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08. Dezember 2014

Der Holzschnitzer vom Brienzersee

Hanspeter Stähli ist der dienstälteste Holzbildhauer der Schweiz. Seine Figuren und Krippen haben es bis in die USA geschafft. Ein Besuch in Brienz, dem Zentrum der heimischen Holzschnitzerei.

Holzschnitzer Hanspeter Stähli
Holzschnitzer Hanspeter Stähli im Ladenlokal in Brienz BE: Vor 40 Jahren hat er seine Lehre absolviert, und noch immer übt er sinen Beruf mit viel Freude aus.

Es weihnachtet sehr am Brienzersee. Tiefe Wolken hängen über dem türkisgrünen Gewässer und ver­decken teilweise die verschneiten Berggipfel. An der Hauptstrasse in Brienz BE steht das Haus der Holzbildhauerei Huggler, umgeben von Weihnachts­beleuchtung und Kunstwerken aus Holz. Hinter dem Ladenlokal arbeitet Hans­peter Stähli (58) an seiner Werkbank. In der Werkstatt, die dem Publikum offen steht, fällt ein von Stähli gezimmerter Spruch auf einem Holzbrettchen auf: «Senf gehört zur Bratwurst auch – wie die Saucisson zum Lauch!» Der Reim bringt seine Vorliebe für Wurstwaren auf den Punkt. Mit seinem kurzen Haarschnitt und seiner unaufgeregten Art hat der Berner Oberländer Züge eines ­buddhistischen Mönchs – wären da nicht seine dezente Designerbrille der Marke Diesel und dieser Spruch.

Die Figurren sind aus weichem Lindenholz und 14 Zentimeter klein.
Die meisten Figuren sind aus weichem Lindenholz und 14 Zentimeter klein. Vom Rohling bis zur Figur dauert es drei Stunden.

Seit seiner Holzschnitzerlehre vor über 40 Jahren schafft Stähli aus Holz Menschenfiguren. In der Region von Brienz arbeiten noch rund 20 Holzbildhauer, die von diesem alteingesessenen Kunsthandwerk leben. «Als ich in die Lehre kam, waren wir allein in unserer Firma 15 oder mehr Schnitzler. Heute sind wir noch 6. Die Nachfrage ist stark zurückgegangen», sagt der Dienstälteste in der Holzbildhauerei, die seit dem Jahr 1900 mit verarbeitetem Holz Geld macht. Er begründet die Entwicklung mit den Terroranschlägen vom 11. September und der Dollarschwäche. Seither seien amerikanische Touristen nur noch seltene Gäste am Brienzersee und im Ladenlokal der Holzbildhauerei.

Dank den Holzschnitten zum Fan der USA geworden

Sein Lehrer habe ihn motiviert, diesen Berufsweg einzuschlagen, «weil ich gut zeichnen konnte». Stähli gefällt an seiner Arbeit die Kreativität. Nicht ahnen konnte er, dass er durchs Holzschnitzen die Welt kennenlernen durfte. Als Schauschnitzer war er für die Swissair in Saudi-Arabien, danach für eine Sommersaison in den USA, genauer in New Glarus im Bundesstaat Wisconsin. «Dort habe ich entfernte Verwandte, die ich erst dank meiner Arbeit kennengelernt habe», erzählt er.

Obwohl Stähli für die Verwandlung vom Rohling bis zur Figur mit dem Holzhammer und 30 bis 40 verschiedenen Schnitzmessern nur drei Stunden benötigt, schnitzt er bereits Anfang Jahr und selbst im Sommer Weihnachtsfiguren. «Das ist unser Brot. Wir müssen das machen, was bestellt wird», sagt er, wobei das Unternehmen stets versucht, dem Publikum neue Figuren schmackhaft zu machen. Eine Zeit lang waren Affen gefragt. Der neuste Brienzer Wurf sind Lamas und ihre Hirten, die allerdings auch erboste Reaktionen ausgelöst haben. «Ein Teil der Leute beschwerte sich, dass Lamas bei den Krippenfiguren nichts verloren haben», sagt Stähli.

Am liebsten formt er aus dem am meisten verwendeten weichen Lindenholz, das nahezu keine Äste und somit eine schöne Struktur aufweist, König Melchior. Aus einem einfachen Grund: Für den Berner Oberländer geht diese Figur am leichtesten von der Hand. Trotzdem: Wenn er sie anfertigt, ist er nur mit dem Holz beschäftigt und hat keinen Platz für andere Gedanken.

Die hölzerne Maria auf Esel kostet 472 Franken

Der König Melchior aus Lindenholz ­gehört zum Sortiment der Krippe Christnacht, dem Verkaufsschlager der Holzbildhauerei. Ihn gibt es für 283 Franken, die Maria auf Esel mit Kind für 472 Franken. Stähli weiss: «Im Herbst beginnt die Krippensaison. Dann besuchen uns die Leute, um einzukaufen.» Für ihn verkörpern Weihnachtskrippen Tradition, verströmen Stimmung und sind «etwas Schönes, das Freude bereitet. Meine Frau hat sie sehr gern. Das ist ideal, denn so weiss ich, was ich ihr schenken soll», sagt er und ­lächelt. In seinem Zuhause in der Nachbargemeinde Hofstetten BE steht ebenfalls eine Christnacht-Krippe. Stähli schenkte seiner Frau jedes Jahr eine andere Figur, die er in seiner Freizeit ­geschnitzt hatte. Vergangene Weihnachten hat er ihr die letzte überreicht, die in der Sammlung fehlte. Der Schnitzer vom Brienzersee muss sich für diese Festtage ein anderes Präsent einfallen lassen.

«Weihnachten und Krippen»: Die Weihnachtsausstellung im Landesmuseum Zürich dauert noch bis zum 4. Januar 2015.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Annette Boutellier