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14. März 2016

Kreidemalerei

Kreidemalerei
Im Schulhof fix die Kreide ausgepackt und los gehts: Zuerst ein F ... (Bild: Fotolia)

Am Anfang war ein Stück Kreide. Niemand weiss, wie es auf den Pausenplatz gelangte, vielleicht war es von daheim mitgebracht worden. Oder ein Kind hatte es aus einem Klassenzimmer mitgehen lassen. Ist auch egal. Kreide ist schliesslich nur ein Stück gepresstes Kalziumsulfat, Massenware, in jeder Schule tonnenweise vorhanden. In der Regel geht keine Gefahr von den kleinen Tafelstiften aus.
Es sei denn, jemand aus der 1. Klasse benutzt den Stängel, um mitten in der Pause damit etwas sehr Unanständiges auf den Boden zu schreiben. Ein Wort aus einer fremden Sprache, nicht gerade alltagstauglich, eher derb und unschön im Klang. Aber dennoch auch unter Kindern sehr verbreitet und populär. Sie ahnen es schon: Es beginnt mit einem F.

Der Schreiber oder besser gesagt die Schreibergruppe war schnell ermittelt. Das Corpus delicti (Kalziumsulfat!) wurde sichergestellt, das Grüppchen zu Gesprächen einbestellt. Alles nachvollziehbar, alles sinnvoll. Zumindest theoretisch.

Jetzt kommt der Haken: Beim «Verhör» stellte sich heraus, dass die Kritzelkünstler das Wort zwar orthografisch korrekt wiedergegeben, jedoch keinen Schimmer hatten, was genau es bedeutet. Sie wussten nur intuitiv, dass den vier Buchstaben etwas Verbotenes anhaftet. (Deswegen hatten die Nerven beim Schreiben auch so schön gekitzelt.) Und dass F-Wörter selten in Schulbüchern auftauchen, obwohl sie scheinbar international verständlich sind.

An dieser Stelle gehen meine Gedanken zu den Lehrpersonen. Ich stelle mir eine Gruppe engagierter Leute vor, die nun den Job hatten, aus dieser Nummer wieder rauszukommen. Ich war natürlich nicht dabei, aber ich schätze mal, die Erwachsenen sind bei dem Versuch, dem bösen Wort einen Inhalt zu geben, grandios gescheitert.
Warum? Weil sich die vier Buchstaben kaum mit zwei Sätzen erklären lassen. Das Wort kann wie eine Interjektion mit Ausrufezeichen benutzt werden, es kann im Imperativ stehen, es kann zum Partizip werden und so weiter. Das ist nur die grammatische Dimension. Über die Bedeutungsvielfalt, die metaphorische und etymologische Ebene muss ich nicht reden, oder?

Am Ende der Unterredung war das Schülergrüppchen dennoch ein bisschen schlauer: 1. Kalziumsulfat kann gefährlich sein. 2. Das F-Wort darf man nicht auf den Pausenplatz schreiben.

Autor: Bettina Leinenbach