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08. Juni 2015

Kristalle aus der Gotthardfestung

Franz von Arx und Elio Müller machten 2008 am Planggenstock UR einen Jahrhundertfund: wertvolle Kristalle, die seit wenigen Tagen im Museum der Gotthardfestung bestaunt werden werden. Und hier in der Bildergalerie.

Franz von Arx und Elio Müller mit ihrem millionenschweren Fund.
Elio Müller und Franz von Arx mit ihrem millionenschweren Fund.

Wenn Elio Müller (29) und sein Firmgötti Franz von Arx (65) vom 19. September 2008 reden, tun sie das ruhig und unaufgeregt. Nur: Was sie damals aus dem Planggenstock in den Urner Alpen ans Tageslicht gefördert haben, ist eine veritable Sensation. In einer Kluft bei der Göscheneralp, rund 60 Meter im Innern des Bergs, entdeckte das Duo eine mehrere 100 Kilogramm schwere Gruppe von Rauchquarzkristallen mit teilweise über 100 Zentimeter langen und senkrechten Spitzen.

Der einstige Bauführer von Arx, der sich sein Hobby als Kristallsucher vor 24 Jahren nach ersten grösseren Funden zum Beruf machte, hatte im Granit gebohrt und war plötzlich auf einen Hohlraum im Felsen gestossen. Er erinnert sich: «Wir haben mit der Taschenlampe in die Nische hineingezündet. Vor uns lagen Kristalle, und es glitzerte und funkelte wie ein Tabernakel. Unglaublich, wir waren nach 16 Millionen Jahren die ersten Menschen, die diese Kristalle von einzigartiger Schönheit sehen konnten.

Das liess unsere Herzen höher schlagen.» Auch Müller sagt: «An jenen Moment werde ich mich mein Leben lang erinnern.» Nach dem Jahrhundertfund gingen die beiden ans Tageslicht, tranken einen Kaffee und arbeiteten danach weiter. Am Abend habe dann allerdings das Licht in der Hütte vor dem Stollen, wo sie nach getaner Arbeit wochentags übernachteten, ein bisschen länger gebrannt als üblich. Mit ein, zwei Gläsern stiessen sie auf den Fund an.

Im Gotthardgebiet bildeten sich vor 19 bis 14 Millionen Jahren Kristalle, als sich die Alpen um wenige Millimeter hoben und das Gestein, die darin enthaltenen Klüfte und das Wasser abkühlte. «Dies dürfte der Hauptgrund für die oft grossartige Kristallisation der alpinen Mineralien sein», erzählt von Arx. In den Kantonen Uri, Wallis, Graubünden, Tessin und im Berner Oberland sind die schönsten Riesenkristalle im Granit und Gneis versteckt. Das wussten schon die Kelten und Römer.

Heute machen schweizweit ein paar Hundert lizenzierte Hobbystrahler, wie die alpinen Kristall- und Mineraliensucher genannt werden, Jagd auf die verborgenen Schätze. Wer diese findet, darf sie behalten oder verkaufen. Und davon kann von Arx als einer der wenigen Schweizer leben.

Bereits 1993 entdeckte er mit seinem damaligen Strahlerfreund Paul von Känel im Planggenstock das wohl bedeutendste Kluftsystem der Alpen. Seither bohrt er sich immer tiefer in den Berg und entdeckte 2005 einen mit Kristallen gefüllten Klufthohlraum. Für diesen ersten grossen Fund bezahlte das Naturhistorische Museum Bern über vier Millionen Franken. «Wir suchen Kristalle mit dem Herzen und nicht mit dem Portemonnaie. Wenn keine Leidenschaft dabei wäre, würde es uns schnell verleiden», betont der nach Franz Steinegger und Bernhard Russi wohl bekannteste Urner, der heute in Beckenried NW wohnt.

Tatsächlich ist es hart und aufwendig, unzählige Kubikmeter Schutt von Hand abzutragen und jährlich mehrere 10 000 Franken für Maschinen, Geräte und Lagerräume zu investieren. Zudem sieht er seine Frau wochentags im Sommer nicht, weil er dann mit seinem jungen Altdorfer Kompagnon in der Hütte vor dem Stollen übernachtet. Die meist verschneiten Zufahrtswege ermöglichen die Schatzsuche nur zwischen Juni und September. Müller ist der Sohn eines guten Freundes von Franz von Arx und schon seit vielen Jahren in seiner Freizeit als Strahler unterwegs.

Während der kälteren Jahreszeit arbeitet er als Maurer. «In der Höhe finde ich die Ruhe. Sie ist ein Ausgleich zum Bau, wo es manchmal hektisch ist. Und die Kristalle sind schliesslich nicht geschaffen worden, um in einem dunklen Loch ihr Dasein zu fristen …»

Den Jahrhundertfund von 2008 verkauften Müller und sein Firmgötti von Arx an eine Privatperson. Mit dieser wurde vereinbart, die Kristallgruppe im Museum Gotthardfestung auszustellen. Müller sagt: «Es war unser grosses Anliegen, dass die Steine öffentlich zugänglich sind.» Vor wenigen Tagen wurden die Riesenkristalle nun zur Sasso San Gottardo hochgefahren, wo sie für die nächsten fünf Jahre hinter Vitrinen im Museum der Gotthardfestung zu bestaunen sind.

Diesen Sommer bohren sich die beiden Innerschweizer in ihrem Stollen tiefer vorwärts. Ruhe bei der Arbeit und die Hoffnung auf schöne Kristalle sind ihnen Antrieb genug. Doch niemand weiss, ob und nach wie vielen Jahren sie für ihre Arbeit belohnt werden.

Einen kleinen Teil der gefundenen Schätze haben sowohl von Arx als auch Müller zu Hause hinter Vitrinen ausgestellt. «Wenn ich eine Scheisslaune habe, schaue ich die Kristalle an, und dann geht es mir wieder besser», sagt von Arx – für ein Mal ungeschliffen wie ein aus dem Dunkel geborgener Kristall.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Boris Bürgisser