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25. November 2013

Ein Leben für die Bühne

In der Schweiz gibt es unzählige kleine Rockklubs und Theaterbühnen. Mit viel Herzblut schaffen die Betreiber darin ein wichtiges Stück heimische Kultur. Eine kleine Tournee durch die helvetischen Lokale.

Beat MC Anliker, Chef des Thuner Lokals Mokka.
«Musik hat etwas wahnsinnig Schönes – und Versöhnliches.» Beat MC Anliker, Chef des Thuner Lokals Mokka.

Klarer Fall, ein Club ist wie ein Kind», sagt Beat MC Anliker (56). Sein Kind heisst Café Bar Mokka. Seit 27 Jahren führt er das Konzertlokal in Thun BE, er arbeitet etwa 80 Stunden pro Woche, Pausen gibt es bei ihm nicht, Kranksein ebenso wenig. Zuständig ist er für alles. «Freizeit und Arbeit kann ich gar nicht trennen, das ist alles das Leben.» Er veranstaltet um die 160 Konzerte im Jahr und organisiert im Sommer das zweiwöchige Openair «Am Schluss» auf dem Thuner Mühlenplatz.

Hafenkneipe in Zürich (Bild: hafenkneipe.info).

DIE LIEBLINGSLOKALE

Mehr zum Thema: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Migros-Magazins stellen ihre liebsten Beizen, Bars und Clubs vor. Wo gehen Sie am liebsten hin? Sagen Sie es uns! Zum Artikel

Anliker ist eine Figur, die in Thun jedes Kind kennt. Er trägt sein graues Haar lang und offen, die Augen sind geschminkt. Im Winter geht er nur mit seiner auffälligen Pelzkappe aus dem Haus. So unverkennbar ist auch das Mokka selbst: Über dem Mischpult leuchten Girlanden aus Entchen, um die Säulen windet sich glitzerndes Lametta, Discokugeln drehen, in der Ecke thront E.T., auf dem Piano jagt ein Fuchs.

Während Anliker das Essen der Musiker vorbereitet, erzählt er, wie er als 29-jähriger Maurer per Zufall zum Mokka kam – damals noch ein Jugendtreff: Er baute das Haus um. Bald organisierte er auch Konzerte und war irgendwann derjenige, der die Verantwortung übernahm. Die erste Band, die im Mokka spielte, hiess Züri West. Sie spielen noch heute hier, andere Berner Grössen wie Patent Ochsner oder Stiller Has auch. Denn man hat zusammen angefangen, als Rockklubs noch verpönt waren und Langhaarige verdächtig.

Anliker engagiert nur, was ihm gefällt, und riskiert auch mal einen halbleeren Laden. Aber nicht zu oft: Trotz Subventionen muss der Thuner Zeremonienmeister immer dafür kämpfen, dass die Kasse stimmt. Zu viel ist es ihm nie: «Das hat mit Besessenheit zu tun – du machst dein Ding. Klar braucht es dafür einen Spinner mit masochistischer Ader.»

Eine Toblerone-Schoggi für jeden Musiker

Er hält auch nicht gerne mit seiner Meinung zurück, bellt auch mal ins Telefon, wenn ein Musiker ihn nervt, oder schüchtert Journalisten ein und setzt auf das Monatsprogramm gerne Sprüche wie diesen von Frank Zappa: «Die meisten Leute würden gute Musik auch dann nicht erkennen, wenn sie angekrochen käme und sie in den Arsch beissen würde.» Wenn er aber das Znacht für die Musiker vorbereitet, tut er das liebevoll und legt in jeden Teller eine Toblerone-Schoggi. «Musik hat etwas wahnsinnig Schönes – und Versöhnliches. Meine Highlights sind die schönen Abende hier und Menschen glücklich zu machen.»

Züri West im Mokka, am 4.12.2012.
Züri West im Mokka, am 4.12.2012.

