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07. November 2011

Kühle Kopfhaut bewahren

«Hallo Herr Friedli, können Sie mir erklären, was Wiesenmilch ist? Die Reklame kommt seit geraumer Zeit im Fernsehen», schreibt Margareta Hönle, 76-jährig. «Ist das wieder so ein Verkaufstrick? Ich dachte immer, alle Kühe bekommen Gras zum Fressen, das von Wiesen stammt?» Da müsste ich Sie, liebe Frau Hönle, wohl an die Marketingabteilung verweisen. Hmm … Wiesenmilch? Gibt es dann auch Hors-sol-Milch, Batteriehaltungsmilch?

Offenbar gilt beim Produktejargon: Hauptsache, tönt gut! Nehmen wir die Shampoowerbung: Von «Volumenglanz» und «widerstandsfähiger Kontorsionsfixierung » ist die Rede, von «kämmbarer Brillanz» und einer «Komplexinfusion, die das Haar nachhaltig nährt». Die Haare stehen einem ob der Verheissungen zu Berge: «Nie mehr fettiges Haar — dank Proaktinfaktor!», «Doping für die Haare!», «Halt für 24 Stunden!» Wozu soll meine Frisur sitzen, wenn ich schlafe? «Die Anti-Pedolestrin-Formel mit garantierter Tiefenwirkung», der «thermoaktive Wirkstoff für lang anhaltende Geschmeidigkeit»...

Gibt es dann auch Hors-sol-Milch?

Hors-sol-Milch
Gibt es dann auch Hors-sol-Milch

Dagegen ist «Wiesenmilch» ein Nasenwasser, nicht wahr, Frau Hönle? «Die neu entwickelte Nerlon-X-Formel mit dem Supra-T3-Effekt® verleiht dem Haar Strukturglanz!» Schmissiges Werberlatein. Ich hoffe, die Burschen hatten beim Texten ihrer Hohlheiten wenigstens Spass, und nehme an, sie standen unter Drogen. Mein Favorit: «Das beruhigende Serum aus kalten ätherischen Ölen, gewonnen aus Eisminze, Eukalyptus und Asteracea-Extrakt, kühlt langfristig und baut den Hydrolipidfilm der Kopfhaut wieder auf.» Noch Fragen?

Und alles immer «wissenschaftlich geprüft», «klinisch getestet», «ärztlich empfohlen». Je hochtrabender der Reklametext, desto teurer das Shampoo. Blumiger wird, glaube ich, nur in der Autowerbung gelogen. Mir ist lieber, wenn man die Dinge beim Namen nennt. Wie in Zürich, wo meine dunklen Trauben heissen, wie sie riechen: «Chatzesäicherli ».

Dazu erreichte mich ein wunderbarer Brief. Gertrud Biggel aus Russikon schreibt in gepflegter Schnörkelschrift: «Ich wuchs in Graz, Österreich, auf und kam 1948 als Praktikantin nach Rapperswil in eine Akademikerfamilie als Stütze der Hausfrau. Mein Ehrgeiz verlangte, sofort Zürichdeutsch zu lernen, womit ich schnelle Fortschritte machte, was meine Gastgeber sehr freute. Bis ich eines Tages wissen wollte, was ‹Chatzesäicherli› seien, ich hatte das in meiner Freizeit gehört. Man riet mir dringend vom weiteren Umgang mit dem jungen Mann ab, der so ordinär rede, und erklärte mir, diese kleinen blauen Trauben würden Tessinertrauben genannt. So heissen sie noch heute bei mir und meiner Familie, die ich mit besagtem jungen Mann gründete, was man damals zu verhindern suchte — vor über 58 Jahren.» Wie gut, dass Frau Biggel nicht auf die Obrigkeit gehört hat!

Und was lernen wir daraus? Geradeheraus ist immer gut. Insofern kann ich vielleicht doch Auskunft geben, was «Wiesenmilch» sei. Hab nämlich meine Lesebrille zum Einkaufen mitgenommen und im Packungskleingedruckten erfahren: «Wiesenmilch stammt von Schweizer Kühen, welche vorwiegend mit frischem Gras und Heu vom eigenen Bauernhof gefüttert werden.» Und ich glaube fast, liebe Frau Hönle, die Wiesenmilch ist einfach... Milch.

Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli