestyle. Das passiert oft mit viel Kapital, aber leider nicht immer mit ebenso viel Wissen.

L’art pour l’art hat nur sehr kurze Beine, genauso wie Kunst, die sich nur über ihren Preis definiert.

Als Messebetreiber profitieren Sie von neureichen Oligarchen, die ihr Geld unbedingt loswerden wollen.

L’art pour l’art hat nur sehr kurze Beine, genauso wie Kunst, die sich nur über ihren Preis definiert. Auf die Dauer sind eben auch Inhalte wichtig. Gehen diese verloren, werden sowohl die Kunst als auch der Kunstmarkt oberflächlich. Nachdem die Kunstwelt im letzten Jahrzehnt doch sehr stark vom Markt dominiert wurde, sehe ich Anzeichen eines Gegentrends, und diese kommen von den Künstlern selbst.

Aber Geld regiert die Welt.

Es gibt wenige Märkte, die so gering reguliert sind wie der Kunstmarkt – der Aktienmarkt sicher nicht.

Also sind Sammler auch Leute, die genug von den Aktienmärkten haben?

Solche gibt es sicher. Aber die weitaus grösste Gruppe sind begeisterte Kunstliebhaber. Zeitgenössische Kunst ist die Leitkultur unserer Zeit.

Warum hat gerade die Kunst diese Führungsrolle übernommen?

Eine globale Welt sucht eine globale Ausdrucksform. Kunst ist bildlich, ist unabhängig von all den unterschiedlichen Sprachen. Gute Kunst ist eine globale Sprache, die von allen verstanden werden kann.

Ist gute Kunst jene, die sich gut vermarkten lässt?

Als globale Sprache bringt sie dies mit sich. Aber zuerst muss gute Kunst einmalig sein, der starke Ausdruck eines Künstlers, der einen durch seine Einzigartigkeit intellektuell oder emotional berührt.

Fehlt aus der Sicht des Westens nicht gerade diese Einzigartigkeit in Asien?

Die asiatische Kunst kann so einzigartig sein wie die in Europa oder in Amerika. Zugegeben, chinesische Kunst hat in ihrer Boomzeit meistens westliche Klischees erfüllt. Sicher sind asiatische Kulturen generell weniger individualistisch geprägt als der Westen. Andererseits sind gute Künstler auch in Asien Individualisten. Wir bewegen uns heute, gerade auch im Westen, in einer Zeit, wo die Kunst so viele Segmente hat wie die Mode, angefangen bei der Haute Couture über Prêt-à-porter bis zu Marken wie Zara oder H&M. Und jedes dieser Segmente hat seinen Markt.

Ich war selber auch Künstler, bin aber bald zum Schluss gekommen: Es gibt Bessere.

Wie wirkt sich die Kunst in Asien auf den Alltag aus?

Die Kunstszenen und ihr Einfluss wachsen stetig. Die Kunst beobachtet und dokumentiert politische Situationen sowie ökonomische und soziale Veränderungen. Ein einzigartiges Beispiel ist Indonesien, wo die Oberschicht stark mit der zeitgenössischen Kunst verbunden ist. Es gibt dort nebst einer unwahrscheinlich grossen Künstlerszene auch eine eindrückliche Sammlerschaft. Dies geht zurück auf Sukarno, den ersten Präsidenten von Indonesien – und grössten Kunstsammler des Landes. Unter ihm hatten die Künstler einen ganz besonderen Stellenwert in der Gesellschaft.

Aber im Alltag der Indonesier spielt Kunst keine grosse Rolle.

Kunst und vor allem der Kunstmarkt sind ein typisches Phänomen der Ober-und Mittelschicht. Sehen Sie sich eine Kunstmesse wie die Art Basel an. Ist es dort anders? Die Käufer im Topsegment sind auch hier aus der Ober- und der gehobenen Mittelschicht. Ob das gut ist, ist eine andere Frage.

Es ist eine Geldfrage.

Zum Teil, ja. Gerade darum ist es wichtig, dass nicht nur der kommerzielle Aspekt berücksichtigt wird, sondern dass wir wieder über Inhalte diskutieren.

Worin unterscheidet sich der asiatische Kunstmarkt im Vergleich zum Westen?

Im Westen ist die zeitgenössische Szene eine offene Szene. Man geht nach Berlin, Paris, New York und sieht Kunst von überall. Es gibt keine nationalen Grenzen. Genauso verhält es sich mit den Sammlern: Ein westlicher Sammler ist in der Regel offen für die gesamte westliche Palette. In Asien hingegen ist alles fragmentiert in nationale Märkte. Der Chinese weiss nicht viel über die Philippinen, der Japaner kaum etwas über Indien. Da müssen wir Brücken schlagen, Szenen und Leute zusammenbringen und den Austausch und Dialog fördern. Das multikulturelle Singapur ist dafür ein idealer Standort.

