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17. Oktober 2011

Die stolze Schöne

In den Wolkenkratzern der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur spiegeln sich Moscheen und chinesische Tempel. Das ist die Heimat von Mei-Ling Lüdi, der Ex-Miss-Malaysia mit Schweizer Wurzeln. Die Mischung der Kulturen macht den Staat zum kulinarischen Paradies mit einer vielseitigen Architektur.

Four Seasons auf Langkawi
Poollandschaft im Four Seasons auf Langkawi.

«Die Mischung der Kulturen in Kuala Lumpur ist einzigartig.»

Ein Duft von Ingwer durchmischt mit Curry und tropischen Früchten liegt in der Luft. Modern, hektisch, laut, mit vielen grünen Oasen der Ruhe — so präsentiert sich Kuala Lumpur an diesem Morgen. «Die Stadt ist nicht so chaotisch wie Bangkok in Thailand, aber auch nicht so organisiert wie der Stadtstaat Singapur», sagt Mei-Ling Lüdi. Sie muss es wissen: Die ehemalige Miss Malaysia hat vor gut zehn Jahren ihren Wohnsitz im beschaulichen Thun BE aufgegeben, um bei den Miss-Malaysia-Wahlen in Kuala Lumpur teilzunehmen. Die Tochter eines Schweizers und einer chinesischen Malaysierin lebt seit ihrer Wahl zur Miss Malaysia in ihrer Wahlheimat Kuala Lumpur. Inzwischen ist Mei-Ling Lüdi 37 Jahre alt und findet, dass die Wahl zur Miss Malaysia Schnee von gestern sei.

Lediglich die Krone von damals thront hinter Glas auf dem Schrank ihres Wohnzimmers in schwindelerregender Höhe. Mei-Ling Lüdi wohnt in der 31. Etage eines Wohnblocks, eine halbe Autostunde ausserhalb Kuala Lumpurs. Weil die Preise für Wohnungen so explodiert sind, können sich immer weniger Malaien ein Leben in der Hauptstadt leisten: 2,5 Millionen Menschen leben im Zentrum, sechs Millionen in der Agglomeration. «Für eine Dreizimmerwohnung werden 4000 Franken verlangt, das Vierfache dessen, was eine Sekretärin verdient», sagt die einstige Miss Malaysia, die heute unter anderem als Reiseleiterin arbeitet.

Hindus, Christens, Moslems — so unterschiedlich die Religionen und Traditionen der Malaien sind, alle Ethnien sehen die Familie und die Gemeinschaft als zentralen Lebenspunkt. Symbolisch zeigt das Staatswappen ihre Einigkeit: zwei Tiger halten ein Spruchband, auf dem steht: «Bersekutu Bertambah Mutu» — Einigkeit ist Stärke. Kuala Lumpur, der Name der Stadt bedeutet schlammige Flussmündung und entsprach dem, was chinesische Bergleute hier vorfanden, als sie sich 1857 ansiedelten, nach- dem sie ein Zinnfeld entdeckt hatten.

Spricht man vom Schmelztigel Kuala Lumpur, muss man neben Malaien und Chinesen auch die tamilischen Nachfahren indischer Einwanderer nennen. Und ebendiese Vielfalt macht die Stadt so einzigartig. «Den vielseitigen Mix asiatischer Kulturen findet man so aus- geprägt in keiner anderen asiatischen Grossstadt», schwärmt Mei-Ling Lüdi. «Hier kannst du 24 Stunden rund um die Uhr etwas anderes essen.»

Auch in der Architektur findet man die Mischung der Kulturen: Moscheen, indische und chinesische Tempel spiegeln sich in den Fassaden moderner Wolkenkratzer. Die Macht und der Wohlstand der Sultane manifestiert sich in prachtvollen Palästen, die im ganzen Land zu finden sind.

Es ist schon spät. Die Metropole er- strahlt in tausend Lichtern. Die schöne Halbasiatin ist mit Freunden in der hippen Sky-Bar in der 33. Etage des Hotels Traders verabredet. Im Hintergrund ragen wie Raketen die Petronas Twin Towers in den Himmel, die mit über 452 Meter Höhe 1998 als damals höchstes Gebäude der Welt eröffnet worden sind. Punkt Mitternacht gehen die Lichter in den Türmen aus.

Landkarte Malaysia

Aber die Stadt legt sich noch lange nicht zur Ruhe. «Hast du schon gegessen?», wird Mei-Ling von ihren Freunden begrüsst. In Malaysia fragt man seinen Freund nicht danach, wie es einem geht, sondern ob man schon gegessen hat. «Das Essen bestimmt hier das Leben», sagt die ehe nicht haltgemacht. In Malaysia gibt es prozentual mehr Übergewichtige als in jedem anderen Land Südostasiens. Jetzt rückt der Staat seinen dicken Schülern zu Leibe. Künftig sollen Schulzeugnisse den Body-Mass-Index ausweisen, um die Kinder zum Abnehmen zu bewegen.

Mei-Ling Lüdi und ihre Freunde ziehen später weiter in eine der zahleichen chinesischen Garküchen, die rund um die Uhr geöffnet haben. Für umgerechnet drei Franken gibts eine köstliche Nudelmals schönste Frau des Landes. Aber auch das Fast-Food-Zeit- alter hat vor den Toren Kuala Lumpursuppe mit Pouletfleisch. Am nächsten Morgen bricht Mei-Ling mit einer Gruppe Touristen ins Landesinnere auf. Bevor sie geht, gibt sie uns ein paar Reisetipps mit auf den Weg (siehe rechte Spalte).

Autor: Anette Wolffram

Fotograf: Ueli Christoffel, Anette Wolffram