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29. Juni 2015

Krise in Europa

Warum kann der Kontinent seine wirtschaftlichen Probleme nicht lösen?

Ein unseliges Seilziehen zwischen der EU und Griechenland dominiert die Schlagzeilen seit Wochen. Dabei verdeckt das Gezerre die wirkliche Misere in Europa. Diese geht nämlich viel tiefer. Sie äussert sich zum Beispiel im Heer von mehr als 23 Millionen Arbeitslosen. Im Grunde mangelt es dem alten Kontinent vor allem an einem: Unternehmertum.

Im Vergleich zu den USA gerät Europa immer mehr ins Hintertreffen. Amerika besitzt eine Vielzahl neuer erfolgreicher Firmen – alle ­gegründet von Leuten der heutigen Generation: Apple, Google, Microsoft, Facebook, Amazon und so weiter. Diese innovativen Unternehmen schaffen Arbeitsplätze und bringen Wohlstand. Zur Illustration: Allein der Apple-Konzern hält so viel Cash, dass er 60 Prozent der Schulden Griechenlands auf einen Schlag begleichen könnte. Für die restlichen 40 Prozent würde der Gewinn aus drei Jahresperioden reichen.

Doch leider sucht man die europäischen Pendants zu Apple, Google und Co. vergebens. Wie immens das unternehmerische Defizit in Europa mittlerweile ist, verdeutlicht die obenstehende Rangliste der weltweit wertvollsten Konzerne. Klammert man die schweizerischen Firmen aus, dann kommt der höchstklassierte rein europäische Vertreter gerade mal auf Platz 31 (Royal Dutch Shell). Und sogar erst auf Rang 72 steht das wertvollste europäische Unternehmen, das innerhalb der letzten 40 Jahre gegründet worden ist: Inditex mit der Modekette Zara.

Wie könnte Europa seinen unternehmerischen Abstieg stoppen? Vor allem müssten die Länder in ­einer wahren Sisyphusarbeit ihre unzäh­ligen bürokratischen Hindernisse abbauen. Zwei Beispiele: In Frankreich besteht für Firmen ab 50 Mitarbeitern ein unüberschaubares Geflecht an Vorschriften. Deshalb gibt es dort doppelt so viele ­Unternehmen mit nur 49 als mit 50 Beschäftigten – ein Grossteil verzichtet also lieber auf ein weiteres Wachstum. In ­Italien braucht es laut einer Studie der Weltbank 124 Tage, um einen Stromanschluss zu bekommen – länger als in Kasachstan.

Solche Fakten sind zu wenig spektakulär, um mit den Schlagzeilen über den griechischen Verhandlungspoker mitzuhalten. Doch haben sie entscheidend Einfluss darauf, welchen Wohlstand Europa für die nächste Generation bewahren kann. MM

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Autor: Albert Steck