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10. Oktober 2011

Die Kuhfigaros aus dem Simmental

Im Oktober packen Andreas Brügger und seine Mannen das Haarschneidegerät ein und gehen auf Tour. Die Kuhcoiffeure reisen durchs ganze Berner Simmental und frisieren rund 4000 Milchkühe. Das schweizweit einmalige Projekt nennt sich «Rindvieh-Wellness».

Andreas Brügger
Andreas Brügger koordiniert die Einsätze der Kuhfigaros.

Virtuos setzt Andreas Brügger (45) seine Tierschermaschine bei der Schwanzwurzel der Kuh an. «Wenn ich beim Schwanz mit dem Scheren beginne, wird die Kuh wie hypnotisiert. Sie mag das», erklärt der Landwirt seine Technik. Zusammen mit einem halben Dutzend Berufskollegen ist er auf dem Hof von Bauer Peter Moor im Berner Simmental im Einsatz.

Flink setzt er das Scheren beim Bauch des Simmentaler Fleckviehs fort. Am Schluss steht der «Gring» an, der Kopf der Milchkuh. «Wie wir Menschen bei einer Massage empfindet die Kuh zuerst einen Druck und danach ein Wohlbefinden.

Das Scheren ist für die Tiere wie Wellness.

«Das Scheren ist für die Tiere wie Wellness», sagt Andreas Brügger. Das Haareschneiden um den Kopf mögen die bis zu 700 Kilogramm schweren Kühe allerdings nicht besonders, weil sie dort knochiger und damit empfindlicher sind. Trotzdem muss auch am Schädel geschnitten werden. Sind die Haare länger, machen sich darin Parasiten breit. Eine Schur sei, so Brügger, die natürlichste Methode, Läuse zu töten. Ausserdem seien Kühe wie Männer: Haben sie schulterlanges Haar, sei es den meisten von ihnen nicht wohl. Besonders raffiniert schneiden die Kuhfigaros die Haare der Rindviecher, wenn die kantonalen Viehshows wie die Wahl zur «Miss Lenk» Mitte Oktober anstehen.

Kuhfigaro bei der Arbeit
«Das Scheren ist für die Tiere wie Wellness.»

Früher wurden die Kuhhaare als Matratzenfüllung verwendet

Andreas Brügger ist Koordinator von rund 20 Simmentaler Kuhcoiffeuren, die von Oktober bis Dezember Hochsaison haben. In dieser Zeit ziehen sie als zwei bis achtköpfige Teams von Hof zu Hof und sorgen beim Fleckvieh für den jährlichen Haarschnitt. Der Zeitpunkt im Herbst kommt nicht von ungefähr: Im Sommer wachsen die Kuhhaare wegen der Temperaturunterschiede der heissen Tage und kühlen Nächte in den Bergen schneller. Mit den Haaren der Kühe füllte man übrigens früher Matratzen. «Heute werden die Kuhhaare im Kehricht entsorgt und dort verbrannt», sagt Brügger.

Was vor rund 15 Jahren mit 100 Tieren und nachbarschaftlicher Hilfe angefangen hat, ist heute im Simmental ein Projekt mit gegen 4000 Kühen von 500 Bauernbetrieben. Die Kuhcoiffeure sind ein eingespieltes Team. «Bei uns kann nicht jeder Kuhhaare schneiden. Wir verlangen gute Laune und Humor», sagt Initiant Brügger. Die Bauern bezahlen den Kuhfigaros einen Stundenlohn von 25 Franken. Für eine Kuh benötigen zwei Coiffeure rund 20 Minuten. Zusätzlich zum Stundenlohn steht ihnen ein Mittagessen auf dem Hof zu, auf dem gerade geschnitten wird. «Alle Bauernfrauen sind super Köchinnen», lobt Andreas Brügger. Trotz guten Essens und professionellen Haarschnitts gibt es im Simmental noch Landwirte, die ihre Kühe selbst scheren.

Kuhcoiffeur Toni Perren
Kuhcoiffeur Toni Perren

Für die Kuhcoiffeure und ihre Arbeit ist Jakob Lempen (58) unentbehrlich. Der Mann aus St. Stephan BE ist «der Scharfmacher». In seinem Werkraum stehen allerlei Geräte, ein Transistorradio sowie eine Schleifscheibe, die wie ein alter Teller eines Plattenspielers aussieht. An dieser Maschine schleift Jakob Lempen jede Saison 500 Messer für die Tierschermaschinen. Die kosten 425 Franken pro Apparat. «Im Saanenland und im oberen Simmental bin ich der Einzige, der das gut macht», sagt er mit einem Schuss Selbstironie und lässt am Schleifstein die Funken sprühen. Das Schärfen der Klingen ist für den Sanitär-Heizungsmonteur ein finanzieller Zustupf, der es ihm erlaubte, einen grossen Töff zu kaufen.

Die Simmentaler Kuhcoiffeure kennen keine Nachwuchssorgen

Auch für Andreas Brügger ist das Scheren ein Nebenverdienst. Sein Hauptberuf ist die Milch- und Alpwirtschaft: Auf seinem Hof hält er rund 50 Kühe und zehn Oberhasli-Geissen, eine inzwischen seltene Nutztierrasse. Mit den Einkünften aus diesen beiden Jobs muss die sechsköpfige Familie auskommen. Das ist nicht immer einfach. Dafür hat der Bauer keine Nachwuchssorgen: Sohn Urs (19) macht eine landwirtschaftliche Ausbildung und könnte später den Hof übernehmen. Ausserdem ist er seit Neustem im Team der Kuhcoiffeure.

Autor: Reto Wild

Fotograf: François Wavre