Wo findet sich die Schweiz im asiatischen Kunstmarkt?

Überall. Die Messe in Hongkong gehört der Messe Schweiz. In Singapur sind wir präsent. Zudem ist vor allem in China die Geschichte der zeitgenössischen Kunstszene sehr stark durch Schweizer geprägt worden. Die erste und bis heute wichtigste Galerie in China ist Shangh Art von Lorenz Helbling. Der Erste, der nach China ging und mit Künstlern im Untergrund Kontakt aufgenommen hatte, war Marco Müller, der frühere Direktor des Filmfestivals Locarno. Gefolgt vom unvergesslichen Austellungsmacher Harald Szeemann, der die chinesische Kunst an der Biennale von Venedig ins internationale Rampenlicht gebracht hat. Nicht zu vergessen Ex-Botschafter Uli Sigg, der die weltweit grösste und bedeutendste Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst aufgebaut hat.

Lorenzo Rudolf, Gründer der Kunstmesse «Art Stage Singapore»
Lorenzo Rudolf, Gründer der Kunstmesse «Art Stage Singapore»
Lorenzo Rudolf, Gründer der Kunstmesse «Art Stage Singapore»
Lorenzo Rudolf, Gründer der Kunstmesse «Art Stage Singapore»

Profitiert man als Schweizer in der asiatischen Kunstszene von einem Vertrauensbonus?

Die Schweiz hat einen guten Ruf. Nicht nur, was die Kunst betrifft. Swissness, egal in welcher Branche, bedeutet Vertrauen. Das kommt einem entgegen.

Gibt es in Singapur auch rauschende Partys wie zu Beginn der Art Basel?

Eine Kunstmesse ist heute immer auch ein gesellschaftlicher Anlass. Daher gilt auch in Asien: Keine Kunstmesse ohne Party.

Warum sind die Events rund um die Messe so wichtig?

Viele Sammler kaufen heute auf Kunstmessen. Demzufolge machen auch viele Galerien einen Grossteil ihrer Umsätze an Messen. Kunstmessen sind die wichtigsten und konzentriertesten Plattformen und Treffpunkte der Kunstwelt und vor allem des Kunstmarkts. Die Dinners, Empfänge und Partys rund um die Messe sind wichtig für den Austausch.

Wie kommunizieren Sie über die kulturellen Grenzen hinweg?

Kunst spricht eine universelle Sprache. Missverständnisse gibt es eher beim Business. Jeder, der zum Beispiel nach China geht, muss zuerst mal lernen, wie ein Geschäft à la chinoise funktioniert. Zuerst muss eine Freundschaft aufgebaut werden, denn Geschäfte werden unter Freunden gemacht.

Im vergangenen Jahr zog die «Art Stage Singapore» 40'000 Besucher an. Wie viele erwarten Sie in diesem Jahr?

Mit 45'000 bin ich zufrieden. Wichtig ist nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität. Mir geht es nicht um Massen, lieber ist mir, wenn die richtigen Leute kommen – jene, die kaufen.

Sie haben Recht an der Uni Bern studiert und sind als PR-Manager ins Berufsleben eingestiegen. Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Kunst hat mich immer fasziniert. Ich war selber auch Künstler, habe gemalt und konnte auf lokaler Ebene ausstellen. Ich bin aber bald zum Schluss gekommen: Es gibt Bessere. Also habe ich dann versucht, meine verschiedenen Interessen in einer Tätigkeit zu vereinen.

Bei der Lancierung Ihrer Messe 2011 landeten Sie einen PR-Coup mit dem indonesischen Künstler Ronald Manullang, der einen schwangeren Hitler zeigte.

Das war keine Berechnung. Die Entscheidung, diesen Künstler und diese Arbeit zu zeigen, wurde von seiner Galerie getroffen. Als es dann in der Schweiz und vor allem in Deutschland zu einem grossen medialen Echo kam, liess ich es aber laufen. Bei so viel PR durfte ich mich ja wirklich nicht beklagen.

Wo gibt es Grenzen, die Kunst auch für PR-Zwecke nicht überschreiten sollte?

Sobald Kunst gewisse ethische Werte missachtet oder wenn sie verletzend wirkt. Aber das war bei Manullang nicht der Fall. In Deutschland löste er zwar eine Debatte über den Gebrauch des Diktators als Sinnbild aus. Aber schon in Frankreich oder England lachte man über das Bild. Zudem kenne ich den Künstler, ein eher schüchterner Typ. Der war sich gar nicht bewusst, was er mit seiner Hitler-Darstellung auslöste. Abgesehen davon ist es doch nur zu begrüssen, wenn Kunst zu Diskussionen anregt und nicht nur darüber geredet wird, wie gross oder wie teuer die Werke sind.

Autor: Reto Wild, Andrea Freiermuth

Fotograf: René Ruis