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06. Juni 2017

Künstler schlagen Brücken

Kunst richtet sich längst nicht mehr nur an ein elitäres, bloss betrachtendes Publikum. Künstler schaffen Räume und kreieren Situationen, um die Menschen am Werk teilhaben zu lassen. Drei Kunstschaffende erzählen von ihren Ideen und unkonventionellen Projekten. Und: Mehr zur «interaktiven und flüchtigen Internetkunst».

Künstlerin Chantal Michelv
Geht in ihrem Werk auf: die Berner Künstlerin Chantal Michel.

Der Ort ist unwirtlich, das Bürogebäude unterhalb der Berner Monbijoubrücke karg und lieblos. Umso farbiger, fantasievoller und inspirierender eröffnen sich im Innern auf drei Stockwerken neue Welten – geschaffen von der Berner Künstlerin Chantal Michel (48). Sie hat 30 ehemalige Bürokojen in ein Gesamtkunstwerk verwandelt: Man trifft auf perfekt eingerichtete 60er-Jahre-Wohnzimmer, auf museale Schlichtheit, skurrile Installationen, futuristische Projektionen, beängstigende Enge, verstörende, abscheulich riechende Süsse, auf Kunst, die unter den Füssen knistert und in den Ohren stört.

Wer kommt, um sich ihr jüngstes Projekt «Der Brückenkopf» anzuschauen, verbringt gleich einen ganzen Abend hier. «Ich möchte, dass man sich Zeit nimmt, sich auf die Räume und mein Werk einlässt», erklärt Chantal Michel. «Die Zuschauer können in eine völlig andere Welt eintauchen, in ein sinnliches Erlebnis mit Bildern, Klängen und Gerüchen.»

Jeden Samstag empfängt die Künstlerin maximal 15 Besucherinnen und Besucher. Zum Kunsterlebnis gehören der Rundgang durch die Ausstellung, ein Apéro und ein viergängiges Diner. Chantal Michel bekocht ihr Publikum höchstpersönlich, die Besucher werden zu ihren Gästen.
«Ich bin Gastgeberin, Köchin, Managerin, Handwerkerin und Künstlerin in einem», sagt sie. Das Ganze ist ein Spiel mit Rollen und Klischees. Eine ironische, aber ernstzunehmende Auseinandersetzung. «Im Zentrum steht aber immer meine Kunst. Ich konstruiere und konzipiere einfach ein ergänzendes Drumherum und schaffe dadurch ein komplexes Gesamtkunstwerk.»

Leerstehende Gebäude haben Chantal Michel schon immer fasziniert. Das Bespielen solcher Räume ist mittlerweile ihr Markenzeichen geworden. Via Medien wie Fotografie, Video, Installation oder Performance greift sie kreativ ein. Begonnen hat alles vor fast zwei Jahrzehnten im Hotel Scribe in Paris, im «Beau Rivage» in Thun und im «Schweizerhof» in Bern. Diese nichtmuseale Ausstellungsform mit ganzheitlichen Installationen stiess auf grosse Resonanz. «Ich konnte damit ein sehr breites Publikum ansprechen. Viele Besucher wurden von den aussergewöhnlichen Orten angelockt und haben auf diese Weise einen Zugang zur Kunst gefunden. Etliche von ihnen verfolgen mein Werk bis heute.»

Zwischen 2008 und 2011 verwandelte sie das leerstehende Schloss Kiesen in der gleichnamigen Berner Gemeinde in einen magischen Traumraum, 2011 bis 2013 transformierte sie ein ehemaliges Verwaltungsgebäude in Thun zur «Villa Gerber», 2014 machte sie eine ausgediente Kirche in Zürich zur «Zitadelle».

Die Angst vor den Menschen verlieren

Das Werk der Berner Künstlerin ist vielschichtig – fassbar und unfassbar zugleich. Chantal Michel mag es, die Menschen mit ihrer Kunst auf unterschiedlichste Weise anzusprechen: «Es ist toll zu sehen, wie die Leute sich immer wieder auf Unbekanntes einlassen.» Ihr neues Zauberwort heisst Flohmarkt. Er findet jeden Samstagnachmittag am aktuellen Ausstellungsort, im Brückenkopf Bern, statt. «Damit ziehe ich ganz normale Menschen an und schlage die Brücke zu meiner Kunst.»

Es ist eigentlich erstaunlich, wie sehr die eher menschenscheue Künstlerin den persönlichen Kontakt zu einem Merkmal ihrer Gesamtinstallationen macht. «Ich bin eine Einzelgängerin», sagt sie. «Ich habe aber auch gemerkt, dass es sehr wenig braucht, um die Angst vor Menschen zu verlieren. Ich glaube, ich kann gut auf die Leute zugehen und sie in die Welt der Kunst einführen.»