CAFE BAR MOKKA, THUN

Kapazität: 230

Veranstaltungen: 160 pro Jahr

Hier spielten schon: Ween, Vive la Fête, Züri West, Patent Ochsner, Stiller Has, Baby Jail, Müslüm, Steff la Cheffe, Baze, Element of Crime, Fettes Brot, Freundeskreis, Gurd und The Young Gods.

www.mokka.ch

Um gute Musik und gute Menschen geht es auch bei Daniel «Duex» Fontana (47) in seinem Bad Bonn. Der Freiburger hat etwas Unmögliches geschafft: Er hat einen Club, der fernab der Welt inmitten von Wiesen und Feldern in einem ehemaligen Landgasthof bei Düdingen FR liegt, in ein bekanntes Musiklokal verwandelt. Fragten früher die Bands: «Where the hell is Bad Bonn?», wissen heute sogar Sonic Youth oder Cat Power, wo der Club liegt.

Fontanas Rezept: «Wir sind echt, ehrlich und nah bei den Leuten. Das spüren die Bands.» Rücksicht auf den Geschmack des Publikums nimmt er nicht. «Ich bin kompromisslos, mir sind die grossen Namen nicht das Wichtigste.» Er hatte aber immer ein gutes Gespür: Bei ihm spielten Bands wie Queens of the Stone Age oder The Prodigy, bevor sie die riesigen Bühnen rockten.

Angefangen hat er vor 21 Jahren, als er mit einem Kollegen das Wirtshaus und damit die alteingesessene, traditionelle «Bad Bonn Kilbi» übernahm: Statt Ländlerkapellen liessen sie Heavy-Metal-Bands aus der Gegend spielen und engagierten stets bessere Underground-Bands, die ihnen gefielen.

Rentabel war das lange Zeit nicht wirklich. Aufgeben kam nie in Frage. «Ich identifiziere mich zu 100 Prozent mit dem Bad Bonn», sagt Fontana in seinem heimeligen Freiburger Dialekt. Erst seit drei Jahren kommen er und sein Geschäftspartner ohne Nebenjobs durch. Sie finanzieren den Club grösstenteils selbst.

Die Töchter mögen «einen der besten Orte der Welt» nicht

Mittlerweile ist auch die Gemeinde stolz auf ihr Lokal, Konzertveranstalter grosser Festivals pilgern an die Bad Bonn Kilbi, um die Erfolgreichen von morgen zu entdecken, und pro Tag fragen um die 50 Bands an, ob sie hier spielen dürfen. «Es ist einer der besten Orte der Welt, auch ohne Musik», sagt Fontana. Bloss seine Töchter, beide junge Teenager, mögen ihn noch nicht: «Wenn sie auch nur etwas von meiner rebellischen Ader mitgekriegt haben, muss das so sein», sagt Fontana mit einem verschmitzten Lächeln.

Dieter Meier an der Bad Bonn Kilbi 2012.
Dieter Meier an der Bad Bonn Kilbi 2012.

BAD BONN, DÜDINGEN

Kapazität: 250 Zuschauer

Veranstaltungen: 80 Clubanlässe pro Jahr, dazu: Bad Bonn Kilbi im Sommer, Kilbi in Zürich im Dezember, Kilbi im Centre culturel suisse in Paris im Oktober 2013

Hier spielten schon: Queens of the Stone Age, Sonic Youth, Cat Power und The Prodigy.

www.badbonn.ch

Helsinki-Chef Tom Rist.
«Das Wichtigste am Ganzen ist das Team.» Helsinki-Chef Tom Rist.

Seit zwei Jahren organisiert er auch in Zürich ein Kilbi-Wochenende. Im Dezember 2012 spielten die Bands unter anderem im Helsinki, ebenfalls einer dieser Orte, der mit viel guter Kultur und Idealismus lebt. Inmitten grossstädtischer Unwirtlichkeit in einer ehemaligen Garage unter der Hardturmbrücke hat der Rheintaler Tom Rist 2004 seinen «Unterhaltungskutter» eröffnet. Die Getränkeliste ist an die Wand gepinselt, die Spirituosen stehen auf der Fensterbank, die Ecke beim DJ-Pult ist mit Flyern tapeziert, an den Türrahmen sind Setlisten gepinnt, auf dem Kühlschrank leuchtet eine farbige Lampe, davor tanzt ein Paar aus Pappe.

