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27. April 2015

Die Künstlerin mit der Motorsäge

Patricia Zenklusen stellt mit ihren Motorsägen filigrane Holzfiguren her. Drei sind an der Expo in Mailand zu sehen. Oben zeigt ein Video die Künstlerin bei der Arbeit – im Porträt verrät sie: Angefangen hat alles mit dem Fällen eines Baums im eigenen Garten.

Ohrenbetäubender Lärm durchdringt die Idylle am Waldrand oberhalb von Affoltern am Albis ZH.
Patricia Zenklusen (49) hat ihre Motorsäge angeworfen und schafft aus einem Stück Holz eine filigrane Figur – stets begleitet von Familienhund Flo (8), einem Cocker Spaniel. «Für mich ist das Erholung pur. Ich habe zwar nach der Arbeit mit der Acht-Kilo-Maschine extremen Muskelkater. Aber ich kann durch meine Kreativität den Kopf leeren.» Ein- bis zweimal pro Woche arbeitet sie hier.

Patricia Zenklusen lebt ihre Kreativität aus
Wenn die Zedernholzspäne fliegen, lebt Patricia Zenklusen ihre Kreativität aus und hat nachher heftigen Muskelkater.

Angefangen hat ihre Leidenschaft mit einer Weide: Vor gut drei Jahren musste vor ihrem Einfamilienhaus in Stallikon ZH am Fuss des Üetlibergs der Baum weichen. Patricia Zenklusen schnitt diesen so zu, dass nur noch ein riesiger Stumpf übrig blieb. Mit der Motorsäge schnipselte sie weiter daran.
«Plötzlich wusste ich: Genau das ist es! Ich hatte im kreativen Bereich meine grosse Liebe gefunden.»

Sie habe nie Angst vor Maschinen gehabt. Wenn in ihrem Garten grobe Arbeiten getan werden mussten, habe sie das selbst in die Hand genommen. Und schon als junge Mutter war sie handwerklich begabt und wünschte sich von ihrem Mann René (55) eine Tischkreissäge zum Geburtstag. Damit schreinerte sie für ihre Tochter Jenny­Rose (heute 20) ein Prinzessinnenbettli, für Sohn Dennys (heute 18) eine Miniburg.
Daneben hat sie mit ihrem Mann vor 25 Jahren ein Unternehmens- und Personalberatungsbüro eröffnet, wofür sie bis heute das Personal betreut.

Ein Skulpturenweg am Anfang
Ihre Karriere als Künstlerin hat sich fulminant entwickelt. Eine Galerie aus den USA kontaktierte sie dieses Jahr auf Facebook und fragte, ob sie an einer Zusammenarbeit interessiert sei. Schliesslich reiste eine ganze Kiste mit Figuren über den Atlantik. Patricia Zenklusens Werke waren an der Berlin Art Week zu sehen, in San Diego und Miami. Das ist umso erstaunlicher, als sich die Zürcherin erst kurz zuvor entschieden hatte, mit ihren «Figürli», wie sie sagt, an die Öffentlichkeit zu gehen: Als sie in ihrer Wohngemeinde einen Skulpturenweg realisierte, erhielt sie viele Komplimente, die ihr Mut machten, sich als Künstlerin zu versuchen.

Und nun wurde sie an die Weltausstellung Expo nach Mailand eingeladen (siehe rechts). Drei ihrer Figuren sind im Rahmen der Ausstellung International Contemporary Art zu sehen. «Das ist für mich eine riesige Überraschung – wie meine Künstlerkarriere insgesamt.» Sie sei von einer «riesigen Freude erfüllt. Es ist cool, dass mein Mann und ich nach Mailand fahren dürfen.»

... cool, dass mein Mann und ich nach Mailand fahren dürfen.

Das Publikum wird unter anderem ihr Werk «Equilibrité» sehen: eine auf einem Stuhl stehende Figur in einem roten Kleid. Es gehe um Gleichgewicht auf einer schrägen Unterlage. «Das Leben ist leichter, wenn man das Gleichgewicht findet», sagt sie. Kunst sei für sie, ihre kreative Energie in den Figuren zu kanalisieren. «Ich freue mich darüber, wenn diese den Leuten gefallen oder wenn sie berühren. Ich habe mir aber nicht vorgenommen, damit der Welt etwas zu zeigen», sagt Patricia Zenklusen. «Kunst gefällt oder nicht. Punkt.»

Zenklusen liegt die Motorsäge gut in der Hand
Patricia Zenklusen liegt die Motorsäge gut in der Hand: In einem Workshop im Maggiatal hat sie ihre Kunst verfeinert.

Wie alle anderen Werke wurde «Equilibrité» nur mit verschieden grossen Motorsägen geschaffen. Weder Holzmeissel noch Stecheisen oder Feilen kommen zum Einsatz. Insgesamt dauerte die Metamorphose vom Stück Zedernholz zur Expo-Figur rund eine Woche. Die Tessiner Zeder liefert übrigens Patricia Zenklusens liebstes Material: «Die Holzsorte macht, was man ihr sagt, ist auch im Nachhinein brav und springt nicht auseinander.» Das verdanke sie ihrem geringen Wasseranteil. Und falls die Künstlerin einmal zu viel absägt, wird aus dem Werk Cheminéeholz.

Das Haus selbst umgestaltet
Die Figuren von Patricia Zenklusen strahlen Fröhlichkeit und Verspieltheit aus. Sie passen zu ihrer Schöpferin, deren Lebensfreude ansteckend wirkt. «Bei mir ist das Glas immer eher halb voll. Ich habe Glück gehabt in meinem Leben. Und es ist per se ein Geschenk, in der Schweiz auf die Welt zu kommen.» Sie habe als junge Frau ihren «lieben Mann kennengelernt. Mit unseren zwei Kindern ist es eine Freude. So ist es einfacher, das Leben positiv zu beurteilen.»

Patricia Zenklusen sagt von sich, sie sei ihr Leben lang ein kreativer Mensch gewesen. Im Haus setzte sie Mosaikböden ein und baute das Badezimmer um, «weil keine Firma bereit war, das umzusetzen, was ich im Kopf hatte».
Inzwischen hat sie das Haus nach ihren Wünschen fertig umgestaltet. Augenzwinkernd fügt sie an: «Endlich müssen nicht mehr die Stubenböden daran glauben, damit ich meine Kreativität ausleben kann.»

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Holger Salach