So sehr sie eine Nähe zum Publikum schafft, so sehr zieht es sie auch in ihr Schneckenhaus zurück, wenn sie etwas schaffen will. Für das Projekt am Brückenkopf hat sie acht intensive Monate lang gewirkt, sie hat Wände herausgeschlagen, tapeziert, gemalt, konzipiert und inszeniert. Einfach mal so vorbeischauen durfte in dieser Zeit keiner. «Es ist mir wichtig, einen Rückzugsort zu haben. Ich brauche Ruhe und Einsamkeit, um kreativ sein zu können», sagt Chantal Michel. «Ich schliesse mich gern in Räume ein und erschaffe darin meine eigene kleine Welt.»

Im Zentrum steht die Begegnung

Ganz anders ist dies bei den Inszenierungen des Baslers Benedikt Wyss (32), der alle paar Monate ein neues Kunstprojekt ins Leben ruft. Als Ausstellungsmacher gehört er einer neuen Generation an: Er arrangiert nicht nur, er heckt selber Ideen aus, sucht Künstler für die Umsetzung und steckt mit ihnen die Köpfe zusammen.

Schaffen im stillen Kämmerlein, das gibt es bei diesen Projekten oft nicht. Das bisher aufsehenerregendste Programm hiess «HAUS#99 [last Days]»: Im Juni 2016 liess er gemeinsam mit dem Winterthurer Demian Wohler ein Abbruchhaus in Basel in ein Kunstobjekt verwandeln. Zwölf Künstler aus neun Ländern wohnten und wirkten hier. «HAUS#99 [last Days]» fand parallel zur Art Basel statt und war im Gegensatz dazu kein Ort, wo jeder bloss Kunstwerke zur Schau stellte: Im Garten wurde ein Teich angelegt, daneben entstand eine unterirdische Galerie, im Keller wurde ein Brunnen ausgegraben, in den Zimmern wurde gemalt, gezeichnet, gesägt, umgebaut und angepflanzt.

Benedikt Wyss heckt alle paar Monate neue Projektideen aus.
Innovativer Ausstellungsmacher: Benedikt Wyss heckt alle paar Monate neue Projektideen aus.

Benedikt Wyss heckt alle paar Monate neue Projektideen aus.

Nach einer Woche war das Haus an der Neuweilerstrasse 99 bereit für Besucher, das kreative Wirken ging weiter. «Das Gebäude war tagsüber offen; die Künstler wohnten dort und waren weiterhin vor Ort tätig», sagt Benedikt Wyss. «Darauf mussten sie sich einlassen.» Das Haus in Basel wurde zur Spielwiese und zum fruchtbaren, lebendigen Ort. Es entstand ein sozialer Raum, die Nachbarn gingen ein und aus. Täglich gab es Geschenke, etwa frisch gebackenes Brot, Kaffee und Kuchen oder einen guten Wein.

«Ich suche, provoziere und schaffe bewusst Situationen, in denen sich überraschende Kontakte ergeben können», erklärt Benedikt Wyss. «Im Zentrum meiner Projekte steht immer die Begegnung.» Das Publikum wird in irgendeiner Form stets einbezogen. «Es ist nicht nur stiller Betrachter, sondern nimmt auch am Prozess teil.» Auch beim Projekt «Im Taumel der Nacht», dem nächtlichen Rundgang während der Basler Museumsnacht, war das fassbare Erleben von Kunst integrativer Bestandteil.

Ausgangsort war der Kleinbasler Projektraum Trikot an der Haltingerstrasse 13: Der Lausanner Künstler Christophe Füllemann gestaltete ihn zu einem Ort um, wo man auf Kunst sitzen, liegen und sogar schlafen konnte. Im Ausstellungsraum, der beidseitig mit grossen Fensterscheiben ausgestattet ist, konnten die Besucher ihm bei seiner Arbeit über die Schultern schauen. «Dieser durchsichtige Prozess gehört dazu», sagt Benedikt Wyss.

Überaus erfolgreich hat Wyss zudem im vergangenen Jahr den «Social Muscle Club» ins Leben gerufen. «Er dient dazu, die sozialen Muskeln zu trainieren», erklärt er den eigenwilligen Namen. Die Idee: Jeweils über 100 Teilnehmende spielen in Gruppen folgendes Spiel: Jeder notiert auf einem Zettel, was er sich wünscht und was er zu verschenken hat. Die Zettel werden blind gezogen und vorgelesen, dann geht das Gespräch um den Austausch los. Und was ist daran Kunst? «Wir verstehen Kunst als zwischenmenschliche Interaktion im Sinne der sozialen Plastik, wie sie Joseph Beuys geprägt hat», sagt Benedikt Wyss. Der deutsche Aktionskünstler vertrat die Idee von einer Kunst, die menschliches Handeln integriert und die Strukturierung der Gesellschaft beabsichtigt. An den An­lässen des Social Muscle Club gibt es zwar auch eine Bühne für ein Kulturprogramm – doch das Wesentliche geschieht im Publikum.