Tom Rist vom Helsinki mag keine Schubladisierungen

Die legendärste Band ist das Trio Aad Hollanders from Hell, das bis zur schweren Erkrankung des Bassisten Rienk über sieben Jahre lang jeden Sonntagabend spielte. Ab Ende Dezember steht es in neuer Besetzung wieder sonntäglich auf der Helsinki-Bühne – das war der Wunsch von Rienk. «Ursprünglich spielte jede Band viermal pro Jahr ein Konzert», sagt Tom Rist (47). «Die Musiker können sich ausprobieren und sich entwickeln.» Denn das ist es, was ihn am meisten interessiert: «Wie sich ein Künstler auf der Bühne inszeniert und entfaltet.» Und: «Das Wichtigste am Ganzen ist das Team: Ohne Team geht es nicht.»

Er spricht weder über Stil noch über bevorzugte Musikrichtungen, Schubladisierungen mag er schon gar nicht. Obwohl hier Künstler und Künstlerinnen wie Sophie Hunger ihre ersten wichtigen Bühnenerfahrungen sammelten und nach wie vor hier auftreten. So unprätentiös sich Rist gibt, Helsinki hat sogar die Aufmerksamkeit der städtischen Kulturbehörden auf sich gezogen. Sie verliehen ihm 2009 den Kulturförderpreis.

Er und sein Team machen weiter wie bis anhin, mit viel Eigensinn und Spass. «Schliesslich ist das Spielen, Träumen, Spinnen, auf Bäume klettern, das Umfallen, wieder Aufstehen und in die Marketingblase stechen die beste Energie!», sagt Rist, wenn man ihn fragt, warum er diesen Unterhaltungskutter führt. Er tut es, weil er es tun muss – wie alle Künstlerinnen und Künstler, die bei ihm auf der Bühne stehen.

Sophie Hunger im Helsinki, 3. 11. 2009.
Sophie Hunger im Helsinki, 3. 11. 2009.

HELSINKI, ZÜRICH

Zuschauer: 120

Veranstaltungen: 140 pro Jahr

Hier spielten schon: Admiral James T., Big Zis, Jacques Palminger, Sophie Hunger, Allschwil Posse, Danee Woo, Beat-Man und Palkomuski.

www.helsinkiklub.ch

Strahlende Kindergesichter sind der schönste Lohn

Caroline und Claude Rasser, Chefs des Theater Fauteuil in Basel.
Caroline und Claude Rasser, Chefs des Theater Fauteuil in Basel.

So geht es auch Caroline Rasser (42). «Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.» Zusammen mit ihrem Bruder Claude (39) führt sie das Theater Fauteuil in der Basler Altstadt. Es ist eine Institution: Kaum ein Basler Kind, das hier kein Märchen gesehen, hat, kaum ein Basler, der das fasnächtliche «Pfyfferli» nicht kennt. Ihr Vater Roland Rasser – Sohn von «HD-Läppli» Alfred Rasser – mietete diesen Altstadtkeller 1957 für seine Komödiantengruppe. Die erste Kabarett-Spielstätte der Schweiz war geboren. Caroline Rasser erzählt, wie sie von klein auf mit und im Theater aufgewachsen sind. Im «Tapferen Schneiderlein» hatten sie als Wildsau und Einhorn ihre Bühnenpremiere, später verdienten sie ihr Sackgeld an der Abendkasse und in der Garderobe.

1998 hat sie mit Claude die Leitung übernommen. Ihr Bruder hat ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium und ist der Mann der Zahlen, sie steht als Schauspielerin zudem in den Eigenproduktionen auf der Bühne.

In der vorweihnächtlichen Hochsaison laufen vier bis fünf Vorstellungen pro Tag. Nur so kann das Fauteuil ohne Subventionen überleben. Für ihre Arbeit erhalten die Geschwister einen unbezahlbaren Lohn: «Es ist unglaublich schön, beim Märlinachmittag in 200 strahlende Kindergesichter zu blicken», sagt Caroline Rasser. Ihr Bruder schwärmt: «Die Begeisterung der Leute ist immer wieder überwältigend.» Frust gibt es bei ihnen nur, wenn eine Produktion nicht gut läuft. Eines hat Caroline gelernt: «Man darf sich nicht verbeissen. Ein Theater ist ein sehr unsicheres Geschäft. So etwas kann man nur machen, wenn man im Moment lebt.» In der strengen Wintersaison haben sie zwar wenig Zeit für ihre Familie, doch das kompensieren sie im Sommer.

«S Gäld liggt uff dr Bangg», bis 31.12.2013.
«S Gäld liggt uff dr Bangg», bis 31.12.2013.

THEATER FAUTEUIL, Basel

Tabourettli: 155 Plätze

Fauteuil: 221 Plätze

Veranstaltungen: 400 pro Jahr: Märchen, Kabarett, Fasnachtsproduktion, Comedy

Hier spielten schon: Emil, Ursus & Nadeschkin, Massimo Rocchi und Zarah Leander.

www.fauteuil.ch

Ueli Burkhardt, Chef des Ticino.
«Ich komme hier nie weg, deshalb hole ich mir die Künstler hierher.» Ueli Burkhardt, Chef des Ticino.

Beinahe 30 Jahre ist es her, dass Ueli Burkhardt (52) sich mit seinem Bruder Martin in diesem Haus an der Hauptstrasse am Zürichsee einmietete und das ehemalige Restaurant Ticino zu einem Theater umbaute. «Die Zeit dürstete nach solchen Orten», erinnert er sich. Im ländlichen Wädenswil gab es weitum nichts – kein Theater, kein Konzertlokal. Es war Mitte der 80er-Jahre, Burkhardt war in den Nachwehen von «Züri brännt» kulturpolitisch aktiv und holte Künstler auf die Bühne, die alles andere als seichte Unterhaltung boten. Alteingesessene Anwohner rümpften die Nasen, sie misstrautem dem Theater als Hort der linken Kultur. Das Ticino hielt sich dennoch: dank der guten Qualität des Programms, der Zuschauer, die auch von weither anreisen, einem Förderverein und vielen freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. «Die Leute schätzen den familiären Charakter des Ticino», sagt Burkhardt.

Leben und Arbeiten ohne geregelte Zeiten

Seine Wohnung liegt im selben Haus, Burkhardt ist immer sofort mitten in der Arbeit. Dieses Leben passt zu ihm: «Ich bin mein eigener Chef und habe keine geregelten Arbeitszeiten. Meine Freiheit ist die beste Währung.»

Er beschert den Zuschauern mit seinem Engagement schöne Abende, alles inklusive: In der ehemaligen Gaststube kann man am Abend essen und nach der Vorführung in der Bar den Schlummertrunk geniessen.

Lange hat Burkhardt neben dem Engagement als Theaterchef als Schauspieler gearbeitet. Vor 15 Jahren musste er sich entscheiden – er setzte voll auf das Ticino. Keine Angst vor dem Risiko? «In diesen Momenten denkst du nicht ans Risiko», sagt der Zürcher. «Überleben tut man immer irgendwie.» Im Ticino lässt er spielen, was er gerne sehen möchte. «Ich komme ja hier nie weg, deshalb hole ich mir die Künstler hierher», sagt er und grinst.

Nicole Knuth, Olga Tucek, 9.2.2011.
Nicole Knuth, Olga Tucek, 9.2.2011.

THEATER TICINO, WÄDENSWIL

Zuschauer: 80 bis 90 Plätze

Veranstaltungen: Rund 150 pro Jahr

Hier spielten schon: Knuth und Tucek, Linard Bardill, Birgit Steinegger, Walter Andreas Müller, Beat Schlatter, Irmgard Knef, Eva Mattes und Christian Kohlund.

www.theater-ticino.ch

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Nathalie Bissig