Eingreifen in die Meinungsbildung

Auch die Künstlerin Florence Jung (30) hat sich voll und ganz der Interaktion verschrieben. Für sie stehen die Betrachter und das Erlebnis im Zentrum. «Mit meinen Arbeiten kreiere ich Situationen. Ich mag es nicht, etwas zu schaffen, was man einfach so anschaut. Ich will das Publikum ins Zentrum des Werks stellen», sagt die Bielerin, die seit Kurzem in Zürich lebt, Deutsch versteht, sich aber in ihrer Muttersprache Französisch ausdrückt.

Florence Jungs Kunst ist temporär und vergänglich – was von ihr bleibt, sind die Erinnerungen, die mündlichen Schilderungen und Gerüchte darüber. Im Rahmen ihrer Diplomausstellung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) manipulierte sie die Publikumsmeinung mit dem Einsatz zweier Schauspielerinnen: Sie taten so, als wären sie wichtige Personen der Galeristenszene. Die eine lobte die Werke beim Betrachten, die andere tat das Gegenteil.

«Das untergründige Thema einer Abschlussausstellung ist immer der Erfolg», erklärt Florence Jung. «Ich habe mir überlegt, was jemanden erfolgreich macht. Wie wir wissen, hängt das ja nicht davon ab, wie gut jemand ist, sondern vielmehr davon, ob eine wichtige Person einer anderen wichtigen Person sagt, dass ein Künstler wichtig ist.» Mittels der fingierten Kunstkennerinnen griff sie in diese Meinungsbildung ein. «In der Kunst hat man die Freiheit, mit den alltäglichen Regeln zu spielen», sagt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

In einem anderen Projekt entführte Florence Jung einen Teil des Vernissagenpublikums aus der Galerie. Zuvor hatte sie Fragebögen ausfüllen lassen, um in Erfahrung zu bringen, wie abenteuerlustig die Teilnehmenden waren. Diejenigen mit der höchsten Punktzahl wurden in zwei Autos verladen, zu einer etwa 400 Kilometer entfernten, abgelegenen Scheune gefahren und im Morgengrauen wieder abgeholt. «Die Besucher wurden zu Akteuren», erklärt Florence Jung. «Sie bestimmten selbst, wie der Abend sich entwickeln sollte.» Besagter Abend und die dazugehörige Nacht waren auf jeden Fall voller Rätsel.

Nur Geschichten, keine Bilder

Florence Jung kreiert gerne Unvorhersehbares, neue Realitäten, sie täuscht und trickst. Wie damals, als sie ankündigte, dass sie am Genfer Busbahnhof eine Performance steigen lassen würde. Die Leute kamen, und die Performance – war schon da. Florence Jung hatte Schauspieler engagiert, die wartende Passagiere mimten; jeder hatte ein haargenaues Szenario von ihr erhalten.
Sie waren von den wirklich wartenden Passagieren nicht auf Anhieb zu unterscheiden. Erst wenn man lange genug blieb, fiel Absurdes auf: Einer der Schauspieler las wartend Dostojewskys «Doppelgänger», ging nach genau 15 Minuten ein Bier der Marke Mythos trinken, kehrte zurück und nahm eine andere Edition des Buchs aus seiner Tasche und las weiter. «Ich liebe es, neue Wirklichkeiten zu schaffen. Es ist ein Reenactment – eine Neuinszenierung der Gegenwart, nicht der Vergangenheit.»

Anders als bei den meisten anderen Kunstschaffenden ist aber keins ihrer Werke fotografisch dokumentiert worden. «Die Werke werden durch das Weitererzählen festgehalten», erklärt die junge Frau. «Immer soll es Bilder von allem geben – als ob sie Beweise wären. Aber man weiss: Das ist nicht so. Nichts ist nämlich durchdringender und hält sich hartnäckiger als ein Gerücht oder eine Erzählung.»
Florence Jung macht damit ganz Menschliches und Zwischenmenschliches zum Bestandteil ihres Werks. Und plötzlich wirkt ihre Kunst gar nicht mehr so abgehoben, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag.

Was allerdings Florence Jungs Person betrifft, so ist sie nur in natura nahbar. Denn fotografieren lässt auch sie sich nicht. «Das bereitet mir immer wieder Probleme.» Gemeint ist, dass es kein Porträtbild von ihr in Magazinen und Zeitungen oder auf Onlineplattformen gibt. Sie sagt dies in einer so natürlichen, herzlichen Art und mit einer Überzeugung, dass man es ihr gar nicht verübeln kann, wenn sie sich der bilderlastigen Welt so komplett verweigert. 

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Michael Sieber